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Toter 72-Jähriger : Eine neue Qualität von Gewalt

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Er wollte nur seine Tochter beschützen. Die tödliche Prügelattacke auf einen 72-jährigen Kieler wirft ein Schlaglicht auf die gesellschaftliche Entwicklung. Ein Kommentar von Margret Kiosz

shz.de von
erstellt am 24.Mai.2013 | 09:14 Uhr

Die Kriminalitätsstatistik stimmt auf den ersten Blick zuversichtlich: Auf öffentlichen Straßen, Wegen und Plätzen gab es im vergangenen Jahr weniger Fälle von gefährlicher Körperverletzung. Deutschland zählt international zu den sichersten Ländern, freuen sich die Polizeiminister von Bund und Ländern.
Doch so einfach ist das nicht. Zwar nimmt die Zahl der Fälle -auch in Schleswig-Holstein - laut Statistik ab. Doch dafür haben wir es plötzlich mit einer neuen, absolut menschenverachtenden "Qualität" von Gewalt zu tun. Es gibt zwar kein "immer mehr". Aber es gibt ein "immer schlimmer" bei Gewaltdelikten.

Mit einer schweren Kindheit ist der Totalausfall nicht zu erklären


Namen wie Dominik Brunner, der in München auf dem S-Bahnhof zu Tode geprügelt wurde und Jonny K., dem jungen Thai-Deutschen, der kürzlich in Berlin nach schweren Kopftritten starb, stehen für diese nie dagewesene Brutalität meist junger Täter, die vor nichts mehr zurückschrecken und mit unglaublicher Aggressivität auf wehrlos am Boden Liegende eintreten. In diese Liste reiht sich jetzt der tragische Fall des 72-jährigen Kielers ein, der seine Tochter verteidigen wollte und dafür mit dem Leben zahlte.
Anlass genug für eine ernste Diskussion über die Ursachen dieser Verrohung. Allein mit einer schweren Kindheit und einem Versagen des Elternhauses ist dieser Totalausfall bei Menschenbildung und Erziehung nicht mehr zu erklären. Offenbar spielt die gesellschaftliche Entwicklung, bei der soziales Denken durch Egoismus verdrängt wird und die Abgrenzung von Oben und Unten sowie von Gewinnern und hoffnungslosen Verlieren wächst, doch eine größer Rolle als gedacht. Auch eine neue Debatte über die Auswirkungen von Computerspielen und die Abschreckungswirkung von Strafen ist überfällig. Bei vielen Bürgern schleicht sich nämlich Angst ein. Jeder kann schließlich zu einer Zahl in der Kriminalitätsstatistik werden - das zeigt der Fall des Kieler Rentners überdeutlich. Das Entsetzen gerade über diese Straftat prägt die Wahrnehmung stärker, als Zahlen es je könnten.
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