Sonderburg : Flensburger Taxifahrer vorerst frei

Vorerst auf freiem Fuß: Taxifahrer Jörg Ridder mit Mutter Liesel.
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Vorerst auf freiem Fuß: Taxifahrer Jörg Ridder mit Mutter Liesel.

Für 50 Tage soll er in Haft: Weil er drei Afghanen zur illegalen Einreise verholfen habe, soll der Flensburger Taxifahrer Jörg Ridder (40) nach dem Willen des Gerichts im dänischen Sonderburg ins Gefängnis. Bis zur Berufungsverhandlung muss der 40-Jährige die Strafe jedoch nicht antreten.

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21. Januar 2008, 09:04 Uhr

Sonderburg / Flensburg | Dänische Designerlampen tauchen den Verhandlungssaal in ein mildes Licht, ein Chagall-Kunstplakat an der Wand sorgt für einen Hauch von Wohnzimmeratmosphäre, Richter Niels Deichmann trägt Pulli statt Robe. Doch schon zu Prozessbeginn lässt der Vorsitzende des dreiköpfigen Tribunals keinen Zweifel daran, dass es alles andere als locker zugehen wird: Wer von den 30 Zuschauern keinen der 15 Sitzplätze ergattern konnte, wird erstmal rausgeschmissen. Stehendes Publikum bringe "eine unnötige Unruhe" in die Verhandlung, hieß es. Kollegen des Flensburger Taxifahrers, teilweise mit T-Shirts mit der Aufschrift "Jörg !!!" bekleidet, müssen draußen warten.

Der Angeklagte erscheint in Kapuzenjacke und Puma-Sneakers. Für den 40-Jährigen ist es nach 20 Tagen Untersuchungshaft der erste Tag außerhalb von Gefängnismauern. Mit skeptischer Mine, was ihn wohl erwarten würde, nimmt er neben seiner Dolmetscherin Platz.
"Die jungen Männer waren schon halb bei mir im Wagen"

Mit ihrer Hilfe schildert er jenen verflixten Abend, der ihn in die Fänge der dänischen Staatsmacht brachte: Drei junge Männer - fremdländisch aussehend, ohne Deutschkenntnisse, steigen am Flensburger Südermarkt in seinen Wagen. Geben ihm zu verstehen, dass sie zum Bahnhof wollen. Am Flensbuger Bahnhof mögen sie jedoch nicht aussteigen, dirigieren Ridder zum Bahnhof der dänischen Nachbargemeinde Pattburg. Als sie dort kein dänisches Taxi finden, bitten sie ihren Chauffeur, sie nach Kopenhagen weiterzufahren. 350 Euro macht Ridder nach Rücksprache mit der Zentrale dafür aus. Eine Stunde nach Abfahrt jedoch wird der Wagen von einer Polizeistreife gestellt.

Die einzige Zeugin im Prozess, Ridders Kollegin Lucy Wittmann, bestätigt die Einstiegs-Szene. Um ein Haar hätte sie nicht auf dem Zeugenstuhl, sondern der Anklagebank gesessen: "Die jungen Männer waren schon halb bei mir im Wagen", berichtet sie. Weil Ridders Auto jedoch vor ihr stand, habe sie die Kundschaft zu ihm geschickt.
Hohes Straßmaß wegen Zahl der beförderten Personen

"Die Afghanen haben eben ein zufälliges Taxi genommen", unterstreicht Verteidiger Lars Nauheimer. Fahrten nach Dänemark seien für Taxifahrer in einer Grenzstadt etwas ganz Normales - "es gab keinen Grund, misstrauisch zu werden". Würde man Ridder verurteilen, so Nauheimer, müsste man auch die Busfahrer und das Zugpersonal auf den grenzüberschreitenden Linien hinter Schloss und Riegel bringen, da auf diesen Wegen auch schon Ausländer illegal eingereist seien. Ridder selbst beruft sich insbesondere auf das Anti-Diskriminierungsgesetz, das seit 2007 in Kraft ist: Deswegen habe er seine fremdländischen Passagiere nicht nach Pässen oder Ausweisen gefragt.

Doch das Gericht kennt nach gut einstündiger Beratung kein Pardon: 50 Tage Gefängnis wegen Beihilfe zur unerlaubten Ausreise gemäß Ausländergesetz bekommt der Angeklagte aus Deutschland. Und für zwei Jahre darf er anschließend nicht nach Dänemark einreisen. Spätestens in Pattburg, meint Richter Deichmann, hätte Ridder erkennen müssen, dass eine unerlaubte "naheliegend" gewesen sei. Der Taxifahrer hätte nach Papieren fragen oder die Grenzpolizei verständigen müssen. Das Strafmaß sei wegen der Zahl der beförderten Personen so hoch ausgefallen - und "wegen der ökonomischen Gewinnabsicht".
"Hauptsache erstmal nach Hause"

Ridder kündigt umgehend Berufung an. Bis dahin kommt er auf freien Fuß. Staatsanwalt Morten Wosylus hatte zwar beantragt, die Untersuchungshaft wegen Fluchtgefahr zu verlängern. Die sieht das Gericht jedoch nicht.

"Hauptsache erstmal nach Hause", lautet Ridders erste Reaktion. Er habe nicht zu hoffen gewagt, dass die U-Haft nicht verlängert würde. "Als mildes Urteil emfpfinde ich dies jedoch nicht", schiebt er sofort hinterher. "Ich habe schließlich nichts vorsätzlich getan." "Für mich ist das Urteil eine Farce", pflichtet Liesel Ridder, Mutter und als Betreiberin eines Taxi-Unternehmens zugleich Arbeitgeberin, bei. "Ich halte es für sehr, sehr wichtig, dass wir die Sache in der nächsten Instanz durchkämpfen - schon allein, damit von den Politikern endlich klar geregelt wird, wie wir uns verhalten sollen, wenn es ähnliche Fälle gibt."

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