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19. Oktober 2017 | 02:56 Uhr

NSU-Prozess : Eine Farce

vom

Wie starrsinnige Münchner Richter nicht nur sich selbst, sondern die ganze deutsche Presselandschaft lächerlich machen. Ansichten unseres Kolumnisten Jan-Philipp Hein.

shz.de von
erstellt am 07.Mai.2013 | 07:42 Uhr

Magazin, Mode, Porträts, Kultur, Beauty, Dossier, Reise, Aktuell, Reportage, Wohnen, Gesundheit + Fitness und Kochen. Das sind die Rubriken der "Brigitte". Und da in diesem Land nicht nur jeder ein prima Bundestrainer wäre, sondern jeder auch mit spielender Leichtigkeit einen guten Chefredakteur abgeben würde, frage ich mal in die Runde: Wo würden Sie bei dieser Heftstruktur ein längeres Stück aus einem Gerichtssaal unterbringen?
Es würde im Text um zehn ermordete Menschen, Sprengstoffanschläge und 15 Raubüberfälle gehen, um die Frage, wieso die Mordserie ewig nicht als das Werk von Neonazis erkannt wurde und darum, ob eine Frau namens Beate Zschäpe der Mittäterschaft überführt werden kann. Hier wäre ja auch schon ein erster Ansatz für die Redaktion des Frauenmagazins. Ja, so wird es sein: "Brigitte" will ein Zschäpe-Porträt machen und hat deswegen an der Verlosung der Presseplätze für den NSU-Prozess vor dem Münchner Oberlandesgericht teilgenommen - und auch gewonnen. Verloren haben dagegen die "Frankfurter Allgemeine Zeitung", "Die Welt", "Süddeutsche Zeitung" oder der "Stern". Sie müssen draußen bleiben. Auch die Tagezeitung "taz", die im ersten Platzvergabeverfahren noch erfolgreich war, sich dann besonders vehement für eine erneute Akkreditierungsrunde stark gemacht hatte, steht ohne Stuhl da. Nicht ganz unkomisch, dass "taz"-Chefin Ines Pohl nun als Verliererin über eine Klage in der Sache nachdenkt.

NSU à la "Brigitte"


Ein Zschäpe-Porträt in "Brigitte" also. Wie könnte der Text beginnen? Schlecht sieht sie aus. Die nunmehr eineinhalb Jahre andauernde Haft setzt der "Nazi-Braut" sichtlich zu. Die Frau, der die Staatsanwaltschaft die Beteiligung an zehn Morden und weiteren Taten vorwirft, ist ein Haufen Elend. Sie heißt Beate Zschäpe, und sie ist das weibliche Gesicht der Neonazi-Szene, einer Szene, die wir bisher nur durch martialische Männer kennengelernt haben - Christian Worch, Udo Pastörs, Holger Apfel, Michael Kühnen und eben die beiden Uwes, der eine heißt Mundlos, der andere Böhnhardt. Doch wer ist diese Frau? ...
Ja, warum denn nicht? In der aktuellen Ausgabe der "Brigitte" findet sich auch ein fünfseitiges Porträt über Agnetha Fältskog, eine der beiden Abba-Sängerinnen. Mit Beate Zschäpe hat sie immerhin gemein, den Teil der Karriere, der sie bekannt gemacht hat, hinter sich zu haben. Die Redaktion könnte auch ein ganzes Heft um den NSU-Prozess stricken. Kurz nachdem das Ergebnis der wiederholten Presseplatzvergabe bekannt war, machte im Netz ein "Brigitte"-Cover die Runde: Titelgeschichte: "Trendfarbe Braun", neben Zschäpes Polizeifoto noch der Teaser eines Einrichtungsratgebers: "Neue Wohnideen - Schöner leben auf acht Quadratmetern". Da bleibt uns das Lachen im Halse stecken. Die Münchener Richter hätten uns die im Vorfeld eines so ernsten Prozesses unwürdigen vergangenen Wochen ersparen können. Sie waren offensichtlich nicht in der Lage dazu.

