Gelungene Melange aus Kunst und politischer Bildung

Kunst mit  aktuellem Bezug entstand im Malerei-Workshop. Foto: Köhler
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Kunst mit aktuellem Bezug entstand im Malerei-Workshop. Foto: Köhler

Pilotprojekt auf dem Scheersberg mit 71 Studenten aus ganz Europa / Präsentation heute ab 14.30 Uhr

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17. Dezember 2011, 06:56 Uhr

Quern | Ein ungewohnter Anblick im Jugendhof Scheersberg: Auf einer langen Wandzeitung haben 71 Studenten aus Deutschland, Polen, Österreich, Italien, Russland und Spanien ihre Hoffnungen und Träume zum Ausdruck gebracht: Sie suchen Orientierung, wollen "die Welt bereisen", "Familien gründen" und wünschen sich ein friedliches Miteinander der Völker.

"Transfer" heißt die Internationale Akademie, mit der der Flensburger Professor Dr. Klaus-Ove Kahrmann, unterstützt von einem hochkarätigen Team von zwölf Dozenten und Künstlern, im Auftrage des Bundesfamilienministeriums und der Kieler Landeszentrale für politische Bildung ein völlig neues Experimentierfeld betreten hat. Mit im Boot: die Universitäten Bielefeld, Leipzig, Warschau, Kielce, Oppeln und Bozen sowie die Initiative "Demokratie stärken - Jugend für Demokratie und gegen Extremismus" und das Rudolf-Arnheim-Institut.

Gesucht wird auf dem Angelner "Kulturberg" erstmals in Deutschland nach der Möglichkeit, politische Bildung mit kreativem ästhetischen Schaffen zu verknüpfen. Doch ist es möglich, "demokratisch zu malen" oder Werke im Sinne einer "politischen Land Art" zu schaffen? Der Scheersberger Bildungsreferent Karsten Biermann, zuständig für Supervision, gehört zu denjenigen, die eher von einer angestrebten Integration zwischen beiden Bildungsbereichen sprechen: Grenzen würden überschritten, eine Idee oder Überzeugung in eine bildnerische Form oder Installation übertragen. Professor Wieslaw Karolak aus dem polnischen Lodz sagt: "Politik und Kunst sind keine Gegner, sondern Brüder."

Diese Auffassung teilt auch Jugendhof-Leiter Hartmut Piekatz: Wenn Inhalte ästhetisch thematisiert würden, bezögen sie sich stets auf das komplexe Geschehen in der Gesellschaft. Zum Glück seien jene Zeiten überwunden, in denen hierzulande das Wirken von Politikern und Kunstschaffenden eher für unvereinbar gehalten wurde.

Tobias Rischer, Referent des schleswig-holsteinischen Landtagspräsidenten, sprach sich nach einem Rundgang durch die insgesamt sieben Scheersberger Workshops anerkennend über die Beharrlichkeit und die Schaffensfreude der Teilnehmer aus. Teilweise machten sie an ihren Arbeitsplätzen die Nacht zum Tage. Während ihrer Teamarbeit mussten sie Solidarität zeigen und sich gegebenenfalls zu gemeinsamen Lösungen durchringen. Ökologie und Umweltpflege gehörten als Leitmotive gesellschaftlichen Verhaltens dazu.

Ein Beispiel für eine gelungene Grenzüberschreitung: Da hatten deutsche und polnische Kunststudenten Versatzstücke aus einem aktuellen Foto in großformatige Gemälde verwandelt und farblich wie inhaltlich verfremdet. So kommt es vor, dass sich die in der Landschaft wie Fremdkörper wirkenden Windmühlen aus ihrer Verankerung lösen und wie verirrte weiße Vögel durch die Luft taumeln.

In der Fotowerkstatt werden Schwarz-Weiß-Aufnahmen von Familienfesten bis zur Unkenntlichkeit verändert: ein Abschied aus der Realität - ganz ohne Gesichter. Unter "Leipziger Regie" stellten Teilnehmer selber Papier her, entwarfen Buchstaben und druckten verschlüsselte Botschaften auf Flugblätter. Die Produktion eines Hörspiels und zweier Kurzfilme ergänzte die Werkstattarbeit.

"Der Anfang ist gemacht, unser Experiment geglückt", stellte Professor Kahrmann zufrieden fest. Am heutigen Sonnabend ab 14.30 Uhr findet die öffentliche Präsentation der Arbeitsergebnisse statt. Geplant ist darüber hinaus in Kürze die Ausstellung der "Transfer"-Werke im Kieler Landeshaus.

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