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20. Oktober 2017 | 18:48 Uhr

Fußball im Dunkeln

vom
Aus der Redaktion des Ostholsteiner Anzeigers

Erstes Blindenfußballwochenende in Malente mit elf sehbehinderte Kindern, Eltern und Geschwistern aus Schleswig-Holstein

shz.de von
erstellt am 29.Mär.2015 | 16:55 Uhr

Die Brille ist absolut lichtundurchlässig und sie gehört an diesem Wochenende zur Grundausstattung eines Fußballspielers: Ballkontrolle, Torschuss, selbst die schlichte Orientierung auf dem Feld, das ist plötzlich gar nicht mehr so einfach. Für viele hochgradig sehbehinderte und blinde Menschen in Deutschland ist das die Realität, und doch will sich keiner die Freude am Spiel nehmen lassen.

„Ich bin echt dankbar, dass ich diese Erfahrung hier mit euch heute machen darf“, sagt Wolf Schmidt nach den ersten Übungen im Uwe-Seeler-Fußballpark. Normalerweise trainiert er die Blindenfußballer des FC St. Pauli, doch an diesem Samstag nimmt er ausgestattet mit einer Augenbinde auch aktiv an den Spielübungen teil. Sein Verein ist Partner des ersten Blindenfußballwochenendes in Malente, einer Initiative des Schleswig-Holsteinischen Fußballverbandes (SHFV) mit Unterstützung des Landesförderzentrums Sehen (LFS). Das Ziel: Sehbehinderten Schülern das Spiel mit dem runden Leder näherbringen, und später möglicherweise sogar eine eigene Mannschaft gründen.

„Viele Menschen können sich immer noch schwer vorstellen, wie man ohne Sehvermögen überhaupt Fußball spielen kann“, sagt Kilian Weber, Koordinator des Behindertenfußballs im SHFV und Leiter des Projekts „Dribbeln ohne Limits“. Man versuche daher, den Kindern und Jugendlichen in spielerischer Form einen Einblick in diesen Sport zu geben, und zwar so praxisnah wie möglich. Gespielt wird üblicherweise auf einem Platz in der Größe eines Handballfeldes in Teams zu je fünf Spielern, von denen die beiden Torhüter als einzige über ihr volles Sehvermögen verfügen. Der Ball ist etwas kleiner als ein normaler Fußball und im Inneren zudem mit Rasseln ausgestattet, deren Geräusche den Kickern bei der Wahrnehmung helfen. Die Zurufe vom Torwart und einem sogenannten Guide hinter dem gegnerischen Gehäuse navigieren die Spieler über das Feld, zusätzliche Orientierung bieten zudem die aus dem Hallenfußball bekannten Begrenzungsbanden.

„Ansonsten verlässt man sich als Blindenfußballer aber vor allem auf sein Gehör, eine gute Körperbeherrschung und nicht zuletzt auch immer auf seine Intuition“, erklärt Kilian Weber. Und trifft man doch mal eine falsche Entscheidung, gewährt ein obligatorischer Kopfschutz Sicherheit, etwa bei einem Zusammenstoß mit anderen Spielern.

Für die Veranstalter ist das Blindenfußballwochenende im Uwe-Seeler-Fußballpark ein Erfolg. Elf hochgradig sehbehinderte oder blinde Kinder aus ganz Schleswig-Holstein sind für insgesamt zwei Tage nach Malente gekommen, um den Sport in dieser besonderen Form kennenzulernen.

Der allgemeine Tenor ist schon nach den ersten Trainingsspielen durchweg positiv. „Das macht richtig viel Spaß“, ist allenthalben zu hören, und die meisten der jungen Teilnehmer freuen sich, dass sie Teil einer Gemeinschaft sind. Strahlende Kinder als Entschädigung für eine schwierige Organisation. „Hier in Schleswig-Holstein ist es vor allem ein Problem, dass potenziell Interessierte meist weit verstreut im ganzen Land wohnen“, weiß Björn Albrecht, Diplompädagoge am LSF. Diese müsse man dann ja irgendwo an einem zentralen Ort zusammenbringen, doch für viele Eltern sei es eben nicht so einfach möglich, für ein Wochenende aus Flensburg oder Husum nach Malente zu fahren.

Ist die angestrebte Gründung einer schleswig-holsteinischen Blindenfußballmannschaft überhaupt möglich? „Ich weiß nicht, obwohl ich es mir wünschen würde“, bekennt Björn Albrecht. Vielleicht könne man durch solche Aktionen einige Vereine dazu ermutigen, Fußballinteressierte mit Sehschädigung in ihre Mannschaften aufzunehmen. „Damit würden wir erreichen, dass der Inklusionsgedanke auch in Fußballclubs stärker aktiv gelebt wird.“

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