Mordfall Lena in Emden : Hilferufe verhallten ungehört

'Warum?' Emden trauert um die kleine Lena - und es gibt Anzeichen dafür, dass Behörden ihren Tod hätten verhindern können. Foto: dpa
"Warum?" Emden trauert um die kleine Lena - und es gibt Anzeichen dafür, dass Behörden ihren Tod hätten verhindern können. Foto: dpa

Keiner hat auf die Alarmzeichen vor dem Mord an Lena reagiert: Eine Selbstanzeige des Tatverdächtigen und Hilferufe seiner Eltern blieben wohl ungehört.

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07. April 2012, 11:48 Uhr

Emden | Obwohl die pädophile Neigung des mutmaßlichen Mörders von Lena bekannt war, hat niemand das spätere Verbrechen verhindert. Der Chefarzt der Psychiatrie, in der der junge Mann vor der Tat behandelt wurde, wies am Donnerstag eine Mitverantwortung zurück. Er sieht eine "Lücke im System". Gegen vier Polizeibeamte laufen interne Ermittlungen. Die Eltern des 18-Jährigen meldeten sich bereits 2010 bei Jugendamt und Polizei, ohne nachhaltigen Erfolg. Die Kinderhilfe prangerte Defizite an.
Der junge Mann hatte am vergangenen Wochenende zugegeben, die elfjährige Lena am 24. März getötet zu haben. Zur Todesursache macht die Polizei weiter keine Angaben "Das ist Täterwissen, deshalb äußern wir uns dazu nicht, auch nicht zu einer möglichen Tatwaffe", sagte eine Polizeisprecherin Angelika Grüter. Das Nachrichtenmagazin "Focus" berichtet, das Mädchen sei offenbar zuerst vergewaltigt und dann erwürgt worden. Der Täter habe erst auf Lena eingestochen, als sie bereits tot war.
Joggerin entkam Vergewaltigung
Während seiner psychiatrischen Behandlung im vergangenen September und November soll sich der damals 17 Jahre alte Jugendliche unauffällig verhalten haben. "Es war kein Gewaltpotenzial zu erkennen. Sonst hätten wir ihn nicht entlassen", sagte der leitende Mediziner der Aschendorfer Kinder- und Jugendpsychiatrie, Filip Caby, der "Neuen Osnabrücker Zeitung". "Wir machen uns keine Vorwürfe." Die Therapie sei regulär beendet worden, sagte Caby. "Das Ziel war unter anderem, dass eine Selbstanzeige erfolgt."
Am 23. November, zeigte sich der junge Mann tatsächlich bei der Emder Polizei selbst als Pädophiler an. Damit wollte er offenbar einen Schlusspunkt setzen, doch dies gelang ihm nicht: Einen Tag später entkam eine Joggerin knapp einer Vergewaltigung in den Emder Wallanlagen. Auch diese Tat wird dem 18-Jährigen zugeordnet.
"Lücke im System"
Warum ist es nicht zu einer empfohlenen, weiteren Therapie gekommen? Nach Angaben von Caby war sein Haus als Einrichtung für Kinder und Jugendliche nicht mehr zuständig: Der Patient aus Emden sei inzwischen 18 Jahre alt gewesen - und für die Betreuung von volljährigen Menschen gebe es eine "Lücke im System".
Massive Kritik kam vom Verein Deutsche Kinderhilfe: Es seien nicht nur Ermittlungspannen, sondern auch erheblichen Defizite des Jugendhilfesystems zu Tage getreten. Wenn sich Caby für unzuständig erklärt habe, weil der Täter volljährig geworden sei, wäre weiterhin das Jugendamt zuständig gewesen."Die Frage ist, ob eine entsprechende Meldung von der Psychiatrie an das Jugendamt ging und ob das Jugendamt mit der Polizei Kontakt aufgenommen hat", sagte Vorstandssprecher Rolf Stöckel nach Verbandsangaben.
Nacktfotos von Siebenjähriger
Fragen muss sich nun der Landkreis Aurich stellen, in dem der junge Mann vor seinem Umzug nach Emden gewohnt hatte. Offen ist, ob das Kreisjugendamt ihn betreut hatte. Seine Mutter hatte ihn dort laut Medienberichten gemeldet, weil er 2010 die siebenjährige Freundin seiner Schwester entblößt und nackt fotografiert hatte. Auch die Polizeiinspektion Aurich war seit September im Bilde, nachdem der Stiefvater den 18-Jährigen dort wegen Kinderpornos auf seinem Computer angezeigt hatte.
Jetzt untersuchen interne Ermittler der Polizeidirektion Osnabrück, wie es zu der Pannenserie im Vorfeld des Verbrechens kommen konnte. Gegen vier Beamte wird disziplinarrechtlich ermittelt, gegen zwei von ihnen auch strafrechtlich. Der Verdacht: Strafvereitelung im Amt.
Die Stadt Emden sucht unterdessen nach Wegen, um dem ursprünglich und zu Unrecht Verdächtigten zu helfen. 75 Euro Entschädigung für ihn hält der Berliner Anwaltverein für viel zu gering: Die dauerhafte Rufschädigung und der entstandene seelische Schaden ließen sich so nicht wiederherstellen. Aus Solidarität für den inzwischen 18-Jährigen hatten sich am Mittwochabend rund 200 Menschen vor dem Emder Bahnhof versammelt.

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