126 Verhandlungstage geplant : Einsturz des Kölner Stadtarchivs: Der Prozess startet

Neun Jahre nach dem Einsturz des Stadtarchivs beginnt der Strafprozess gegen fünf Angeklagte
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Neun Jahre nach dem Einsturz des Stadtarchivs beginnt der Strafprozess gegen fünf Angeklagte.

Fast neun Jahre nach dem Unglück in der Kölner Innenstadt soll die Schuldfrage geklärt werden.

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16. Januar 2018, 19:56 Uhr

Köln | Fast neun Jahre ist es her. Am 3. März 2009 stürzte das Kölner Stadtarchiv an der Severinsstraße ein. Zwei Menschen kamen ums Leben. 30 Regalkilometer an Dokumenten wurden in den Trümmern begraben. Am Mittwoch soll nun der Prozess gegen fünf Angeklagte am Landgericht Köln starten. Geplant sind 126 Verhandlungstage. Voraussichtlich werden Dutzende Zeugen sowie Sachverständige geladen und der Prozess bis zum Frühjahr 2019 verhandelt. Die Anklageschrift umfasst 196 Seiten. Die 10. große Strafkammer steht unter Zeitdruck: Bis zum 2. März 2019 muss die Schuldfrage geklärt werden, ansonsten verjährt die Straftat.

Was Sie über den Prozess wissen sollten:

Rückblick:  Was geschah am 3. März 2009?

Am 3. März 2009 stürzte das Stadtarchiv am Waidmarkt in der Kölner Innenstadt ein. Es riss Archivalien und angrenzende Häuser mit in die Tiefe. Zwei Anwohner kamen ums Leben.

Die 20 Mitarbeiter des Stadtarchivs konnten sich aus dem Gebäude retten. Der Kölner Kulturdezernent Georg Quander bezeichnete dies als „ein Wunder“: „Es fing oben im Gebäude an zu knacken, und drei Minuten später krachte es zusammen.“

Wer sind die Angeklagten?

Ursprünglich waren sieben Menschen vor dem Kölner Landgericht angeklagt worden. Fünf müssen sich ab Mittwoch vor dem Gericht verantworten. Gegen einen weiteren wurde das Verfahren vorläufig fallen gelassen. Der Angeklagte leidet unter einer lebensbedrohlichen Herzerkrankung. Sein Verfahren soll von den anderen abgetrennt und später verhandelt werden. Ein weiterer Angeklagter war im vergangenen Jahr verstorben.

Alle Angeklagten waren als Beschäftigte der Kölner Verkehrs-Betriebe (KVB) oder der beteiligten Baufirmen am Ausbau der U-Bahn beteiligt. Um Fehler beim Bau zu kaschieren, sollen falsche Protokolle angefertigt worden sein. Die Angeklagten und die Bauunternehmen bestreiten dies.

Was sind die Anklagepunkte?

Den Angeklagten wird fahrlässige Tötung und Baugefährdung vorgeworfen. Die Anklage geht davon aus, dass Arbeiter der Arbeitsgemeinschaft der Bauunternehmen an den Schlitzwänden, die die Baustelle trockenhalten sollten, gepfuscht haben, berichtete der Kölner Stadtanzeiger im November 2017.

Zwei Bauarbeiter sollen beim Ausschachten des Tunnels auf ein Hindernis gestoßen sein. Anstatt dieses zu melden, sollen sie den Aushub einfach fortgesetzt haben. Einer von ihnen muss sich nun vor Gericht verantworten, das Verfahren gegen den anderen wurde krankheitsbedingt vertagt.

Die übrigen vier Angeklagten – drei Männer und eine Frau – waren laut Staatsanwaltschaft für die Prüfung und Überwachung der Bauarbeiten zuständig. Sie sollen die Herstellung der unterirdischen Wände nicht mit der gebotenen Sorgfalt kontrolliert und den Verstoß beim Ausbaggern deshalb nicht bemerkt haben.

Wie kam es zu dem Einsturz?

Dem Archiv wurde buchstäblich der Boden entzogen: Es sei eine sogenannte Erdplombe, ein Loch in der unterirdischen Wand, entstanden. Dies hätten die Bauarbeiter beim Ausschachten des Tunnels (während der U-Bahn-Bauarbeiten) melden müssen, so die Anklage. Am Unglückstag habe diese Plombe dann schlagartig nachgegeben, woraufhin große Mengen Sand, Kies und Wasser in die Baugrube eindrangen. Das Archiv brach daraufhin mitsamt der Nachbargebäude zusammen.

Bereits am 29. September 2004 neigte sich der Turm der nur wenige 100 Meter entfernten katholischen Kirche St. Baptist gefährlich zur Seite. Ein Einsturz konnte mit Hilfe eines Stahlkorsetts verhindert werden. Auch hier werden als Ursache die Bauarbeiten der U-Bahn vermutet.

 

Die Folgen: Archiv-Dokumente verschüttet, 1,2 Milliarden-Schaden, U-Bahn-Bau verzögert sich

Zwei junge Männer verloren bei dem Unglück ihr Leben. Ein 17-jähriger Bäckerlehrling sowie ein 24-jähriger Designstudent befanden sich während des Einsturzes in einem angrenzenden Wohnhaus. Die rund 20 Mitarbeiter des Stadtarchivs konnten sich rechtzeitig aus dem einstürzenden Gebäude retten.

