Unterricht in Zeiten der Digitalisierung : Fake News und Alternative Fakten – der tägliche Kampf der Lehrer

<p>Gerade Schüler mit geringerem Bildungsniveau seien gefährdet, auf Fake News hereinzufallen. „Für Schulen eine große Herausforderung“, meint die Kieler Lehrerin Wiebke Bornhöft. </p>

Gerade Schüler mit geringerem Bildungsniveau seien gefährdet, auf Fake News hereinzufallen. „Für Schulen eine große Herausforderung“, meint die Kieler Lehrerin Wiebke Bornhöft.

Sie schüren Hass und Vorurteile und verbreiten sich rasant. Viele Lehrer stellt das Thema „Fake News“ im Schulalltag vor Herausforderungen.

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06. Februar 2018, 12:00 Uhr

Hetze und das Schüren von Hass und Verunsicherung – das sind wesentliche Ziele sogenannter Fake News (Fehlinformationen). Sie werden bewusst in die Welt gebracht. Erfundene oder überarbeitete Inhalte, falsche Zusammenhänge oder auch Bildfälschungen – all das ist nicht einmal ein neues Phänomen, aber in Zeiten der Digitalisierung haben Fake News als politisches Instrument zunehmend Erfolg. Auch Schulen werden verstärkt mit dem Problem konfrontiert und müssen reagieren.

Fake News – die Ausweitung des Phänomens durch Digitalisierung

Fehlende Filterfunktion

Jeder kann heutzutage über das Internet und die Sozialen Medien selbstständig Nachrichten verbreiten. Die Filterfunktion klassischer Medien geht dann verloren.

Radikale Beschleunigung

Nachrichten verbreiten sich durch das Internet rasant schnell. Beiträge werden geliked und geteilt und erreichen so sehr schnell ein großes Publikum.

Verändertes Leseverhalten

Vor allem Nachrichteninhalte in Sozialen Medien werden von vielen Nutzern nur noch überflogen. Teilweise werden nur Überschriften oder Teaser gelesen, wie eine Studie der Friedrich-Naumann-Stiftung gezeigt hat. Die Rezeption erfolgt schnell, teilweise nur nebenbei und somit nicht selten unbewusst und unkritisch. Durch einen Klick wird die Nachricht dann weiterverbreitet.

Der Nutzer in der Filterblase

Algorithmen etwa von Facebook greifen ein vorhandenes Nutzerverhalten auf und reproduzieren es. Das heißt: Nur Themen, die den jeweiligen Nutzer interessieren, werden ihm angezeigt. Die eigene Meinung verstärkt sich. Es entsteht das Gefühl, es sei die Mehrheitsmeinung, denn andere tauchen in der eigenen Timeline nicht mehr auf.

Informationen und Hilfsmittel dazu boten in der vergangenen Woche verschiedene Workshops im Landtag. Denn Medienkompetenz hat in Zeiten von Fake News eine größer werdende politische Relevanz. Im Vordergrund der Veranstaltung – gemeinsam mit der Christian-Albrechts-Universität und dem Institut für Qualitätsentwicklung an Schulen – stand die Frage des historisch-politischen Lernens in Zeiten der Digitalisierung. 110 Teilnehmer nahmen das Angebot wahr – darunter 90 Lehrkräfte aus ganz Schleswig-Holstein.

„Püppy92“ hilft beim Referat

Es ging dabei nicht darum, das Internet zu verteufeln. Schließlich gebe es auch für den Unterricht viele positive und Demokratie fördernde Effekte, betonte Gastredner Professor Doktor Christoph Kühberger von der Universität Salzburg. „Aber während man früher gezielt nach Informationen gesucht hat, werden Kinder und Jugendliche mittlerweile von den Informationen im Netz gefunden.“ Und diese würden anders oder wenig hinterfragt. Bei der Referatsvorbereitung würden zudem Wikipedia oder „Püppy92“ aus irgendeinem Forum befragt.

Eine Entwicklung, die auch Katrin und Oliver Hensel in ihrem Schulalltag erleben. Katrin unterrichtet Weltkunde in einer 6. Klasse in Einfeld (Neumünster). „Viele Kinder nehmen alles für bare Münze. Andere Quellen als das Internet werden eh kaum noch genutzt. Es ist unsere Aufgabe, aufzuklären und das Problem im Unterricht anzugehen.“ Die 41-Jährige plane deshalb etwa eine Einheit zur Quellenkunde, zu der auch ein Büchereibesuch gehöre.

Leichte Beute für Populisten

Auch das Thema Fake News spiele eine größer werdende Rolle im Unterricht und in den Pausen. „Die Schüler erzählen ständig, was sie so gehört und gelesen haben – und eigentlich stimmt das fast nie“, sagt Oliver Hensel, der Wirtschaft und Politik in Bordesholm unterrichtet. Vor allem während der Flüchtlingskrise sei er regelmäßig mit teils erfundenen Geschichten konfrontiert worden. „Die Schüler geben das unreflektiert weiter.“

Ähnliche Erfahrungen mache auch Wiebke Bornhöft – Geschichtslehrerin an einer Kieler Gemeinschaftsschule. Geglaubt werde das geschriebene Wort. „Gerade Schüler mit geringerem Bildungsniveau sind gefährdet, auf Fake News hereinzufallen. Eltern ziehen sich vielfach aus der Verantwortung oder sind selbst überfordert. Für Populisten allesamt eine leichte Beute.“

Flexibilität von Lehrern ist gefragt

Es sei deshalb eine große Aufgabe von Schule, die Kinder und Jugendlichen zu einem kritischen Umgang mit den im Internet verbreiteten Nachrichten zu befähigen. „Damit wird Schule aber bisher auch ein Stück weit alleine gelassen“, so Bornhöft. An ihrer Schule sei Medienkompetenz etwa im Rahmen des Informatikunterrichts Thema. Es sei im Alltag selbst aber nicht immer möglich, angemessen auf derartige Vorfälle zu reagieren.

Genau das sei aber zwingend notwendig, meint Oliver Hensel. Auch wenn die Fachanforderungen vielfach wenig Zeit für anderes ließen. „Sollten solche Aussagen im Unterricht fallen, darf man da nicht einfach drüber hinweggehen. Dann lieber Mut zur Lücke“, meint der 43-Jährige. „Wenn ich das nicht sofort aufkläre, gehen die Schüler damit weiter durch die Welt. Als Lehrer muss ich möglichst flexibel reagieren und solche Fallbeispiele eben in den Unterricht einbinden.“

„Fakten dürfen nicht als Ansichtssache behandelt werden und sogenannte Alternative Fakten müssen als das dargestellt werden, was sie sind: Lügen“, betonte der Landesbeauftragte für politische Bildung, Doktor Christian Meyer-Heidemann. Zudem sei es wichtig, diejenigen, die sich besonders von Fake News angesprochen fühlen, aus ihren Filterblasen herauszuholen, sagt er im Rahmen der Tagung in Kiel. „Es gibt für uns alle viel zu tun.“

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