"Gruner + Jahr"-Schachzug


Denn natürlich hat die Frauenzeitschrift sich an der erneuten Vergabe der begehrten Presseplätze zum NSU-Prozess nicht beteiligt, um mehr oder weniger zum Gespött der Medienszene zu werden, wahrscheinlich aber auch nicht, weil sie den NSU-Prozess prominent im Heft haben will. Näher liegt ein anderer Gedanke. Der Verlag "Gruner + Jahr" wollte auf Nummer sicher gehen, dass sein Flaggschiff "Stern" im Gerichtssaal vertreten sein wird und hat die anderen Redaktionen des Hauses, also auch "Brigitte" gebeten, sich zu bewerben. Auf Nachfrage gibt man sich am Hamburger Baumwall freilich verschlossen.
Ein Verlagssprecher will weder sagen, wie viele "Gruner + Jahr"-Titel sich beim Landgericht beworben haben, noch, ob sich "Brigitte" in der ersten Akkreditierungsrunde beteiligte und auch nicht, wie oft der "Stern" oder "Brigitte" den, nun ja: "Verlagssitz" in München jeweils besetzen werden. Interna seien das, zu denen man sich nicht äußere. Warum sich ein Verlag dann überhaupt eine Pressestelle leistet, müssen wir an anderer Stelle klären. Aus anderen Verlagen mit vielen Titeln ist jedenfalls zu hören, dass sich vom Freizeitmagazin bis zum nerdigen Computerheft alle beworben hätten, damit die Tageszeitung oder das News-Magazin auch garantiert vertreten sein werden. Dass es bei "Gruner + Jahr" ähnlich lief, ist anzunehmen: Auf dem Twitter-Account der "Brigitte" war auf Anfrage eines interessierten Users zu lesen: "Wir werden diesen Platz in Anspruch nehmen. Es ist doch aber selbstverständlich, dass wir die Karte mit @stern.de teilen."

Schuld ist das Gericht


Das kann man den Verlagen auch alles nicht vorwerfen. Es ist das Münchner Oberlandesgericht, das aus einem simplen Akkreditierungsverfahren eine Peinlichkeit erster Güte entstehen ließ, die dann bis zur Farce inszeniert und durchgezogen wurde. Wer weiß, was geschehen wäre, wenn die Richter irgendwie im Saal noch ein paar zusätzliche Plätze für türkische und griechische Medien besorgt hätten. In diese Richtung entschieden nämlich Bundesverfassungsrichter, die damit die goldene Brücke skizzierten, die aber keiner in München bauen und beschreiten wollte. Womöglich wäre dem Land, das schon darunter leidet, keine Konzerthäuser und Flughäfen bauen zu können, erspart geblieben, international verlacht zu werden, weil man es auch nicht schafft, Journalisten in einem Gerichtssaal zu platzieren. Wer weiß?
Denn vielleicht wäre diese Variante unserer Branche zu einfach gewesen und die Großkommentatoren - die übrigens auch gerne aus München kommen - hätten ausschweifend erklärt, warum nun der Eindruck entstanden sei, die Richter der bayrischen Landeshauptstadt hätten sich dem Druck von außen ergeben. Schließlich hatte die türkische Regierung bereits bei Außenminister Guido Westerwelle interveniert und WDR-Chefredakteur Jörg Schönenborn in einem "Tagesthemen"-Kommentar beinahe unverklausuliert gefordert, dass der sonst doch stets umtriebige bayrische Ministerpräsident Horst Seehofer sich der Sache annehmen könnte. Mit der Gewaltenteilung nahm es der WDR-Mann, der sonst um staatstragende Gestik und Mimik nicht verlegen ist, einfach mal nicht so genau.

Platzvergabe nach Elfmeterschießen


Wahrscheinlich haben die Münchner Richter der vielen guten Ratschläge wegen auf Stur und Trotz geschaltet und sich gesagt: Alles neu macht der Mai, da starten wir den Prozess dann eben etwas verspätet und bis dahin losen wir. Und da Richter selten in die Verlegenheit geraten, sich der Öffentlichkeit stellen und erklären zu müssen, sondern ihre Urteile von Journalisten und Betroffenen meist wie göttliche Dekrete geschluckt werden, konnte sich das Unheil wegen mangelnden Sachverstands im Bereich Öffentlichkeitsarbeit Bahn brechen. Denn ein kluger PR-Mann hätte davor gewarnt, dass es krachend peinlich würde, wenn "Radio Lora München", "TOP FM", "Radio Lotte Weimar", "RTL2", "Hallo-Muenchen.de" und die Betonköpfe vom Ex-FDJ-Blatt "Junge Welt" einen Platz bekommen und renommierteste überregionale Medien draußen bleiben müssen.
Vielleicht klappt es ja beim nächsten Mal, wenn Münchner Richter mal wieder einen Aufsehen erregenden Prozess mit massivem Medieninteresse führen müssen - den gegen den mutmaßlichen Großsteuersünder Uli Hoeneß. Unser Vorschlag: Platzvergabe nach Elfmeterschießen.
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