Kita-Streik : Eltern gehen auf die Barrikaden

Erzieher, Mitarbeiter im Sozialdienst  und Eltern sind enttäuscht, dass es noch kein Angebot gibt, um den Streik zu beenden.
Erzieher, Mitarbeiter im Sozialdienst und Eltern sind enttäuscht, dass es noch kein Angebot gibt, um den Streik zu beenden.

Elternvertretungen: Streik wird rücksichtslos auf dem Rücken der Familien ausgetragen. Die Gewerkschaften fordern dagegen die Beteiligung der Eltern bei den Demonstrationen.

shz.de von
27. Mai 2015, 08:00 Uhr

Flensburg | „Es reicht!“ Der Kita-Streik geht nun in die dritte Woche, und Arbeitgeber und Gewerkschaften haben sich noch nicht an einen Tisch gesetzt, um Verhandlungsgespräche zu führen. Viele Eltern sind mit ihrer Geduld am Ende, die Stimmung ist schlecht. Auch wenn sie verstehen, dass Erzieherinnen und Mitarbeiter des Sozialdienstes mehr Geld und bessere Arbeitsbedingungen fordern, wollen sie ein baldiges Ende des Streiks, der den Elternvertretern zufolge nur auf dem Rücken der Familien, vor allem aber den  Kindern, ausgetragen wird.

Viele Eltern könnten nachts nicht mehr schlafen, aus Sorge um die Betreuung der Kinder und aus Angst um die berufliche Zukunft. „Die Kinder verlieren ihre sozialen Kontakte“, beschreibt die Vorsitzende der Flensburger Elternvertretung, Katharina Dethleffsen, das Problem. „Sie haben eine starke Bindung zu ihren Erzieherinnen und den anderen Kindern.“ Die Kleinen leiden darunter, wenn sie jeden Tag bei einer anderen Person untergebracht werden und sich in einer fremden Umgebung von ihrer Mutter verabschieden müssen. Auch Andrea Maas* macht das täglich mit. Die 40-Jährige ist Mutter von zwei Töchtern, ihre Jüngste geht in eine städtische  Kita. Maas findet, dass der Bogen nun bei weitem überspannt ist. „Ich muss meine vierjährige Tochter seit vergangener Woche in einer Notgruppe in einer anderen Kita unterbringen“, erzählt sie. Am Montagabend habe die Kleine zu ihr gesagt,  dass sie wieder  in „ihren“ Kindergarten möchte. „Als ich sie gestern in der Notgruppe abliefern wollte, hat sie geweint“, sagt die Mutter bedrückt. Maas ist berufstätig, Großeltern stehen nicht zur Verfügung.  Deshalb musste sie ihre Tochter schweren Herzens da lassen, trotz der seelischen Belastung, die das fremde Umfeld für sie bedeutet.

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Verständnis für den Streik hat die 40-Jährige nicht mehr. Und das nicht nur wegen des rücksichtslosen Vorgehens. Die Forderungen der Erzieher sind ihrer Meinung nach völlig überzogen und weltfremd. Die Arbeitsbedingungen haben sich in vielen Branchen verschlechtert, die Arbeitnehmer stehen fast überall unter stärkerem Druck als früher. „Wenn ich dann lese, dass eine Erzieherin im öffentlichen Dienst mehr verdient als zum Beispiel ein Polizist, der sein  Leben für andere riskiert, fällt mir nichts mehr ein“, entgegnet die zweifache Mutter. „Würde es nicht  zu Lasten meiner Tochter gehen,  würde ich sie als Reaktion auf den Streik  in einer freien Kita anmelden.“

Mit dieser Position ist Maas offenbar nicht allein. Deshalb fordern die Elternvertretungen beide Parteien auf, sich an einen Tisch zu setzen und zu verhandeln, ohne sich stur zu stellen. „Wenn es in der Kita einen Streit gibt, setzten sich die Kinder auch zusammen und reden darüber“, erklärt Dethleffsen.

Und was sagen die Gewerkschaften? Die  bedauern es, dass der Streik den Familien große Probleme bereitet. Doch es sei die einzige Möglichkeit, um etwas zu bewegen, ist sich die regionale Verdi-Geschäftsführerin Ute Dirks sicher. „Wir sind davon ausgegangen, dass wir schon am letzten Freitag den Streik beenden könnten“, stellt Dirks klar. Nun müssen sie abwarten, was morgen auf der Mitgliederversammlung der kommunalen Arbeitgeber passiert. „Die Eltern müssen Druck auf die Kommune ausüben“, so Dirks. Eine Möglichkeit dazu bietet die Demo, die morgen um 16.30 Uhr auf dem Nordermarkt los geht.

Um die Familien finanziell zu entlasten, hoffen die Elternvertretungen, dass die Eltern für den Streik-Zeitraum die Kita-Gebühren zurückbekommen.  Formulare dafür habe man bereits  an die Eltern verschickt.

* Name von der Redaktion geändert

Die Elternvertretung der Flensburger Kitas  lädt für heute  zum Dialog   in die Bürgerhalle im Rathaus ein. Von 15 bis 17 Uhr  können sich  Kinder  beim Kinderschminken, mit Luftballonschwertern und gebastelten Hüten zu echten Piraten verwandeln. Die Erwachsenen setzen  ein Zeichen für eine bessere Qualität in den Kitas.

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