Einspruch gegen Priens Bildungsbonus

Unterricht mit schwieriger Klientel möglich machen: Die Schulleiter Dieter Ruser, Hauke Kruse und Carsten Haack (von links ) verleihen ihrem Hilferuf mit dem Verein „Schulen am Wind“ Nachdruck.
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Unterricht mit schwieriger Klientel möglich machen: Die Schulleiter Dieter Ruser, Hauke Kruse und Carsten Haack (von links ) verleihen ihrem Hilferuf mit dem Verein „Schulen am Wind“ Nachdruck.

Schul-Praktiker befürchten, dass die zugesagte Millionen-Hilfe durch fehlende Schwerpunkte ins Leere geht

fju_maj_0203 von
03. April 2018, 12:48 Uhr

Praktiker von Brennpunktschulen befürchten, dass der von Kultusministerin Karin Prien angekündigte „Bildungsbonus“ für Schulen in sozial schwierigem Umfeld verpufft. In einem Brief an Prien und die bildungspolitischen Sprecher der Regierungsfraktionen erheben sie deshalb Einspruch gegen die bisher bekannt gewordenen Pläne.

„Um die ressourcen-intensiven Fragen drückt sich das Land“, monieren Hauke Kruse, Carsten Haack und Dieter Ruser vom „Verein Schulen am Wind“. „Was die Ministerin bisher über die Ausgestaltung des Bildungsbonus’ geäußert hat, läuft völlig konträr zu dem, was wir angeschoben haben“, stellen die Leiter von drei Kieler Gemeinschaftsschulen fest. Sie hatten mit ihrem eigens dafür gegründeten Verein im Sommer öffentlich Alarm geschlagen, dass es an Schulen in Problemvierteln ohne zusätzliche Unterstützung nicht weitergehen könne.

Bis zu 70 Prozent der Schüler haben einen Migrationshintergrund und daraus folgend Sprachschwierigkeiten. Ähnlich viele beziehen staatliche Transferleistungen. Bis zu 20 Prozent haben einen sonderpädagogischen Förderbedarf. Pro Klasse drei bis vier „Systemsprenger“, die mit Verhaltensauffälligkeiten jederzeit den Unterricht lahm legen können. So umreißt das Trio grob sein Klientel und das von rund 17 weiteren Gemeinschaftsschulen in Kiel, Lübeck, Neumünster, Flensburg und dem Hamburger Umland. Ein Treffen mit mehreren davon habe unlängst bestätigt: „Es ist kein Phänomen nur von Kiel.“

Wenn die Vereinsgründer jetzt eine „konträre Entwicklung“ zu ihren Absichten feststellen – dann reiben sie sich zum Beispiel an Priens Ziel, beim „Bildungsbonus“ einen Schwerpunkt auf die Fortbildung von Lehrern zu legen. „Die Kompetenz, wie man mit einem bestimmten Klientel umgeht, haben wir an allen diesen Standorten schon“, stellt Carsten Haack fest. „Was wir aber nicht haben, ist die nötige Zeit.“ Weniger Unterrichtsverpflichtung für Lehrer und Schulleiter und kleinere Klassenfrequenzen zählen deshalb zu ihren Kernforderungen. Schließlich seien der individuelle Beratungs- und Betreuungsbedarf der Schüler höher als an durchschnittlichen Standorten – inklusive zahlreicher Absprachen mit Sozialpädagogen, Eltern, Jugendamt, manchmal auch der Polizei. „Unseren Kollegen stößt es bitter auf, wenn man ihnen mangelnde Expertise unterstellt“, beobachtet Kruse. „Damit fehlt es an Wertschätzung für ihre gute Arbeit.“

Zudem lehnt das Trio ab, dass Prien beim „Bildungsbonus“ einen starken Akzent auf Grundschulen legen und auch den ländlichen Raum einbeziehen will. „Sicher gibt es auch einige Grundschulen, die zusätzliche Unterstützung nötig haben“, sagt Ruser. „Schwerpunktmäßig aber finden sich die prekären Phänomene an Gemeinschaftsschulen ohne Oberstufe im städtischen Umfeld.“ Deshalb sei es sinnvoll, sie von den Mitteln in erster Linie profitieren zu lassen. „Wenn ich das Geld zu sehr verteile, um die ganze Welt glücklich zu machen, ist am Ende keiner glücklich“, prophezeit Kruse. Er überschlägt: Bis 2022 will das Land den „Bildungsbonus“ auf zehn Millionen Euro hochfahren. „Davon könnten an den 20 wichtigsten Schulen jeweils zehn zusätzliche Stellen finanziert werden – und die drängendsten Probleme wären gelöst.“

„Es ist jetzt die Stunde, wo sich zeigen muss, ob es das Land schafft, innovative Schritte zu gehen und das System am Laufen zu halten“, unterstreicht Ruser. Ebenso wie sein Kollege Kruse verweist er darauf, dass an ihren Schulen mittlerweile 20 bis 25 Prozent des Unterrichts „durch nicht fertig ausgebildete Lehrkräfte gegeben wird“. „Neue, frisch examinierte Kräfte wenden sich mittlerweile anderen Schulen zu“, stellen sie fest. Angesichts des fortschreitenden Lehrermangels können sich Berufseinsteiger mehr und mehr aussuchen, wo sie arbeiten wollen. Eine Stundenreduzierung oder mehr Gehalt sieht „Schulen am Wind“ deshalb als wichtige Stellschraube, „um die besten Lehrer an die schwierigsten Schulen zu bekommen“. Berlin und Brandenburg etwa machten dies mit Sonder-Konditionen vor.

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