De Jager gewählt : KOMMENTAR: Neuer Hoffnungsträger

Der neue CDU-Parteichef Jost de Jager ist um seine Aufgaben wahrlich nicht zu beneiden, sagt sh:z-Chefredakteur Stephan Richter.

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25. September 2011, 01:58 Uhr

Die Nord-CDU hat aus der Not eine Tugend gemacht. Als die Schulmädchen-Affäre des einstigen "Kronprinzen" Christian von Boetticher die Konservativen erschütterte, geriet die Partei nicht in eine Schockstarre. Sie besann sich vielmehr auf den Leistungsträger im Kabinett Carstensen. Das gute Ergebnis, mit dem Wirtschaftsminister Jost de Jager jetzt zum neuen Landesvorsitzenden gewählt worden ist, spricht Bände. Der 46-Jährige ist über alle Lager hinweg geschätzt. Er ist integer, er ist ein "Macher" - und er ist vor allem fleißig. Eigenschaften, die viele in der Nord-CDU beim Vorgänger vermissten.
Jost de Jager tat beim Landesparteitag das einzig Richtige: Er ging auf die Basis zu, versuchte die Reihen zu schließen. Dahinter steckt wohl auch die Sorge, dass dem designierten Spitzenkandidaten für die Landtagswahl im Mai 2012 die Unterstützung aus dem eigenen Lager wegbrechen könnte, sollte der rot-grüne Trend anhalten und die FDP weiter am Abgrund taumeln. Im Landtags-Wahlkampf vor elf Jahren musste der damalige CDU-Herausforderer von Heide Simonis erleben, wie ihm die eigene Partei die Gefolgschaft versagte. Volker Rühe hatte schon wie der sichere Sieger ausgesehen, als die Parteispenden-Affäre alles veränderte. Plötzlich schlugen sich viele Wahlhelfer, die sich davor nicht eng genug um ihn scharen konnten, in die Büsche.
So könnte auch das Selbstbewusstsein, das die christdemokratischen Nordlichter nach der Wahl ihres neuen Hoffnungsträgers Jost de Jager ausstrahlen, mit den nächsten Meinungsumfragen schnell wieder in den Keller rutschen. Denn die Luft ist dünn. Nach der Berlin-Wahl mehren sich bei den Grünen die Stimmen, vorerst die Finger von schwarz-grünen Koalitions-Überlegungen zu lassen. Selbst die Bundes-CDU gibt die Parole aus, dass die FDP derzeit mangels Alternativen der einzige mögliche Koalitionspartner sei.
Doch will Jost de Jager wirklich den Wahlkampf im Norden mit einem "Weiter so" führen? Tatsächlich haben sich bereits viele CDU-Wähler enttäuscht von der schwarz-gelben Koalition in Kiel abgewandt. So ist der neue Parteichef um seine Aufgaben wahrlich nicht zu beneiden.

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