Konzerte : Jazz Baltica: Heißer Jazz zum Jubiläum

Jazz-Diva und „Desperate Housewifes“-Fan: China Moses.
Jazz-Diva und „Desperate Housewifes“-Fan: China Moses.

Rekord: Das internationale Festival Jazz Baltica lockte 13000 Besucher nach Niendorf / Ostsee

shz.de von
05. Juli 2015, 17:02 Uhr

Niendorf | Es ist heiß unter dem Dach der Evers-Werft. Sehr heiß. Und als Maceo Parker die Bühne betritt, beginnt der Saal zu kochen. Der Großmeister des Funk entfacht bei der Dance Night ein Feuer, das sofort aufs Publikum überspringt. Der 72-Jährige sprüht noch immer vor Energie, seine Augen leuchten, wenn er seine Musiker nach vorn peitscht. Er habe sich gewundert, sagt er mit einem süffisanten Lächeln auf den Lippen, dass er zu einem Jazz-Event eingeladen worden sei. „Ich liebe Jazz, zum Beispiel bei der Autowäsche“, frotzelt er. Greift zu seinem Altsaxofon,  ein paar Takte von Duke Ellingtons „Satin Doll“ – mit seiner ganz eigenen Phrasierung, nur vom Piano begleitet.

Rund 13.000 Besucher haben im kleinen Fischereihafen von Niendorf an der Ostsee das 25. Jubiläum des Festivals JazzBaltica gefeiert. Insgesamt gab es seit Freitag zwölf Konzerte, acht Open-Air-Veranstaltungen und zwei Kinderprogramme. „Ich bin sehr glücklich und total euphorisch. Alles hat gestimmt: die Musik, das Wetter und vor allem das Publikum“, sagte der Künstlerische Leiter des internationalen Festivals Nils Landgren.


„Und nun lasst uns die gute alte Musik hören: Funky music!“ Die Show kann beginnen, mit einem überbordenden Groove, die Menge schwitzt, klatscht, tanzt. Parker ist nicht nur mitreißend mit seinem unvergleichlich perkussiven Stil, sondern auch als Entertainer, wenn er etwa Ray Charles persifliert oder die Band wie eingefroren in sekundenlanger Starre verharren lässt. Er beschwört den Geist von James Brown und Marvin Gaye, und als sich schließlich Festival-Chef Nils Landgren mit seiner roten Posaune dazu gesellt, gibt es kein Halten mehr.

Der Auftakt zuvor, der traditionell vom Jazz-Baltica-Ensemble bestritten wird, ist von einem ganz anderen Kaliber. Die zehn perfekt aufeinander eingespielten Musiker liefern die ideale Einstimmung zum 25-jährigen Jubiläum des Festivals. Die Band besticht durch stets ausgeklügelte Arrangements, mit feinen Soli  von der Hamburger Gitarristin Sanda Hempel oder dem Saxofonisten Raivo Tafenau. Und Hildegunn Øiseth bringt mit ihrem Ziegenhorn eine besondere Note ins Spiel. Ein Höhepunkt: das von dem erst 24-jährigen Posaunisten Janning Trumann komponierte „Hymn“.  Allein das mündet in stehende Ovationen und macht Appetit auf mehr.

Etwa auf den italienischen Trompeter Enrico Rava, der mit seinem Posaunisten Gianluca Petrella befeuernde Dialoge entspinnt, um danach, mit geschlossenen Augen kontemplativ am Flügel lehnend, den Klängen seiner Band zu lauschen.  Tasten und Trommeln erzeugten derweil donnernde Gewitter, die Zuhörer werden mit kurz angerissenen Melodielinien und brachialen Tempowechseln konfrontiert. Pianist Giovanni Guidi, 50 Jahre jünger als sein „Entdecker“, glänzt mit herrlich-unorthodoxem Spiel. Der Aufforderung zum Tanz können die Gäste in der bestuhlten Werft indes nicht nachkommen, selbst der finale Tango zum wird im Sitzen genossen.Marcin Wasilewski ist ein Ausnahmepianist und mit seinem polnischen Trio ein gern gesehener Gast bei Jazz-Baltica. Er fischt gleich zu Beginn auf faszinierende Weise eine „Message“ aus der „Bottle“, um später leisere Töne anzustimmen. Bewegend seine Ballade „Austin“, mit der er an den hochtalentierten, mit nur 22 Jahren verstorbenen Klaviervirtuosen Austin Peralta erinnert, den er vor einigen Jahren bei Jazz-Baltica in Salzau kennengelernt hatte. Kongenial sein Zusammenspiel mit dem Saxofonisten Joakim Milder aus Stockholm.

Dann betritt eine Jazz-Diva die Bühne: Rotes Kleid, Fächer, halsbrecherische Highheels. China Moses erobert mit ihrer unwiderstehlichen Präsenz und unbändiger Vitalität die Herzen im Sturm. Lässt das Publikum teilhaben an ihrer Leidenschaft für „Desperate Housewifes“ und für Dinah Washington, die, so lässt sie wissen, bis zu ihrem Tod mit 39 Jahren sieben Ehemänner verschlissen hatte. Und dann singt sie den Blues – so göttlich wie ihr großes Vorbild. In „Watch Out“ beschreibt sie die Konversation mit ihrem Spiegelbild nach dem Genuss zahlloser Tequilas. Ein Genuss auch ihre Performance, ganz in der Tradition ihrer Mutter, der großen Dee Dee Bridgewater.

Der Electro-Jazz von Nils Petter Molvær  schließlich bildet insofern eine Ausnahme, als dass er einige Zuhörer sichtlich überfordert. Während sich ein sphärischer Klangteppich über den fetten Beat der Rhythmusmaschine namens Sly (Dunbar) & Robbie (Shakespeare) legt, lichten sich die Reihen.

Kein Problem für Festival-Häuptling Nils Landgren, der mit seinem Rad stets entspannt und gut gelaunt zwischen den einzelnen Spielorten in Niendorf pendelt. Und immer für Überraschungen gut ist. So holt er zur Überbrückung einer Pause spontan einen jungen Posaunisten noch in der Badehose aus dem Strandkorb ins Rampenlicht und zelebriert mit ihm ein kleines Duett.

Eine Sternstunde für den Novizen. Und wer weiß, vielleicht kehrt er eines Tages wieder zurück – ganz offiziell, mit seiner eigenen Band.

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