Kommentar zum Jahreswechsel : Keine Angst vor Veränderungen

Stephan Richter
Stephan Richter

Das Jahr 2010 hat vor allem eines gezeigt: Krisen können überwunden werden, und Pessimisten behalten nicht immer Recht.

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01. Januar 2011, 12:13 Uhr

Enttäuscht vom zu Ende gehenden Jahr 2010 können nur die Pessimisten sein. Sie hatten vor zwölf Monaten im Angesicht der internationalen Finanzkrise den Untergang vorausgesehen. Und jetzt das! Die Wirtschaft ist wieder in Fahrt, der Export boomt, der Arbeitsmarkt steht so gut wie seit langem nicht mehr da. Im Gegensatz zu den düsteren Prognosen beim Jahreswechsel 2009/2010 geben diesmal die Optimisten die Stimmung vor.
Der Bürgerrechtler und Präsidentschaftskandidat Joachim Gauck hat Recht, wenn er der deutschen Gesellschaft im Interview mehr Selbstvertrauen empfiehlt. Dass derzeit Mut und Zuversicht wachsen, wird kaum einen verwundern. Es geht schließlich aufwärts. Das Vertrauen in die eigene Stärke wird erst dann wieder auf die Probe gestellt, wenn die positive Entwicklung in der Wirtschaft und auf dem Arbeitsmarkt einen Dämpfer erhalten. Risiken für einen Rückschlag gibt es genug.
In einer immer älter werdenden Gesellschaft gehen dabei die Erwartungshaltungen auseinander. Da sind die Rentner und Pensionäre mit eigenem Häuschen, die vor allem die Früchte eines langen Berufslebens ernten wollen und den Status quo verteidigen. "Eine Gesellschaft, die glaubt, ihren Zenit erreicht oder überschritten zu haben, fürchtet Veränderungen", schreibt Allensbach-Chefin Renate Köcher.
Auf der anderen Seite die jüngere Generation, die beispielsweise auf dem Arbeitsmarkt vor hohen Herausforderungen steht. Fast "automatische" Wohlstandsgewinne gibt es nicht mehr. Auf Studium und Ausbildung folgen oft unbezahlte Praktika, befristete Arbeitsverträge oder Scheinselbstständigkeiten. Jüngere Menschen müssen überdies von ihren sinkenden Nettolöhnen erheblich mehr für ihre private Altersvorsorge aufbringen als die Nachkriegsgeneration. Und trotzdem droht einer wachsenden Zahl von Arbeitnehmern wegen gebrochener Arbeitsbiografien oder Minilöhnen Altersarmut.
Für diese Generation ist Veränderung nicht gleichbedeutend mit Verschlechterung. Sie braucht mehr Gestaltungsmöglichkeiten. Dazu muss der Handlungsspielraum in den öffentlichen Haushalten wieder hergestellt werden. Doch statt die staatlichen Ausgaben zu drosseln, statt bei den Subventionen zu sparen und die sozialen Sicherungssysteme wieder in den Griff zu bekommen, werden neue Leistungsgesetze beschlossen, werden die Bundesbürger entgegen der Postulate der schwarz-gelben Regierung immer stärker zur Kasse gebeten - Zusatzbeiträge für gesetzlich Krankenversicherte inklusive.
Solche Entwicklungen schreien nach Wandel - nicht nach kurzsichtiger Verteidigung des Wohlstandsniveaus. So könnte sogar ein Sparpaket, wie es zum Jahresende in Schleswig-Holstein geschnürt worden ist, so etwas wie Aufbruchstimmung erzeugen. Dazu gehört allerdings mehr als nur der Rotstift. Mit dem Sparen muss eine Zukunftsperspektive verbunden werden, die über die nächsten Krisen auf den Finanzmärkten hinausgeht. Zeit für eine jüngere Politikergeneration von Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) über die mecklenburgische Sozialministerin Manuela Schwesig (SPD) bis zum schleswig-holsteinischen Grünen Robert Habeck, um nur drei Namen zu nennen. Denn auch und gerade die Politik lebt vom Wandel.

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