Im Bann der Missbrauchs-Folgen

Am Buß- und Bettag  hielt Susanne Jensen  eine bewegende Predigt. Allerdings war  niemand aus der Kirchenleitung  in die Ahrensburger Schlosskirche gekommen. Foto: meier
Am Buß- und Bettag hielt Susanne Jensen eine bewegende Predigt. Allerdings war niemand aus der Kirchenleitung in die Ahrensburger Schlosskirche gekommen. Foto: meier

Das Ringen um Aufklärung ging weiter: Rücktritt und Bewerbung von Haak, Teil-Geständnis, Disziplinarverfahren

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27. Dezember 2011, 07:17 Uhr

Ahrensburg | "Wir sind jetzt eine veränderte Gemeinde", sagte Pastor Detlev Paschen beim Buß- und Bettags-Gottesdienst in der Schlosskirche, in dem Pastorin Susanne Jensen in einer bewegenden Predigt "Mut zum Leben und zum Aufstehen" gefordert hatte. "Das Leid der Opfer wurde leichter gewogen als das Erscheinungsbild der Kirche", kritisierte sie.

Mitte Januar hatte sich die Kirchengemeinde noch selbst ein Schweigegelübde zu den Missbrauchsfällen auferlegt, und Pastor Helgo Matthias Haak trat als Vorsitzender des Kirchenvorstands zurück. Im April hob der Kirchenvorstand das "Moratorium" auf. Pastor Haak, der öffentlich über das System von Einschüchterung und Abhängigkeiten reden wollte, durfte es nicht. Die Nordelbische Kirche verbot ihm, seine Erinnerungen öffentlich zu machen. Dagegen klagte der Pastor vor dem Kirchengericht. Eine Entscheidung ist allerdings immer noch nicht gefallen.

Vor einem Jahr hatte Pastor i. R. Dietrich Kohl den Missbrauch eingestanden, was sowohl der Verein "Missbrauch in Ahrensburg" als auch die Kirchengemeinde wiederholt angemahnt hatten. Die Entschuldigung des Pastors bei den Opfern lehnte der Verein als "unpersönlich" ab.

Das Disziplinarverfahren der Nordelbischen Kirche gegen Pastor i. R. hatte sich schon vorher erledigt: Dietrich Kohl hatte selbst seine Entlassung aus dem Dienst beantragt und war damit einem "Schuldspruch" zuvorgekommen.

Wird Ruhestands pastor Friedrich H. (70) ebenfalls diesen Weg wählen? Auch gegen den seinerzeit zweiten Pastor im Hagen hat die Nordelbischen Kirche jetzt ein Disziplinarverfahren in Gang gesetzt, weil er den sexuellen Missbrauch durch seinen Kollegen in den 70er und 80er Jahren vertuscht und seinerseits junge Mädchen seiner Jugendgruppen sexuell missbraucht haben soll.

Im Juni hatte H. eingeräumt, von den Übergriffen seines Kollegen gewusst, aber fälschlicherweise geschwiegen zu haben. Später gesteht er "Liebesbeziehungen" zu einer 17- und einer 18-Jährigen ein. Für den Verein wenig glaubhaft und nur die "Spitze des Eisbergs" eines jahrelangen sexuellen Missbrauchs.

Im Oktober bewarb sich Pastor Haak auf die offene Stelle des Propstes für Rahlstedt-Ahrensburg. Auf mehr als ungewöhnliche Art: Er machte sein Bewerbungsschreiben nicht nur öffentlich, er nutzte es vor allem als Kritik an der Kirchenleitung. für die "unbefriedigende Aufarbeitung" des Missbrauchsfalls: "Es hat den Anschein, als sorge man sich vor allem um das öffentliche Ansehen der Kirche, um die eigene Position, nicht aber um das Befinden der Opfer." In der Pastorenschaft herrsche ein Geist der Anpassung und des Gehorsams, so Haak. Klar, dass er mit der Bewerbung keine Chance hatte.

Im April war das Disziplinarverfahren, das die für Rahlstedt-Ahrensburg zuständige Pröpstin Margit Baumgarten gegen sich selbst beantragt hatte, von der Kirche eingestellt worden. Es ging um Vertuschungsvorwürfe in zwei Kinderpornografie-Fällen in Lütjensee und Rahlstedt. Im Mai wurde Margit Baumgarten feierlich verabschiedet, und im Mai lagen auch die Untersuchungsergebnisse zu Heide Emse vor, die in der Zeit von Kohl und H. zustände Pröpstin war. Die von der Kirche beauftragten Gutachter empfahlen ein Disziplinarverfahren, die Kirchenleitung entschied aber anders: Es gebe keine Hinweise, dass sie die Taten des Pastors verschleiert habe. Genau das hatte ihr die Opferinitiative vorgeworfen. Als Pöpstin hätte sie für Disziplinarmaßnahmen sorgen müssen.

Während der Untersuchtung hatte Heide Emse geschwiegen. Nun meldete sie sich zu Wort, sagte, dass die Kirchenvorstände in Ahrensburg und im Kirchenkreis Stormarn über den sexuellen Missbrauch Bescheid gewusst hätten. Sie habe beide Gremien über die Fälle informiert und habe sich darauf verlassen, dass "im Kirchenamt unter der entsprechenden juristischen Beratung nach den erforderlichen Regeln verfahren werde", schrieb Heide Emse.

Pastor Kohl wurde seinerzeit nur versetzt. Dass er im Jugendstrafvollzug tätig wurde, sei ihr nicht mitgeleteilt worden, so Heide Emse. Ihr sei gesagt worden, dass es sich um einen Schreibtischjob handele.

Damit spielte sie den Ball wieder ins Kirchenamt, wo er für den Missbrauchs-Verein ohenhin hingehört. Es sei "nicht nachvollziehbar", dass die Vorgänge in Kiel untersucht und die Ergebnisse "dort vorgestellt werden, wo vertuscht wurde", so Sprecher Anselm Kohn.

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