Übernahme von Hannover 96 : Hörgerate-Unternehmer Martin Kind kämpft weiter für eine Mehrheit

Der 96-Chef plant schon seit Jahren, die Mehrheit des Fußball-Bundesligisten zu erhalten.
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Der 96-Chef plant schon seit Jahren, die Mehrheit des Fußball-Bundesligisten zu erhalten.

Der Präsident von Hannover 96 wartet noch auf die Ausnahmegenehmigung der Deutschen Fußball Liga.

shz.de von
30. Januar 2018, 18:29 Uhr

Hannover | Martin Kind ist genervt. Und der mächtige Präsident von Hannover 96 macht jetzt auch keinen Hehl mehr daraus. Er habe „die Schnauze voll“ von all den „Diskussionen auf unterstem Niveau“ rund um seine geplante Übernahme des Klubs. Das „Gelaber“ seiner Gegner „macht mich sprachlos“, sagte der Hörgeräte-Unternehmer beim Neujahrsempfang der Niedersachsen.

Noch immer hat Kind die Ausnahmegenehmigung seitens der Deutschen Fußball Liga (DFL) bei der so genannten 50+1-Regel nicht erhalten, eigentlich sollte dieser Prozess schon Ende des vergangenen Jahres abgeschlossen sein.

 

Doch offenbar hakt es – und Kind fehlt dafür jegliches Verständnis. Nach Ansicht des 73-Jährigen habe er alle Bedingungen, die er 2011 vor einem Schiedsgericht erstritten hatte, erfüllt. Auch in Fragen des Geldes. „Wir haben hier keinen VW-Konzern und keinen Milliardär, der 350 Millionen zur Verfügung stellt“, sagte Kind in Richtung seiner Kritiker.

Unter welchen Bedingungen darf ein Wirtschaftsunternehmen Mehrheitseigentümer eines Fußballvereins werden?

Nach den Statuten des Ligaverbandes darf ein Wirtschaftsunternehmen erst dann zum Mehrheitseigentümer werden, wenn das investierende Unternehmen 20 Jahre lang „den Fußballsport des Muttervereins ununterbrochen und erheblich gefördert“ hat.

Da die S&S-Holding am 8. Juli 1998 gegründet wurde, damals als Sanierungsgesellschaft des angeschlagenen Vereins, läuft nach Kinds Plan die vorgeschriebene Karenzzeit von 20 Jahren am 8. Juli 2018 aus. Nach Meinung des Hamburger Rechtsanwalts Jan Räker von der Kanzlei Prinz Neidhardt Engelschall hat Kind mit diesem Holding-Konstrukt eine Regelungslücke. Grund: Die Ligaverbandssatzung verbietet einem Investor zwar den Weiterverkauf von Anteilen ausgegliederter Lizenzspielergesellschaften. Doch das Verbot läuft ins Leere, wenn sich nur die Gesellschafter der Holding ändern, während diese weiterhin alle Anteile an der Kapitalgesellschaft hält. „Es ist ein Umgehungstatbestand: Eine Holding wie die S&S wird von den Regularien von DFB und DFL nicht erfasst“, sagte Räker.

Seit 1997 führt Kind den Verein, seit 1998 ist er zudem Chef und größter Gesellschafter der Hannover 96 Sales & Service GmbH & Co. KG. Die Gesellschaft, so sein Plan, soll spätestens 2018 das alleinige Sagen beim Bundesligisten Hannover 96 haben.

Martin Kind und Hannover 96

Martin Kind hatte als Vorstandsvorsitzender 1997 die Verantwortung beim Traditionsverein übernommen und dem ehemaligen „Chaosclub“ ein positives Image verschafft. Vor acht Jahren spielte Hannover 96 in der Regionalliga. Unter Clubchef Kind kehrte die Mannschaft in die Bundesliga zurück und hat sich dort etabliert. Auch die Fertigstellung der AWD-Arena, die Übernahme des Eilenriedestadions und der Aufbau des Nachwuchsleistungszentrums fielen in die Amtszeit von Kind 2006 trat er als Vorstandsvorsitzender zurück, ein Jahr später kehrte er an die Spitze des Vereins zurück.

