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25. September 2017 | 15:37 Uhr

Einmal alt sein – und zurück

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

shz.de von
erstellt am 01.Mai.2016 | 10:06 Uhr

„Alt werden ist nichts für Feiglinge“, sagte einst Mae West. Ich weiß jetzt, was die Hollywood-Schauspielerin damit gemeint hat. Alt werden bedeutet nämlich Kraft zu verlieren, nicht mehr so wendig und schnell zu sein, eventuell schlechter zu sehen und zu hören. Und vor allem: auf das Verständnis und die Hilfe der Mitmenschen angewiesen zu sein. Ich weiß das, weil ich in die – hoffentlich ferne – Zukunft gereist bin. Ich durfte einen Alterssimulationsanzug testen, der dem Pflegestützpunkt (PSP) im Kreis Rendsburg-Eckernförde gehört.

Gert, so die Abkürzung für den Gerontologischen Testanzug, lässt mich – derzeit 34 Jahre alt – innerhalb weniger Minuten etwa um das Doppelte altern. „Wirklich das volle Programm?“, fragt mich PSP-Koordinator Volker Wenglowsi, bevor es losgeht. Ich antworte vollkommen überzeugt: „Wenn schon, denn schon.“ Und so werde ich nach und nach zu einer Frau mit diversen alters- und krankheitsbedingten Einschränkungen. Am Ende trage ich Gummihandschuhe, die die verringerte Sensibilität in den Fingern simulieren; Handgelenks-, Ellbogen- und Kniebandagen lassen erahnen, wie sich Gelenkversteifung anfühlt. Eine Manschette schränkt die Beweglichkeit des Halses ein, Gewichte an Handgelenken und Knöcheln erschweren einfachste Bewegungen und das Gehen. Ohrstöpsel und Gehördämpfer simulieren vor allem die Hochtonschwerhörigkeit. Durch eine Spezialbrille habe ich ein eingeschränktes Sichtfeld und ein deutlich verschlechtertes Sehvermögen. Überschuhe unterstützen die Gangunsicherheit, und eine spezielle Weste macht mich 20 Kilogramm schwerer, beugt zudem den Rücken. Behängt mit Gert und ausgerüstet mit einem Gehstock geht es schließlich auf die Straßen Rendsburgs – den Alltag im Alter testen.


Gehen als Herausforderung


Erstes Ziel ist eine Bushaltestelle unweit des Kreishauses, Startpunkt meiner Runde. Das erste, was auffällt: Ohne Stock würde ich mich sehr unsicher auf den Beinen fühlen, selbst abgesenkte Kantsteine überwinde ich vorsichtig. Die Überschuhe haben es in sich, man geht etwas wackelig, der Halt fehlt. Als mir eine ältere Dame ebenfalls mit Gehstock entgegenkommt, zolle ich ihr innerlich Respekt angesichts des flotten Tempos – im Vergleich zu meinem.

An der Bushaltestelle angekommen habe ich Glück: Die Zahlen sind groß gedruckt, und ich kann sie recht gut erkennen – wenn ich nur nah genug an den Plan herangehe. Größere Probleme bereitet da so manche Fußgänger-Ampel auf meinem Weg: Hin und wieder ist die Ampel schon wieder auf Rot umgesprungen, wenn ich endlich auf der anderen Seite ankomme und durchaus etwas schnaufen muss. Beeilt habe ich mich nämlich trotzdem – nach meinen nun etwas eingeschränkten Möglichkeiten.

Tückisch ist auch das Kopfsteinpflaster rund um den Paradeplatz: Mit ohnehin unsicherem Gang hat es der unebene Untergrund in sich. Angesichts meiner offensichtlichen Hilfslosigkeit – ich würde mich ja gern schneller vorwärts bewegen – übt sich aber der ein oder andere Autofahrer in Geduld und lässt mich passieren.

Ein schier unüberwindbares Hindernis allerdings, bei dem mir dann auch niemand mehr so wirklich helfen kann, scheint so manche Treppe. Mit steifen Gelenken und schweren Gliedmaßen werden schon ein paar Stufen zu einer wahren Herausforderung. In einer Hand den Gehstock, um sich ein bisschen hochzudrücken, die andere am Handlauf, um ein wenig Halt zu haben. So erklimme ich ein Stockwerk und bin stolz, es schließlich geschafft zu haben – egal, wie lang es gedauert hat.

Während man als junger Mensch vieles für selbstverständlich hält, beweist einem Gert das Gegenteil: Einen heruntergefallenen Schlüssel beispielsweise aufzuheben oder die Schnürsenkel zuzubinden ist recht beschwerlich. Die steifen Gelenke und die Gewichtsweste gestalten das anschließende Aufrichten sehr mühsam. Aus denselben Gründen dauert es auch länger, aus dem Auto auszusteigen. Vor allem, wenn man relativ niedrig sitzt. Und sollte ich mal Enkelkinder haben, kann ich nur jetzt schon auf ihren Sinn und Verstand hoffen – auf dem Spielplatz durch den Sand hinterherflitzen wäre in diesem Zustand nämlich quasi unmöglich.


Bewusstsein fürs Alter schaffen


Jutta Kock, Vorsitzende des Kreisseniorenbeirats, freut sich über meinen Selbstversuch. Und ich freue mich, dass sie laut und deutlich spricht. „Dieser Alterssimulationsanzug ist eine tolle Sache“, findet sie. Sie hofft, dass vor allem jüngere Menschen wie beispielsweise Medizinstudenten den Anzug testen, um Verständnis für die Verhaltensweisen älterer Menschen zu entwickeln. Dem stimmt Ulrich Kaminski, Vorsitzender des Sozial- und Gesundheitsausschusses im Kreis, zu. „Angesichts des demographischen Wandels ist das Bewusstsein für andere wichtig. Außerdem ist der Anzug auch in puncto Prävention wichtig.“

Auf diesen Punkten liegt auch das Hauptaugenmerk des PSP. Dieser hat im Rendsburger Kreishaus einen Parcours eingerichtet, auf dem Rollator, Rollstuhl und auch Alterssimulationsanzug getestet werden können. Außerdem lernen die Besucher Wissenswertes rund um Augenkrankheiten sowie Beschwerden mit dem Gehör und erleben einen simulierten Tremor (Händezittern). „Zum einen geht es uns darum, auf die Schwierigkeiten im Alter hinzuweisen und Verständnis zu schaffen, wenn es bei Älteren zum Beispiel etwas länger dauert, bis sie die Straße überquert haben. Die Prävention ist ein weiterer, ganz wichtiger Punkt“, sagt Volker Wenglowski. Einige der mit dem Anzug simulierten Symptome – wie etwa Tinnitus oder Händezittern – entstehen nämlich beispielsweise durch Diabetes, übermäßigen Alkoholkonsum oder Bluthochdruck. „Hier und Jetzt kann man aber noch die Weichen in die richtige Richtung stellen. Und das ist ein Ziel, das wir erreichen wollen.“ Wenglowski betont, dass der Anzug nur eine annähernde Simulation geben kann. „Aber man weiß, so könnte es sein. Und es ist schlimm“, so der 55-Jährige.

Und so bin auch ich froh, dass ich am Ende unserer Tour nicht nur etwa 30 Kilogramm Gewicht, sondern auch etliche Lebensjahre, Krankheiten und Einschränkungen ablegen kann. Ich kann das, viele andere nicht. Und die sehe ich jetzt bestimmt mit ein bisschen anderen Augen.

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