Kommentar: Gemeinsam gegen den Wind

Die Landesregierungen in Schleswig-Holstein und Hamburg begraben im Standort-Streit um die Windmesse rechtzeitig das Kriegsbeil.

Avatar_shz von
15. Oktober 2011, 10:09 Uhr

Spät haben die Landesregierungen in Schleswig-Holstein und Hamburg erkannt, dass das Tauziehen um den künftigen Standort für die Windenergie-Leitmesse nicht zu politischen Spiegelfechtereien taugt. Wenn in den vergangenen Tagen von Kiel kleine "Kriegserklärungen" in die Elbmetropole gesandt wurden, dann hat dies nur unnötig die Fronten verhärtet statt Lösungen voranzutreiben. Deswegen war es höchste Zeit, dass sich Ministerpräsident Peter Harry Carstensen und Hamburgs Bürgermeister Olaf Scholz trafen, um endlich wieder den Gesprächsfaden aufzunehmen. Denn die beiden Nachbarländer sind letztlich nur Zuschauer eines knallharten Wettbewerbs von Unternehmen, von der Lobbyarbeit ihrer Verbände und von Messegesellschaften.
Die Frage, wie viel Macht und Einfluss Politik überhaupt auf derartige Entscheidungsprozesse hat, sei dahingestellt. Sicher ist jedoch, dass Hamburg und Schleswig-Holstein in globalisierten Märkten nur eine Chance haben, Entwicklungen zu beeinflussen, wenn sie kooperieren. Sonst werden Windmessen bald nicht mehr in Europa, sondern in Asien stattfinden.

Beide Industrie- und Wirtschaftsstandorte überschätzen sich, wenn sie glauben, sie seien der Nabel der Welt. Gleiches gilt für den Branchenverband VDMA Power Systems, der sich dazu aufschwingt, nach Funktionärsart zu entscheiden, wohin sich künftig internationale Aussteller zu begeben hätten. Internationale Windanlagen-Bauer lachen nicht über den kleineren Messestandort Husum. Wie sehr sie die Pioniere an der Westküste bei allen Infrastruktur-Nachteilen schätzen, hat ihre Zufriedenheit mit der WindEnergy bewiesen. Den Kopf werden sie über den Provinzialismus des deutschen Branchenverbandes schütteln.

Im übrigen ist es nicht das erste Mal, dass Unternehmen oder Verbände mit Regionen und ihren Menschen umgehen, als seien sie nur Staffage. Man nehme das Nokia-Werk in Bochum, das 2008 von dem finnischen Handyhersteller kurzerhand dichtgemacht und nach Rumänien verlagert wurde. Dort wurden neue Subventionen kassiert, doch nun verlieren auch dort die Beschäftigten ihre Jobs, weil die Produktion nach Asien verlagert werden soll. Wenn die Politik solcher Selbstherrlichkeit die Grenzen aufzeigen will, muss sie geschlossen handeln. Wenigstens wollen Olaf Scholz und Peter Harry Carstensen jetzt wieder miteinander telefonieren.

zur Startseite

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen