In Delmenhorst strömten einst die Massen

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05. Dezember 2011, 08:05 Uhr

Viele Jahre galt Atlas Delmenhorst als Zuschauerbastion und Zweitligaaspirant. Doch in der Industriestadt zwischen Bremen und Oldenburg ging alles schief. Nachfolger Eintracht kickt heute nur noch in der 1. Kreisklasse.

Die Rezeptur war perfekt: eine Kleinstadt inmitten einer fußballbegeisterten Region, eine lange Industriegeschichte und eine überwiegend proletarische Einwohnerschaft, die sich herzhaft im Fußball auslebt.

Delmenhorst, 70 000 Einwohner stark und zwischen Bremen und Oldenburg gelegen, bot alles, um zu einer Fußballhochburg in Norddeutschland zu werden. Und in Spitzenzeiten erfüllte die nüchterne Industriestadt (Nordwolle, Deutsche Linoleum-Werke) auch die Erwartungen. Bis zu 10 000 Fans strömten ins Stadion an der Düsternortstraße, in Oldenburg zitterte man um seine Rolle als regionale Führungskraft und selbst Werder Bremen wurde aufmerksam. Doch in Delmenhorst machte man auch so ziemlich alles falsch, was man falsch machen kann. Als das Aus im Mai 1999 konkrete Formen annahm, resümierte das Delmenhorster Kreisblatt: "Nun ist es dokumentiert: Delmenhorst ist - zumindest sportlich - eben Provinz."

Rückblick. 1972 verhandelten die Delmenhorster Traditionsklubs SSV und FC Roland zum wiederholten Male über einen Zusammenschluss. Zwei ambitionierte Klubs waren einfach zu viel für die im ausklingenden Industriezeitalter kriselnde Kleinstadt. Wieder schien keine Lösung in Sicht, als der lokale Baumaschinenhersteller Weyhausen ("Atlas") auf den Plan trat. Sollte es zum Zusammenschluss kommen, so versprach er, würde er mit seinem Unternehmen als Hauptsponsor auftreten. Und als Ziel die 2. Bundesliga ausgeben. Ein verlockendes Angebot, das Delmenhorsts Fußball revolutionierte. Als SSV und FC Roland am 13. Juli 1973 die Kräfte bündelten, war mit dem VSK Bungerhof noch eine Handballgröße dabei, und wer die treibende Kraft hinter der Fusion war, zeigte sowohl der Name des neuen Großklubs (SV Atlas) als auch die Klubfarben Blau-Gelb, die mit denen des Atlas-Unternehmens korrespondierten.

Weyhausen hielt sein Versprechen. Angeführt vom umtriebigen Manager Peter Theis wurden Ex-Profis wie Heinz-Dieter Hasebrink und Nationaltorhüter Günter Bernard nach Delmenhorst geholt, übernahm der einstige Werderaner Helmut Jagielski das Training, explodierte Delmenhorst in eine brodelnde Fußballhochburg. 1974/75 gab der SV Atlas in 34 Saisonspielen lediglich zwei Zähler ab und verbuchte beim Heimkick gegen Falke Steinfeld mit 5000 Besuchern eine immerwährende Verbandsligarekordkulisse. In der Aufstiegsrunde zur Landesliga Niedersachsen begleiteten mehr als 2500 Delmenhorster die Blau-Gelben zum entscheidenden Spiel in Lüneburg und feierten einen 5:1-Sieg.

Die Landesliga sollte nur Durchgangsstation sein. Mit Edgar Nobs und Heiner Radbruch wurden zwei HSV-Profis angeheuert, und nach einer turbulenten Hinrunde nahm das Starensemble in der zweiten Saisonhälfte erneut Kurs auf die Meisterschaft auf. Durchschnittlich 4.000 Zahlende pro Heimspiel sahen den SV Atlas frühzeitig sein Ziel erreichen, und auch in der Aufstiegsrunde zur Oberliga war der Atlas-Express nicht zu stoppen. Gefeierte Held war Manager Peter Theis, den viele als "Dr. Krohn Nummer 2" bezeichneten. Tatsächlich gab es vor allem in der Außendarstellung Ähnlichkeiten mit dem schillernden HSV-Manager.

Ziel des SV Atlas war die 2. Bundesliga. Allerdings nicht die zweigleisige, denn "wenn sie einmal einteilig wird, wird man auch von Atlas sprechen", posaunte Theis 1976. Mit dem Aufstieg ins norddeutsche Amateuroberhaus wurden schon mal die Voraussetzungen für Profifußball in Delmenhorst hergestellt. Im Stadion Düsternort entstand eine wuchtige Sitzplatztribüne, mit Helmut Mrosla kam ein renommierter Coach und Spieler wie Rolf Behrens, Albert Voß, Jens Knop, Reinhold Specht sowie "Bubi" Bentrup sollten für die sportliche Klasse sorgen.

Zunächst lief es nicht rund. 1979/80 setzte man daher alles auf eine Karte. Bernd Oles als Trainer, Uwe Erkenbrecher als Libero, dazu fünf Verstärkungen aus der Fußballwiege Großbritannien: Atlas wollte, Atlas musste in die 2. Liga. Und verpasste die Aufstiegsrunde vor 4.000 mitgereisten Anhängern mit einem 1:2 bei den Amateuren des SV Werder.

Es war der Beginn einer schleichenden Talfahrt. 1980/81 sackte der Besucherschnitt auf 1.400 ab, und als Atlas in der Folgesaison nach einem 1:13-Punkte-Start unrettbar auf die Abstiegsränge zurückfiel, zahlten zum letzten Saisonspiel gegen Arminia Hannover ganze 132 Zuschauer ihren Obolus, nahm mit Manager Theis die Galionsfigur seinen Hut.

In der Folge wurde Atlas zur von den Fans im Stich gelassenen Fahrstuhlmannschaft. Ein letzter Hoffnungsschimmer war die erneute Rückkehr in die 3. Liga 1995. Nach zwei Jahren Zuversicht kehrte tristes Mittelmaß ein, und 1999 platzte die Bombe. Hauptsponsor Weyhausen (Atlas) war von Investoren übernommen worden, zu deren ersten Maßnahmen die Kappung der Beziehung zum SV Atlas gehörten.

Es folgten die Umbenennung in Delmenhorster SC, der Abstieg in die Niedersachsenliga und im Frühjahr 2002 die Streichung aus dem Vereinsregister nach Konkurs. Aus den Trümmern formte sich Eintracht Delmenhorst, die gegenwärtig in der 1. Kreisklasse unterwegs ist.

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