Online-Tätersuche : Flensbook, Kielbook und Co.: Fahndung auf eigene Faust

Wohnungssuche, Zeugensuche, Tätersuche: Die Internetgemeinde hat großes Helferpotenzial. Doch sie darf nicht zu allem befragt werden.
Foto:
Wohnungssuche, Zeugensuche, Tätersuche: Die Internetgemeinde hat großes Helferpotenzial. Doch sie darf nicht zu allem befragt werden.

Die virale Verbreitung von Informationen im Internet verführt dazu, die Zeugensuche in die eigene Hand zu nehmen. Doch Vorsicht – nicht alles ist erlaubt.

von
30. Mai 2015, 04:00 Uhr

Kiel | Die Frage klingt nach polizeilicher Ermittlung: „Wer hat etwas gesehen und kann Angaben machen?“ Doch sie stammt von einem Facebook-Nutzer, gepostet in die Gruppe „Flensbook“. Es folgen Details zur möglichen Tatzeit, -ort und Fotos des beschädigten Wagens. Die knapp 34.000 Mitglieder sollen helfen, denjenigen zu finden, der den Kombi zerkratzt hat. Solche Aufrufe gehören noch zu den rechtlich unproblematischeren Inhalten – zumindest verglichen mit Fotos eines VW-Busses, in dem (angeblich) das „dreckspack von Rumänen“ durchs Land fährt und „wieder zuschlägt“, oder dem (unverpixelten) Bild eines vermeintlichen Autodiebes.

Inhalte wie diese sind auch Oliver Heitmann bekannt: „Solche Beiträge löschen wir schnell“, sagt der Administrator der knapp 51.500 Mitglieder starken Facebook-Gruppe „Kielbook“. Auch solche, in denen User mit Namen, Adresse oder Fotos veröffentlicht werden. „Wir sind stündlich dabei, auszusortieren.“

In Hochzeiten werfen die insgesamt acht Admins 50 bis 70 Mitglieder aus der Gruppe und löschen etwa 1000 Beträge pro Tag. Häufig kämen Hinweise auf unzulässige Posts auch aus der Community selbst, beispielsweise darauf, dass Ermittlungen bei Straftaten von der Polizei durchgeführt werden, sagt Medienpädagoge Heitmann.

Wo die Gefahren einer Online-Tätersuche in Eigenregie lauern, erklärt Stephan Dirks, Anwalt für Urheber- und Medienrecht aus Kiel:

In welchen Fällen dürfen Internetnutzer die Reichweite der Netzgemeinde für ihre Zwecke nutzen?
Ob etwas rechtlich „geht“ oder „nicht geht“, ist meist keine Frage von schwarz und weiß. Juristen sprechen von „Abwägung“, und meinen, dass es viele Graustufen gibt, und sie oft auch nicht genau wissen, wie ein Gericht die Sache sehen würde.

Welche Fallstricke gibt es? Denn manchmal können Mitglieder von  Gruppen wie „Flensbook“ oder „Kielbook“ einem verzweifelten Opfer ja auch helfen...
Der Grundsatz lautet: Ich darf selbst entscheiden, ob und  in welcher Form meine Privatangelegenheiten öffentlich verhandelt werden. Die Begründung, anderen nur Gutes tun zu wollen, hilft hier also oft nicht weiter. Soweit es sich aber um sachliche, ohnehin öffentlich zugängliche Informationen handelt, sind Aufrufe über Gruppen wie „Kielbook“ oder „Flensbook“ aber natürlich möglich. Probleme beginnen da, wo zum Beispiel Klarnamen oder Adressdaten ohne Zustimmung veröffentlicht werden.

Was mache ich, wenn ich mich oder persönliche Angaben  im Netz finde?
Wenden Sie sich (in dieser Reihenfolge) an den Urheber, an Facebook („Beitrag melden“) und wenn das nicht hilft, an einen Rechtsanwalt oder die Datenschutzbehörden, wie etwa das ULD. Vielleicht auch an die Polizei. Die ermittelt zwar im Falle einer Straftat, kann aber nichts gegen den Inhalt selbst unternehmen.

Wer trägt die Verantwortung für eventuelle Rechtsverletzungen?
Am Ende eine typische Juristenantwort: Das kommt drauf an. Worauf? Auf den Einzelfall. Natürlich ist der Urheber selbst für sein Posting verantwortlich. Es können auch Dritte verantwortlich sein, die sich den Inhalt zu Eigen machen. Hierzu reicht es nach der Rechtsprechung nicht unbedingt aus, einen Beitrag zu „liken“ – beim Teilen ist die Sache aber eindeutig. Administratoren können ebenfalls verantwortlich sein,  wenn sie Kenntnis von rechtswidrigen Inhalten haben.

zur Startseite

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen