Fiktive Reise : "Freifahrt" auf die Weihnachtsinsel Sylt

Auf nach Sylt: Alle Autozüge sind im Einsatz, als der Gästeansturm auf die Insel rollt. Foto: Andresen
Auf nach Sylt: Alle Autozüge sind im Einsatz, als der Gästeansturm auf die Insel rollt. Foto: Andresen

Unser Autor Frank Deppe begibt sich auf eine fiktive Reise, in der die Insel Sylt durch ein kleines Missgeschick ganz neue Rekorde zu bewältigen hat

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26. Dezember 2011, 04:27 Uhr

Sylt | Weihnachten steht vor der Tür und die Insel erwacht für ein paar Tage aus ihrem Winterschlaf. Man rückt, zumindest auf den Straßen und in den Geschäften, wieder enger zusammen, denn wie gewohnt kommen viele Urlauber. Und doch ist auf einmal alles ganz anders und der Begriff "Gästeansturm" erscheint den Syltern in einem neuen Licht. Hier die Chronologie der Ereignisse:
Heiligabend, 7.23 Uhr. Mit Blick auf die Vielzahl der Autozüge, die über die Feiertage zwischen Niebüll und Westerland eingesetzt werden, bekennt ein Bahnsprecher in einem Radiointerview freudig, alle Anreisenden hätten "freie Fahrt". Leider verhaspelt er sich und stattdessen schwirrt das Wort "Freifahrt" über den Äther. Der gute Mann bemerkt den folgenschweren Fehler nicht, weil die Moderatorin bereits zur nächsten Frage überleitet.
"Der Damm muss weg"
Etliche Hörer zwischen Husum und Hannover sind jedoch hellhörig geworden und entschließen sich zu einem Spontantrip nach Sylt. Der fröhliche Abschiedsgruß "Wir fahr’n nach Sylt für lau" aus dem herunter gekurbelten Autofenster weckt indes die Neidgesellschaft in der Nachbarschaft: Binnen kürzester Zeit machen sich ganze Heerscharen auf den Weg gen Norden.
Heiligabend, 11.48 Uhr. Die Lage an der Autoverladung Niebüll spitzt sich zu. Tapfer verteidigen die Bahnbeamten ihr Terrain gegen die anrollenden Kolonnen und bestehen auf Bares. Die empörte Menge skandiert "Wir sind das fahrende Volk" und "Der Damm muss weg". Als die angespannte Situation eskaliert und die Bahnbediensteten mit Schneebällen beworfen werden, ergeben sie sich ihrem Schicksal und winken die Autos durch. Der Stau reicht mittlerweile bis Leck. Alle Autozüge sind im Einsatz, der Personennahverkehr wird eingestellt.
Das halbe Hendl wird zum Weihnachtsmahl
Heiligabend, 15.30 Uhr. In den Touristinformationen der Insel erleiden die ersten überlasteten Mitarbeiter Nervenzusammenbrüche. Sylt ist nun restlos ausgebucht, auch die letzten Notquartiere im Hörnumer Leuchtturm und in der Keitumer Thermenruine sind vermietet. Wer bei H.B. Jensen noch ein Zelt erwerben konnte, kann sich glücklich schätzen und schlägt es im Windschatten des Nösse-Deichs oder der Lister Wanderdüne auf.
Heiligabend, 16.26 Uhr. In den Sylter Wäldchen knackt und knirscht es. Von Unbekannten werden binnen einer Stunde mehr Tannenbäume abgeholzt als einst "Anatol" entwurzeln konnte.
Heiligabend, 17.02 Uhr. Krisensitzung auf Wolke sieben: Wie sollen bloß die zahllosen Geschenke nach Sylt gebracht werden? Alle Helfer sind bereits anderswo im Einsatz. Kurzerhand werden die Osterhasen, die im Winter eigentlich stempeln, vom Weihnachtsmann eingespannt.
Erster Feiertag, 11.03 Uhr. Natürlich sind Weihnachtsgänse längst ausverkauft. Es setzt ein maßloser Run auf halbe Hendl ein.
Erster Feiertag, 14 Uhr. Wie in einer Disco werden am Ellenbogen Spaziergänger jetzt nur noch dann eingelassen, wenn andere das Areal verlassen. Die Mautstelle ist mit fünf Mann besetzt.
Erster Feiertag, 21.12 Uhr. Noch immer herrscht Stop-and-go auf allen Sylter Straßen. Familie H. aus List kommt nach fünfstündiger Fahrt endlich bei Oma in Westerland zum Weihnachtskaffee an. Leider ist Oma inzwischen schon zu Bett gegangen. Vater H. bleibt optimistisch und hofft, gegen Mitternacht wieder daheim zu sein.
Neuer Rekord beim Weihnachtsbaden
Zweiter Feiertag, 12.53 Uhr. Es ist bitter kalt und der Notstand ist ausgebrochen: Es gibt nichts mehr zu trinken. Um den Gästen den Kurzurlaub nicht zu vermiesen, lässt der Dehoga containerweise Glühwein von Hubschraubern einfliegen.
Zweiter Feiertag, 14.39 Uhr. Beim Insel Sylt Tourismus Service laufen die Kopierer heiß. 1200 Urkunden müssen gedruckt werden - hurra, neuer Rekord beim "Westerländer Weihnachtsbaden".
Zweiter Feiertag, 17 Uhr. Es war schön auf Sylt, doch zuhause ist’s am schönsten. Die Rückreisewelle setzt ein. Die Autozüge fahren die ganze Nacht, am nächsten Morgen hat sich die Insel wieder um einen Meter gehoben. Die Sylter haben keine Zeit, die Ruhe nach dem Sturm zu genießen - schließlich steht Silvester vor der Tür und man muss sich für den alljährlichen Gästeansturm rüsten...

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