Vor 50 Jahren: Die Berliner Mauer wird gebaut : Eine Flucht in letzter Minute

Die Mauer zwischen Ost- und Westberlin hat ein ganzes Volk auseinandergerissen – und auch die Familie von Burghard Schalhorn. Foto: pt
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Die Mauer zwischen Ost- und Westberlin hat ein ganzes Volk auseinandergerissen – und auch die Familie von Burghard Schalhorn. Foto: pt

Heute vor 50 Jahren wurde die Berliner Mauer gebaut. Burghard Schalhorn aus Klein Nordende hat damals eine der letzten S-Bahnen erwischt, die noch ungehindert von nach West-Berlin fuhr.

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15. August 2011, 09:28 Uhr

Er ist ein "Geradeaus-Typ", der keiner hitzigen Diskussion ausweicht. Nie um einen flotten Spruch verlegen. Doch wenn die Gedanken in die Vergangenheit schweifen – zum Tag des Mauerbaus, dem 13. August 1961 – wird Burghard Schalhorn ernst. Und ruhig. "Da bekomme ich gleich eine Gänsehaut", gesteht er und hält zum Beweis den Arm in die Höhe. "Ich bin ein Fossil, eine lebende Legende", sagt der Fraktionsvorsitzende der Kreiswählergemeinschaft Pinneberg (KWGP). Einer, der den Anfang und das Ende der Deutschen Demokratischen Republik miterlebt hat. Der Sozialismus, sagt der 69-Jährige heute, hat den Menschen viel Leid zugefügt. Sein Credo: "Der Sozialismus lebe hoch, hoch, so hoch, dass da kein Mensch mehr rankommt."
Aufgewachsen auf der Insel Usedom merkt der junge Burghard Schalhorn schnell, das irgendetwas schiefläuft in seinem Land. "Ich war damals ein Spitzensportler, feierte als Radrennfahrer Erfolge", erinnert er sich. Viel herumgekommen sei er, habe auch des Öfteren in Westberlin Station gemacht. "Ich kannte also Bananen, Apfelsinen und volle Schaufenster." Und weil er ein aufgeweckter Junge ist, fängt er an, Fragen zu stellen: "Warum ist das so? Warum gibt es diese Unterschiede?"
Doch kritische Nachfragen sind nicht gern gesehen, weiß er heute. Es kommt, wie es kommen muss: Mitte der 50 Jahre soll Schalhorn zur Armee eingezogen werden. "Aber ich konnte nicht. Ich hatte meinen Vater im Krieg verloren, Waffen kamen für mich nicht in Frage", betont er mit fester Stimme. Eine mutige Entscheidung. Seine Zukunft in der DDR, das geplante Studium, habe er sich mit diesem Entschluss verbaut.
"Komm, lass uns springen"
Der Gedanke, seine Heimat zu verlassen, kommt ihm das erste Mal, als er mit seiner Verlobten eine Schifffahrt nach Schweden unternimmt. "Komm, lass uns springen", habe er seiner Herzensdame zugeraunt als sie vor der skandinavischen Küste vor Anker lagen und auf das Festland blickten. Doch seine Verlobte habe sich als zu wasserscheu erwiesen, berichtet er und zeigt sein schelmisches Lachen.
Der Plan zur Flucht wird in der Nacht auf den 13. August dann aber doch in die Tat umgesetzt. In letzter Minute quasi. Eine dunkle Vorahnung? "Weiß ich nicht", sagt Burghard Schalhorn und fährt sich nachdenklich durchs weiße Haupthaar. "Aber irgendwie hatte ich ein ungutes Gefühl". Zusammen mit seiner Verlobten setzt sich der damals 19-Jährige in Usedom in den Zug Richtung Hauptstadt. "Die Bahn war ungewöhnlich voll, überall Fahrkartenkontrolleure und Polizei, die Stimmung war sehr angespannt", erinnert er sich. "Alle, die nur eine Fahrkarte bis Berlin gelöst hatten, wurden von den Beamten an der nächsten Station rausgeschmissen, das machte mich stutzig."
