JVA Neumünster : Häftlinge kochen für die Minister

Sieben Auszubildende hat Koch und Justizamtsinspektor Volker von Hülse derzeit in seiner Lehrküche der JVA. Das Team sorgt auch für die Essensausgabe im Restaurant Fallada. Sie alle wollen unerkannt bleiben. Foto: Lipovsek
Sieben Auszubildende hat Koch und Justizamtsinspektor Volker von Hülse derzeit in seiner Lehrküche der JVA. Das Team sorgt auch für die Essensausgabe im Restaurant Fallada. Sie alle wollen unerkannt bleiben. Foto: Lipovsek

In der Lehrküche der Justizvollzugsanstalt gibt es ganz besondere Lehrlinge. Und es geht entspannter zu als in einem normalen Betrieb.

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29. Dezember 2011, 11:22 Uhr

Neumünster | 11.30 Uhr, es duftet herrlich nach Apfelrotkohl. In den Pfannen brutzeln Schnitzel, nebenan schmoren die Rinderrouladen in ihrem Saft. Eifrig wendet Holger Sprankel* die Bratkartoffeln. Er ist einer von sieben Auszubildenden, die konzentriert an den Herden stehen und sich auf die heiße Phase vorbereiten. In einer Viertelstunde kommen die Gäste. Es werden wohl etwas mehr sein als die üblichen 15 bis 20, denn Schnitzel und Rouladen gehören zu den Klassikern im Restaurant Fallada.
Auf den ersten Blick geht es zu wie in einem ganz normalen Betrieb. Doch Holger Sprankel und die anderen jungen Männer, die hier tätig sind, lernen den Beruf des Kochs an einem ganz besonderen Ort. Ihr Dienstbeginn ist täglich um 5.45 Uhr. Und wenn die Küche gegen 14 Uhr aufgeräumt und sauber ist, sind es nur ein paar Schritte bis zu ihrer Unterkunft - den Gefängniszellen in der Justizvollzugsanstalt (JVA) an der Boostedter Straße.
Interessierte aus ganz Schleswig-Holstein
Volker von Hülse hat das Sagen in der Lehrküche der JVA. 2006 hat der Justizamtsinspektor, der natürlich ausgebildeter Koch ist, die Leitung übernommen. 56 Auszubildende haben seit der Gründung 1999 die Einrichtung durchlaufen. 20 davon machten ihren Abschluss, weitere zehn erreichten die Zwischenprüfung. Die übrigen wurden entweder vorzeitig entlassen oder erhielten einen Therapieplatz. Nur sehr wenige gaben tatsächlich auf. "Ich nehme grundsätzlich nur Gefangene, die mindestens noch ein Jahr Haftzeit haben, damit sie wenigstens die Zwischenprüfung erreichen können", sagt von Hülse.
Interessierte kommen aus den Gefängnissen in ganz Schleswig-Holstein, denn nur in Neumünster gibt es eine Lehrküche. Und wer dabei ist, kann schon ein bisschen stolz sein. Denn während hinter der Glasscheibe nebenan in der Großküche das meist einfachere Essen für die Häftlinge zubereitet wird, geht es bei Volker von Hülse deutlich exquisiter zu. Hier stehen auch schon mal Hasenrücken oder Meerbarbe auf einem Gemüsebett an Reistimbale mit Weißweinsoße auf dem Plan. Schließlich müssen seine Schützlinge sich auf die ganz normalen Prüfungen für die Industrie- und Handelskammer vorbereiten.
Jeden Dienstag Essen für die Staatskanzlei
Gekocht wird dabei nicht nur für das Restaurant Fallada, in dem die Justizangestellten und Gäste wie beispielsweise Handwerker speisen. "Mit Freigängern habe ich auch schon mal Buffets in Hotels aufgefahren", erzählt von Hülse. Doch besonders stolz ist er darauf, dass sein Team seit September 2008 jeden Dienstag das Essen für Ministerpräsident Peter Harry Carstensen und sein Kabinett kocht. Da gibt es mal kleine Häppchen, öfter aber auch richtige Menüs, die aus der Staatskanzlei in Kiel geordert werden.
Der Wagen, der die Gefängnisse im Land mit Brot aus der Bäckerei der JVA beliefert, nimmt das Essen in Thermobehältern mit. Um spätestens 9.45 Uhr muss es in der Staatskanzlei eingetroffen sein, damit zu Sitzungsbeginn alles bereitsteht. "Es hat noch nie Beschwerden gegeben", sagt Volker von Hülse, der hofft, dass die Zusammenarbeit auch nach der Wahl im Mai weitergeht.
Die meisten Azubis wissen ihre Chance zu schätzen
Tatsächlich wissen die meisten Auszubildenden ihre Chance in der Lehrküche zu schätzen. Holger Sprankel etwa ist zwar Freigänger und darf die JVA verlassen, doch er kommt täglich freiwillig hinter Gitter zurück, weil er nur noch wenige Monate bis zur Abschlussprüfung hat. "Es ist hier entspannter als in einem ganz normalen Betrieb", sagt er.
Das sieht auch Neuzugang Matthias Lange* so. Er steckt in einer besonderen Situation, hatte am 1. August bereits eine Lehre als Koch angefangen. Rund vier Wochen später wurde er verhaftet. Er war deutlich zu schnell gefahren - und das in der Bewährungszeit. Nun macht er bei Volker von Hülse seine Ausbildung weiter und hat sogar die Zusage von seinem Chef "draußen", dass er anschließend weiter machen darf.
Bis Neujahr haben die Lehrlinge noch ein paar Tage Pause. Dann soll es so erfolgreich weitergehen wie 2011.
*Namen von der Redaktion geändert.

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