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Kultusministerkonferenz der Länder : Digitales Klassenzimmer: Schüler sollen online-fit werden

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„Der Zeitdruck ist hoch“: Die meisten Schüler besitzen Smartphone & Co., aber kaum jemand nutzt die Geräte sinnvoll.

shz.de von
erstellt am 08.Dez.2016 | 16:13 Uhr

Berlin | Die Kultusministerkonferenz (KMK) wird nach Worten des Hamburger Bildungssenators Ties Rabe einen ehrgeizigen Vorstoß unternehmen, um Schüler in Deutschland rasch für die digitale Welt fit zu machen. „Wir haben uns die Messlatte sehr hoch gelegt: Wer nächstes Jahr in die Schule kommt, soll bis zum Ende seiner Schulzeit eine umfassende Medienbildung im Rahmen des Unterrichts durchlaufen“, sagte der SPD-Politiker in Berlin. „Der Zeitdruck ist hoch. Daher sollten wir 2022, 2023 in jeder Schule entsprechende Konzepte implementiert haben.“ Die Bildungsminister und -senatoren der 16 Bundesländer wollen heute in Berlin die KMK-Strategie zur „Bildung in der digitalen Welt“ verabschieden. Darin wird unter anderem festgelegt, welche Computer-Kompetenzen Schüler künftig erwerben sollen.

Warum besteht ein so großer Handlungsdruck?

Die Vergleichsstudie „International Computer and Information Literacy Study“ (ICILS) deckte es vor zwei Jahren schonungslos auf: Deutsche Schüler stehen mit ihren Computer-Kompetenzen nicht gut da. Demnach sind die Jugendlichen zwar im hohen Maße von Smartphones und Laptops fasziniert, nutzen die Geräte aber selten sinnvoll für die Schule - Gedaddel statt Recherche. „Ein großer Teil der Schüler begnügt sich mit sozialen Netzwerken und Computerspielen“, sagt der Hamburger Bildungssenator Ties Rabe. Oberflächlichkeit und Sorglosigkeit im Umgang mit moderner Informationstechnologie müssten nun durch eine intensive schulische Vorbereitung auf das Leben in der digitalen Welt ersetzt werden. Die Präsidentin der Kultusministerkonferenz (KMK), Claudia Bogedan (SPD), warnt: „Es gibt aus meiner Sicht keinen Beruf mehr, in dem man ohne digitale Medien zurande kommen kann.“

Was planen die für Schulpolitik zuständigen Bundesländer?

Die KMK unternimmt nach Rabes Worten nun den durchaus ambitionierten Versuch, Schüler und Lehrer in Deutschland für computerbasierten Unterricht rasch fit zu machen. „Wer nächstes Jahr in die Schule kommt, soll bis zum Ende seiner Schulzeit eine umfassende Medienbildung im Rahmen des Unterrichts durchlaufen.“ Innerhalb der nächsten sechs, sieben Jahre sollten „in jeder Schule entsprechende Konzepte implementiert“ werden. Die KMK-Strategie „Bildung in der digitalen Welt“ soll dafür sorgen, dass spannende und lehrreiche Medien in den Unterricht eingebunden werden, „ohne aber Buch, Heft und Stift damit zu ersetzen“. Ein Alibi-Pflichtfach Informatik lehnt der Hamburger SPD-Mann Rabe ab - stattdessen sollten digitale Medien „in jedem Schulfach, in jedem Unterricht zum Einsatz kommen“.

Stehen die oft klammen Länder mit ihrem Vorstoß allein da?

Nein, auch der Bund sieht den Bedarf und will bei der digitalen Ausstattung helfen. Deswegen hatte Bildungsministerin Johanna Wanka (CDU) kürzlich vorgeschlagen, dass alle rund 40.000 Schulen in Deutschland mit einem Fünf-Milliarden-Euro-Programm des Bundes quasi ans Netz genommen werden sollten. Im Gegenzug müssten sich die Länder verpflichten, pädagogische Konzepte, Aus- und Fortbildung von Lehrern sowie gemeinsame technische Standards umzusetzen. Diesen Ball nimmt die KMK nun auf. So erkennt Senator Rabe die Überarbeitung von Lehrplänen und eine auf das digitale Klassenzimmer vorbereitende Lehrerfortbildung als Ländersache an. Den komplizierten Bereich der Technik - die digitale Infrastruktur an den Schulen, aber auch deren Wartung - müssten die Länder gemeinsam mit dem Bund schultern.

Also eitel Sonnenschein zwischen allen bildungspolitischen Akteuren?

Das werden die wohl im Januar beginnenden Verhandlungen zwischen Bund und den Ländern zeigen. Ein Problem für die KMK-Seite: Wanka hat den Start ihres Milliarden-Digitalpakts recht weit weggeschoben - in die nächste Legislaturperiode, Start wäre dann frühestens 2018. Und sie hat das Bundesgeld auch noch nicht fest in der Hand. Ihr Hamburger SPD-Amtskollege Rabe moniert daher, Wankas vermeintliches Geschenk an die Länder bestehe bisher nur aus Geschenkpapier. Ihr Digitalpakt sei erstmal „nur eine Ankündigung, sich in einer neuen Regierung als Ministerin um das Geld zu bewerben“. Die KMK dürfte daher bei ihrer Sitzung an diesem Donnerstag versuchen, den Druck auf den Bund zu erhöhen.

Und wird am Ende wirklich jeder Schüler ein Laptop vor sich haben?

Das wäre ein tolles Konjunkturprogramm für die Computer-Hersteller, aber auch sehr teuer für den Staat. Es gibt Fürsprecher einer solchen Vollausstattung mit neuen Laptops oder Tablets für jeden Schüler alle drei Jahre, aber: „Dann würden wir die fünf Milliarden Euro von Frau Wanka jedes Jahre brauchen und nicht nur einmalig zum Anschub“, sagt Rabe. Möglich sei stattdessen auch, nach dem Motto „Bring Your own device“ zu verfahren: Praktisch jeder Schüler hat ja einen eigenen kleinen Computer in der Tasche, und den nutzt er dann unter Anleitung des Lehrers im Unterricht. Das KMK-Strategiepapier lasse noch offen, welchen Weg zum digitalen Klassenzimmer die Länder und der Bund am Ende einschlagen, so Rabe.

Und wie kommen die Lehrer mit der digitalen Revolution klar?

Auch hier müsste noch einiges passieren - die große TIMSS-Studie wies erst vor wenigen Tagen nach, dass deutsche Lehrer bei der Weiterbildung für computerbasierten Unterricht im weltweiten Vergleich Letzter (!) sind. „Wir haben sicherlich keine Mühe, die ersten 100.000 begeisterten Lehrer zu erreichen - aber es geht ja um 700.000“, sagt Rabe. Nach und nach könnten und müssten dann also immer mehr Pädagogen gefunden werden, um die Digitalstrategien und -pakte der Bildungspolitiker im Klassenraum auch konkret umzusetzen.

 
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