Burghard Schalhorn und seine Begleiterin haben Glück. Sie haben ein Ticket nach Leipzig, deswegen dürfen sie weiter reisen. In Ostberlin steigen sie aus und fahren mit der S-Bahn nach Westberlin. Zu Verwandten, die im Stadtteil Kreuzberg wohnen.
"Heute gibt es keine Brötchen. Alles ans Radio!"
An den Morgen des 13. August erinnert sich Burghard Schalhorn noch ganz genau: Wie jeden Tag setzt sich sein Onkel aufs Fahrrad, um in kurz den Osten rüberzufahren. "Dort kosteten die Brötchen nämlich nur knapp ein Fünftel des West-Preises", erklärt Burghard Schalhorn. Günstige Rundstücke sollte es an diesem Tag allerdings nicht geben. "Als mein Onkel wiederkam, stülpte er seine leere Tasche um und verkündete: Heute gibt es keine Brötchen. Alles ans Radio! Der Zaun ist zu."
Nichts habe ihn in der Wohnung halten können, sagt Burghard Schalhorn heute. Er eilt schnurstracks an die Grenze, um mit eigenen Augen zu sehen, was dort vor sich geht. Es bietet sich ihm ein erschreckendes Bild: Ostdeutsche Arbeiter errichten Barrikaden aus Stacheldrahtrollen. "Einige westdeutsche Jungs streiften sich Handschuhe über und versuchten die Rollen wieder wegräumten. Das ging einige Zeit hin und her, bis irgendwann Schüsse fielen und alle auseinanderstoben“, erinnert sich Burghard Schalhorn.
"Die können vielleicht lügen"
Seine Gedanken an diesem 13. August lassen sich nur schwer beschreiben. Angst. Ungläubigkeit. Nur zwei Monate zuvor hatte der Staatsratsvorsitzende der DDR, Walter Ulbricht, schließlich verkündet, niemand habe die Absicht, eine Mauer zu bauen. "Die können vielleicht lügen", denkt sich Schalhorn.
Ein paar Tage später beginnt für ihn ein neues Leben. Mit dem Flugzeug wird er aus Westberlin ausgeflogen. Zunächst geht es in ein Auffanglager, von dort aus nach Nordrhein-Westfalen, wo er viele Jahre seines Lebens verbringt, bevor er in den Kreis Pinneberg übersiedelt.
Erleichterung habe er verspürt, als alles vorbei war, sagt Burghard Schalhorn. Erleichterung, dass nun ein Leben in Freiheit vor ihm liegt – in dem er sich frei bewegen und seine Meinung frei äußern kann. Gleichzeitig aber sei er auch tieftraurig gewesen. "Die Mauer hat nicht nur das deutsche Volk auseinander gerissen, sondern auch meine Familie." Die zwei Schwestern, die Eltern: Er muss fortan ein Leben ohne sie führen. "Ich merke die Kluft heute noch, wenn ich beispielsweise mit meiner Schwester telefoniere", sagt er bedauernd. Die verlorene Zeit, die unterschiedlichen Leben. Das lasse sich nicht so leicht wieder aufholen.
Dennoch – auch wenn Burghard Schalhorn mittlerweile Klein Nordende sein zu Hause nennt – Heimat bedeutet für ihn immer noch der Osten, die Insel Usedom. "Das ändert sich wohl nie", sagt der Kreistagspolitiker, der auf dem Grundstück seines aufwendig sanierten Elternhauses mittlerweile eine Gaststätte und Ferienunterkünfte betreibt. "Meine Mutter hat immer gesagt, ich hab ihr dort ein Schloss gebaut", berichtet er und lächelt wehmütig. "Aber das war das Mindeste, was ich für sie tun konnte."

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