 

„Wir haben für Hannoversche Verhältnisse sehr viel Geld in die Hand genommen“, sagte Kind und zeigte sich offen, nach der Entscheidung Zahlen und Details offen zu legen. Er gehe ohnehin davon aus, „dass dem Antrag stattgegeben wird.“ Wenn nicht, wird er klagen. „Sollte es wider Erwarten anders kommen, gibt es die Rechtsklärung“, sagte Kind.

Drei Bundesliga-Clubs haben eine 50+1-Ausnahme

Neben Wolfsburg und Hoffenheim profitiert zudem bereits Leverkusen in der Bundesliga von einer Ausnahme bei 50+1. Nun will auch Kind endlich die ganze Macht, die Stimmenmehrheit, bei 96.

1999 wurde die Lizenzspielerabteilung des Turn- und Sportverein Bayer 04 Leverkusen ausgegliedert und die Bayer 04 Leverkusen Fußball GmbH gegründet. Seitdem ist die Bayer AG alleinige Gesellschafterin.

Bayer Leverkusen wird von der Bayer AG finanziert.
Foto: Julian Stratenschulte dpa/lnw

Bayer Leverkusen wird von der Bayer AG finanziert.

 

Der Profibetrieb des VfL Wolfsburg gehört zu 100 Prozent der Volkswagen AG. VW-Vorstandsmitglied, Francisco Javier Garcia Sanz, ist beispielsweise zudem Vorsitzender des Aufsichtsrats-Präsidiums des Bundesligisten.

Hinter dem Fußballverein VfL Wolfsburg steckt die Volkswagen AG.
Foto: Jens Wolf

Hinter dem Fußballverein VfL Wolfsburg steckt die Volkswagen AG.

 

Bundesligist 1899 Hoffenheim wird von Milliardär Dietmar Hopp finanziert. Dieser übernahm als erster Privatmann 2015 die Stimmenmehrheit bei einem Bundesligisten. Damals hatte er dort bereits seit etwa 25 Jahren das Sagen und in dieser Zeit rund 350 Millionen Euro in den Fußballverein investiert.

2008 feierte Dietmar Hopp mit Hoffenheim den Aufstieg in die erste Bundesliga.
Foto: Uli Deck/dpa

2008 feierte Dietmar Hopp mit Hoffenheim den Aufstieg in die erste Bundesliga.

Was ist mit dem RB Leipzig? Das Stammkapital des Bundesligisten wird zu 99 Prozent durch die Red Bull GmbH getragen, zu einem Prozent vom Verein. Damit der 2009 gegründete Verein die 50+1-Regelung einhält, muss der Verein allerdings in der Gesellschafterversammlung die Mehrheit besitzen.

Der Verein RB Leipzig wurde 2009 gegründet.
Foto: RB Leipzig/dpa

Der Verein RB Leipzig wurde 2009 gegründet.

 

Wann die DFL ihre Entscheidung bekannt gibt, ist weiter offen. Teile der 96-Fans kämpfen seit Wochen gegen Kinds Übernahmepläne, sie befürchten unter anderem den Ausverkauf ihres Klubs und der gesamten Sportart.

Auch bei der 0:1-Niederlage im Niedersachsen-Derby am Sonntag gegen den VfL Wolfsburg kam kaum Stimmung im heimischen Stadion auf, weil der harte Kern der 96-Anhänger weiterhin auf Anfeuerungen verzichtet. Nur 34.300 Zuschauer sahen das Nachbarschafts-Duell. Das ist der geringste Zuspruch, den der bisher starke Aufsteiger in dieser Saison daheim hatte.

Martin Kind: „96 bleibt in der Familie“

Für Kind ist sein Streben unbedingte Voraussetzung für sportlichen Erfolg. „96 wird sich nur weiterentwickeln, wenn 50+1 in Hannover fällt“, sagte er, „weil nur dann die Bereitschaft besteht, weiteres Kapital zur Verfügung zu stellen“.

Einen Verkauf des Klubs an einen Investoren aus Fernost oder aus den arabischen Ländern schließt Kind kategorisch aus. Auch für seine Söhne, die die Anteile ihres Vaters einmal übernehmen sollen, trifft dies zu. „96 bleibt in der Familie, das dürfen sie nicht an einen chinesischen Investor verkaufen“, hatte er zuletzt gesagt: „Das ist klar definiert.“

Mit Material von dpa

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