2,8 Millionen in 2016 : Immer mehr befristete Jobs in Deutschland

Mehr als jeder dritte Betroffene arbeitet unfreiwillig befristet. Besonders oft sind 25- bis 34-Jährige betroffen.

shz.de von
12. Dezember 2017, 07:47 Uhr

Berlin | Die Zahl der befristet Beschäftigten in Deutschland hat innerhalb der vergangenen 20 Jahre um mehr als eine Million auf rund 2,8 Millionen im vergangenen Jahr zugenommen. Das geht aus einer Antwort des Statistischen Bundesamtes auf eine Anfrage der Linken im Bundestag hervor. 2015 waren rund 2,7 Millionen Arbeitnehmer befristet beschäftigt. Berücksichtigt wurden alle abhängig Beschäftigten ab 25 Jahren. Jüngere Arbeitnehmer im Übergang von Schule oder Hochschule zum Arbeitsmarkt flossen nicht in die Statistik ein.

Der Anteil der befristet Beschäftigten an allen abhängig Beschäftigten stieg seit 1996 von 6,4 auf 8,5 Prozent. Der Anteil wuchs mit leichten Schwankungen bis 2006 auf 8,4 Prozent und schwankte seither zwischen 8,2 und 8,9 Prozent. Besonders oft sind 25- bis 34-Jährige betroffen. Hier stieg der Anteil von 9,6 Prozent vor 20 Jahren über 16,6 Prozent 2006 bis 18,1 Prozent im vergangenen Jahr.

Der Hauptgeschäftsführer des Arbeitgeberverbands BDA, Steffen Kampeter, wies darauf hin, dass der Anteil der Befristungen seit mehr als einem Jahrzehnt nahezu konstant und insgesamt unter neun Prozent geblieben sei. „Zudem erhalten mehr als zwei Drittel der befristet Beschäftigten eine Anschlussbeschäftigung“, sagte Kampeter. „Das unterstreicht, wie wichtig das Instrument als Beschäftigungsmotor ist.“ Die Linke-Politikerin Sabine Zimmermann forderte einen Stopp des „Befristungsirrsinns“. „Gerade bei jüngeren Menschen sorgen Befristungen dafür, dass sie elementare Dinge des Lebens nicht planen können, wie etwa eine Familiengründung“, sagte Zimmermann. Die Arbeitgeber verteidigen befristete Beschäftigung, Teilzeit oder Zeitarbeit als Möglichkeit, das Arbeitsvolumen an „betriebliche Notwendigkeiten“ anzupassen, wie die BDA betont. Reguläre Jobs würden nicht verdrängt, die Schaffung neuer Jobs eher erleichtert.

Mehr als jeder dritte Betroffene arbeitet unfreiwillig befristet. Darauf wies das Statistische Bundesamt hin. 36,5 Prozent gaben über alle Altersgruppen hinweg an, mangels Dauerstelle ein befristetes Arbeitsverhältnis eingegangen zu sein. 31,6 Prozent nannten einen Probevertrag als Grund. 25,7 Prozent befanden sich in Ausbildung. Bei den Hilfskräften war der Anteil unfreiwillig Befristeter mit 50,4 Prozent am höchsten. Befristet Beschäftigte verdienen deutlich weniger als Arbeitnehmer mit unbefristetem Vertrag, wie das gewerkschaftsnahe Forschungsinstitut WSI festgestellt hatte. So seien 2015 15,5 Prozent der befristet Beschäftigten zwischen 20 und 34 wegen eines Haushaltseinkommens unter 60 Prozent des Durchschnitts von Armut bedroht gewesen – aber nur 7,5 Prozent derjenigen mit Dauervertrag. Häufige Stellenwechsel, teils verbunden mit Ortswechseln, würden stabile Partnerschaften und Familiengründung erschweren, so das WSI. Betroffen seien besonders Menschen ohne Berufsausbildung sowie Uni-Absolventen.

Standpunkt: Mit der Zeit gehen
von Katharina Ritzer (Politikredakteurin)

Wer nicht weiß, ob er nach der befristeten Laufzeit seinen Job behält, der tut sich schwer mit langfristigen Lebensentscheidungen wie der Gründung einer Familie. Insofern ist die Zunahme befristeter Beschäftigung kritisch zu betrachten. Allerdings haben Zeitverträge durchaus ihre Berechtigung, etwa bei Vertretungen in Elternzeit oder bei längeren Krankheiten. Auch wenn ein Unternehmen Personal aufstocken und ausprobieren will, ob sich das auch rechnet, sind Zeitverträge sinnvoll.

Wer jetzt angesichts der Zunahme von Zeitverträgen nach staatlicher Reform schreit, dem seien zwei Dinge gesagt: Erstens dreht sich der Arbeitsmarkt deutlich zugunsten der Arbeitnehmer, Stichworte Fachkräftemangel und demografischer Wandel. In Zukunft müssen eher die Unternehmen um Mitarbeiter werben als andersrum. Und zweitens wird gerade der Staat bei diesem Thema ganz vorsichtig sein, schließlich schreibt kein Arbeitgeber mehr Zeitverträge als die staatlichen Verwaltungen aller Ebenen.

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