Dort, wo Schutt und Trümmer liegen, befand sich einen Tag zuvor noch das Kölner Stadtarchiv. Das Foto wurde am 4. März 2009 aufgenommen.
Foto: Oliver Berg/dpa

Dort, wo Schutt und Trümmer liegen, befand sich einen Tag zuvor noch das Kölner Stadtarchiv. Das Foto wurde am 4. März 2009 aufgenommen.

Auch heute – fast neun Jahre später – ist an der Einsturzstelle noch eine Baustelle.
Foto: Google Maps

Auch heute – fast neun Jahre später – ist an der Einsturzstelle noch eine Baustelle.

 

„Unter den Trümmern an der Severinstraße liegen 2000 Jahre Kölner Geschichte begraben – das Gedächtnis der Stadt. Sogar den Krieg hatten diese Schätze überstanden. Aber möglicherweise nicht den Bau der neuen U-Bahn“, schrieb die Deutsche Presse Agentur damals.

Beim Einsturz wurden rund 30 Regalkilometer an Dokumenten in den Trümmern vergraben. Zweieinhalb Jahre nach dem Ereignis vermeldete die Archivleiterin Bettina Schmidt-Czaia, dass etwa 95 Prozent mittlerweile geborgen werden konnten. Die fehlende fünf Prozent gelten als verloren. „Einen solch hohen Wert hätte unmittelbar nach dem Einsturz wohl auch der kühnste Optimist nicht erwartet“, sagte sie. Die Archivalien sind in unterschiedlichem Zustand. Etwa 35 Prozent sind „schwerst beschädigt“, 50 Prozent sind schwer und mittelschwer beschädigt, und 15 Prozent sind mit leichten Schäden davongekommen, hieß es.

Viele Dokument-Bestände wurden vorläufig in andere Archive ausgelagert – unter anderem im Schleswiger Landesarchiv. Anfang 2017 kehrten etwa 3000 Pappkartons mit historischen Akten und Urkunden nach Köln zurück.

Die Restaurierung der Dokumente wird voraussichtlich noch weitere 30 Jahre andauern.

Der stellvertretende Leiter des Kölner Stadtarchivs, Ulrich Fischer (li.), wirft zusammen mit Schleswigs Archivdirektor Rainer Hering einen Blick in die unsortierten Pappkartons mit geretteten Archivalien.
Foto: Ove Jensen

Historische Urkunden und Akten kehren heim: Der stellvertretende Leiter des Kölner Stadtarchivs, Ulrich Fischer (li.), wirft zusammen mit Schleswigs Archivdirektor Rainer Hering einen Blick in die unsortierten Pappkartons mit geretteten Archivalien.

 

Die Stadt Köln beziffert den Schaden, der mit dem Einsturz entstanden ist, auf 1,2 Milliarden Euro. Wer dafür haften muss, wird irgendwann möglicherweise Thema eines Zivilprozesses werden. Erst kürzlich war bekanntgeworden, dass sich eines der zentralen Gutachten dafür erheblich verzögern und voraussichtlich erst 2020 vorliegen wird. Hier drängt die Zeit nicht so sehr: Ein möglicher Schadenersatz-Anspruch verjährt erst nach 30 Jahren.

Auch vor dem Einsturz befand sich am gleichen Ort eine Baustelle. Diese Aufnahme wurde im August 2008 gemacht – hier steht das Stadtarchiv noch.
Foto: Google Maps

Auch vor dem Einsturz befand sich am gleichen Ort eine Baustelle. Diese Aufnahme wurde im August 2008 gemacht – hier steht das Stadtarchiv noch.

 

Der U-Bahn-Bau verzögert sich weiter. Der durch den Einsturz des Stadtarchivs zerstörte Tunnel kann frühstens 2025 wieder hergestellt werden, berichtete der Kölner Stadtanzeiger. Der für 2023 geplante Eröffnungstermin kann daher nicht eingehalten werden. Die Kölner Verkehrs-Betriebe AG (KVB) rechnet damit, durch die Verzögerung Einnahmen in Millionenhöhe zu verlieren.

Geplant ist eine schnelle Nord-Süd-Verbindung durch die Innenstadt. Teile der Strecke wurden bereits in Betrieb genommen. Richtung Süden soll die Bahnverbindung weiter ausgebaut werden.

Neubau – Grundstein für modernstes kommunales Archiv Europas

Im März 2017 wurde der Grundstein für einen Neubau an anderer Stelle gelegt. Für 80,5 Millionen Euro soll nun das modernste kommunale Archiv Europas auf dem Eckgelände Luxemburgerstraße / Eifelwall entstehen. In den Grundstein auf der Baustelle wurde eine Messingplombe eingemauert – unter anderem gefüllt mit Bauschutt des alten Archivs. Mit der Fertigstellung wird 2020 gerechnet.

Was noch hätte passieren können...

Acht Tage vor dem Unglück am 3. März 2009 lief noch der Rosenmontagszug an der Einsturzstelle vorbei.

Gegen 14 Uhr stürzte das Gebäude ein, um 13.30 ist Schulschluss an den beiden anliegenden Schulen, Friedrich-Wilhelm-Gymnasium und Kaiserin-Augusta-Schule. Viele Schüler passieren die Unglücksstelle auf ihrem Heimweg. Zum Zeitpunkt des Einsturzes waren glücklicherweise die meisten Schüler schon zu Hause.

Mit Material der dpa.

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