zur Navigation springen

Lokalsport : Klassekicker für kranke Kinder am Ball

vom
Aus der Redaktion des Ostholsteiner Anzeigers

Die Nord-Ostsee-Auswahl tritt für den Verein „Mukoviszidose“ an und hat seit ihrer Gründung 1996 Spenden in Höhe von rund 800 000 Euro eingespielt.

shz.de von
erstellt am 08.Feb.2015 | 18:26 Uhr

„Wir spielen miteinander Fußball, nicht gegeneinander“, stellt Klaus Gudat klar. Er hat zusammen mit Dr. Bernd Brexendorf und Rudolf Diener 1996 die Nord-Ostsee-Auswahl ins Leben gerufen. Eine Mannschaft, die aus exzellenten Fußballern besteht und sich zum Ziel gesetzt hat, Kindern zu helfen, die an der unheilbaren Muskelkrankheit Mukoviszidose leiden. Sportlich gab es für das Team um Ex-HSV-Profi Peter Hidien zum Abschluss der Hallensaison einen Sieg beim Turnier der Lebenshilfe Mölln-Hagenow.

Selbst von der Tribüne aus ist der Weg des Balls nur schwer zu verfolgen. Tobias Homp auf Dietmar Hirsch, der zu Rolf Nielsen und dann rauscht der Ball ins Tor, den Gegenspielern bleibt da oft das Nachsehen. Das Turnier in Mölln steht unter dem Motto „Begegnungen“ und wirbt für Inklusion. Geschäftsführer Hans-Joachim „Jockel“ Grätsch ist passionierter und erstklassiger Fußballtorwart. So brachte er mit seinem Dienstbeginn in Mölln vor gut 25 Jahren den Fußball ins Spiel, um die damaligen Möllner Werkstätten stärker ins Blickfeld zu rücken. Als Grätsch ein Hallenturnier auf die Beine stellte, gehörte die Nord-Ostsee-Auswahl zu den Teams der ersten Stunden – und ist seitdem Stammgast.

Klaus Gudat ergreift bei der Siegerehrung das Wort und wirbt bei den Spielern der anderen Mannschaften um Spenden. 800  000 Euro hat die Auswahl in den knapp zwei Jahrzehnten eingespielt, davon unter anderem 300  000 Euro für das Haus „Sturmvogel“ auf der Insel Amrum zur Verfügung gestellt, in dem sich Familien mit mukoviszidose kranken Kindern erholen können, die auf die nächste Therapie warten oder sich von einer Transplantation erholen wollen. Mit 25  000 Euro pro Jahr finanziert der Verein „Mukoviszidose“ eine Arztstelle in Kiel. Klaus Gudat führt die Liste aus dem Stegreif fort, fünf Elektrofahrräder für die Klinik in St.-Peter-Ording fallen ihm spontan ein.

„Wir wollen von dem Glück, das wir hatten, etwas abgeben“, sagt Dietmar Hirsch, der in Mölln als Kapitän den großen Siegerpokal in Empfang nahm. Die Bereitschaft sei riesengroß. Andere Trainer werden Klaus Gudat sicher beneiden. „Ich muss immer einigen Spielern absagen“, sagt der in Mölln zwölf Spieler aufbieten kann. Bei fünf Feldspielern und einem Torwart sind das zwei komplette Mannschaften, die Peter Hidien, mit 101 Einsätzen in der Nord-Ostsee-Auswahl der Rekordspieler, mit taktischem Geschick aufstellt. Peter Hidien war 1977 Europapokalsieger mit dem Hambruger SV, für den er von 1972 bis 1982 kickte und mit dem er 1979 und 1982 Deutscher Meister wurde.

