Kreis Dithmarschen : Inzest-Verdacht: Gab es frühe Hinweise?

Die Familienverhältnisse waren Dorfgespräch. Das Jugendamt soll Hinweise unbeachtet gelassen haben. Landrat Dr. Jörn Klimant weist die Vorwürfe zurück.

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17. Dezember 2011, 09:47 Uhr

Weddingstedt | Der Inzest-Fall in einer Dithmarscher Großfamilie - die Behörden halten sich weiter bedeckt. "Die Ermittlungen laufen auf Hochtouren", ist der knappe Kommentar der Staatsanwaltschaft Itzehoe. Und auch vom Kreis Dithmarschen gibt es keine weiteren Informationen.
Landrat Dr. Jörn Klimant wies unterdessen Vorwürfe zurück, das Jugendamt habe Hinweise unbeachtet gelassen, dass möglicherweise in der Familie etwas nicht gestimmt habe. In einer Presseerklärung teilte er mit: "Alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Jugendamtes haben in jeder Hinsicht und zu jedem Zeitpunkt angemessen sowie in engem Kontakt mit Polizei und Staatsanwaltschaft mit aller vom Gesetzgeber gebotenen Sorgfalt gehandelt. Davon habe ich mich im direkten Gespräch mit den leitenden Mitarbeitern und dem beteiligten Team des Jugendamtes überzeugt."
Missbrauchs-Gerücht kursierte schon länger
Die Frage, ob die Jugendbehörde erst nach Bekanntwerden des Missbrauchsverdachts eingeschaltet wurde, beantwortete der Kreis nicht. Pressesprecher Bernhard von Oberg: "Aus Gründen des Opfer- und Datenschutzes erteilt der Kreis keine weitergehenden Auskünfte."
Nach NDR-Informationen soll es schon vor mehreren Monaten zumindest einen Hinweis an das Jugendamt gegeben haben, dass möglicherweise in der Familie etwas nicht stimmt. Wie Jugendliche im Dorf erzählen, kursierte zudem schon länger das Gerücht, dass in der Familie die Töchter missbraucht werden. Außerdem waren die Namen der Eltern offen auf einer Internetseite für Gruppensex-Kontakte zu lesen. Dies mindestens seit vier Jahren.
Diebstähle und Sachbeschädigungen
Einige Kinder der Familie waren auffällig. Sie sollen im Dorfladen gestohlen haben, der Geschäftsinhaber sprach Hausverbote aus. Einwohner berichten auch, dass die Kinder in der Gemeinde Sachbeschädigungen angerichtet hätten.
Der Vater der Großfamilie, Thomas B. (48), soll seine Töchter über Jahre mehrfach missbraucht haben. Warum hat niemand etwas bemerkt? Wie der stellvertretende Landesvorsitzende der Opferschutzorganisation Weißer Ring, Uwe Rath, erklärt, sei es nicht ohne weiteres möglich, auf einen möglichen Kindesmissbrauch innerhalb einer Familie aufmerksam zu werden. Für Außenstehende müsse es nicht unbedingt Auffälligkeiten geben, wenn eine Familie kaum oder nur wenig soziale Bindungen hat. In Fällen sexuellen Missbrauchs würden Opfer erfahrungsgemäß häufig unter Druck gesetzt: "Wenn Du etwas sagst, wird unsere Familie getrennt. Wir kommen ins Gefängnis, ihr kommt ins Heim."
"Es geht nicht ums Denunzieren"
Eine andere Variante könne sein, dass es Belohnungen für das Schweigen gibt. Eine wichtige Funktion, solche Fälle ans Licht zu bringen, hätten Verwandte, Nachbarn, Freunde, Lehrer und Ärzte. "Es geht nicht um das Denunzieren, sondern um Reagieren", betont Rath, der sich zum aktuellen Fall nicht äußert.
Wie die "Bild"-Zeitung berichtet, sollen Polizei und Jugendamt die Familie in Weddingstedt bereits länger im Visier gehabt haben. Es fehlten aber offenbar Beweise. Erst als eine Tochter in ihrem Sportverein von den Übergriffen erzählte, kam alles ans Tageslicht. Bestätigt wird dies von den Ermittlungsbehörden allerdings nicht.

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