„Wir haben ja keinen eigenen Platz und keine eigene Halle, daher sind wir darauf angewiesen, dass uns andere einladen“, stellt Klaus Gudat fest. Dabei verbindet ihn und seine Kicker zum Lebenshilfewerk Mölln-Hagenow eine besondere Beziehung: „Das ist für uns immer so eine Art Heimspiel.“

Ein Torwart der Nord-Ostsee-Auswahl ist Tim Cassel, der als Erstklässler beim TSV Malente mit Trainer Kurt Boll mit dem Fußballspielen angefangen hat. „Ich treffe öfter alte Weggefährten wie neulich Frank Langowski oder Lars Unger, der von Malente über Neustadt zum SV Werder Bremen in die Bundesliga ging, entweder als Mitspieler in der Auswahl oder auch als Gegner. Dann ist Kurt Boll immer ein Thema“, sagt Cassel, der heute stellvertretender Geschäftsführer des Schleswig-Holsteinischen Fußballverbandes (SHFV) ist. Boll war Hausmeister der Malenter Grundschule und bekam wegen seines spärlichen Haarwuchses den Spitznamen „Kojak“ verpasst. „Kojak war unser Lieblingstrainer“, sagt Cassel.

„Für uns ist das Turnier in Mölln der Schlusspunkt der Hallenserie“, stellt Klaus Gudat fest, dessen Fußballnetzwerk eine Spielerliste hervorgebracht hat, die sich wie das „Who is Who“ des norddeutschen Fußballs liest. „Es macht Spaß in dieser Gruppe Fußball zu spielen, das sind lauter gute Fußballer, von denen jeder weiß, wofür wir antreten“, sagt Dietmar Hirsch. Seine Profilaufbahn hat ihn in der Bundesliga zum MSV Duisburg, Borussia Mönchengladbach, den FC Hansa Rostock und zur Spielvereinigung Unterhaching gebracht. Als Spieler hat er zuletzt das Trikot des VfB Lübeck getragen. Heute ist Dietmar Hirsch Fußballlehrer, er hat auf diesem Gebiet seine ersten Erfahrungen in der 3. Liga beim SV Elversberg gesammelt.

Interessant wird es, wenn ein Gegner Paroli bietet. Da kommen die Routiniers auf Touren, das Tempo wird erhöht, die Zweikämpfe werden intensiver. Als im Spiel gegen die Möllner Stadtverwaltung ein Gegenspieler humpelnd vom Spielfeld und die Mannschaft ihn mangels Ersatzspielern nicht ersetzen kann, beordert Klaus Gudat sofort einen Spieler der Nord-Ostsee-Auswahl vom Feld, so das nicht mehr fünf gegen fünf, sondern vier gegen vier Feldspieler um den Ball spielen. Und dabei liegt die Auswahl zu diesem Zeitpunkt mit 0:1 hinten. Letztlich setzen sich die Spieler, die Klaus Gudat aus dem ganzen Norden zusammengetrommelt hat, mit 3:1 Toren durch.

Dabei beweist Tobias Homp, der unter anderem 80 Bundesligaspiele für den Hamburger SV in den Füßen hat, dass sich 270 Profispiele auszahlen, denn er nimmt einen Eckball von Dietmar Hirsch mit einer geschmeidigen Bewegung an und schiebt den Ball mit einem kurzen Hackenkick dem Torwart durch die Hosenträger zum 2:1 ins Netz. Letztlich setzt sich die Auswahl mit 3:1 durch, ein weiterer Schritt auf dem Weg zum Turniersieg. Zehn Minuten vor dem nächsten Spiel herrscht im Kabinengang Hochbetrieb: Die Nord-Ostsee-Auswahl bereitet sich auf den nächsten Einsatz vor.

Die Spieler nutzen den Gang als Laufbahn, am Kopfende steht Hjalmar Krabbe und spielt sich den Ball mit seinem Sohn Mats zu. Peter Hidien kommt vorbei und guckt sich das Spiel interessiert an. „Nimm doch auch mal den rechten Fuß“, gibt er dem Jungen mit auf den Weg, der ein Mönchengladbacher Torwarttrikot mit dem Namen „Sommer“ auf dem Rücken trägt, das prima zum schwarzen Dress der Auswahlkicker passt. Für die nächsten Spielergenerationen der Nord-Ostsee-Auswahl ist also gesorgt.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen