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Das Sonntagsgespräch : „Die Schuldfrage steht immer im Raum“

vom
Aus der Redaktion des Pinneberger Tageblatts

Dagmar Lüders und Ronald Buttgereit von der AGUS-Selbsthilfegruppe für Suizidhinterbliebene über ein Thema, das immer noch Tabu ist.

Pinneberg | Seit 2010 gibt es in Pinneberg die AGUS-Selbsthilfegruppe für Suizidhinterbliebene. Im Sonntagsgespräch berichten die beiden Leiter Dagmar Lüders und Ronald Buttgereit von der schwierigen Nachfolgesuche und wünschen sich einen offeneren Umgang mit dem Thema „Suizid“.

Wie sieht die Arbeit der Selbsthilfegruppe aus?

Ronald Buttgereit: Unser Angebot richtet sich an Menschen, die Angehörige oder ihnen nahestehende Personen durch Suizid verloren haben. In den Gruppentreffen sollen die Teilnehmer die Möglichkeit bekommen, ihr Trauma zu verarbeiten, indem sie sich mit anderen austauschen, die Ähnliches erlebt haben. Uns ist wichtig, dass wir zuhören, aber nicht bevormunden.

Dagmar Lüders: Die Teilnehmer bemerken, dass sie nicht alleine sind. Jemanden durch Suizid zu verlieren, ist etwas anderes, als wenn dieser durch eine Krankheit stirbt. Vor allem das Thema „Schuld“ spielt eine wichtige Rolle.

Inwiefern spielt Schuld eine wichtige Rolle?

Lüders: Die Schuldfrage steht immer im Raum. Normalerweise bekommt man viel Mitgefühl, wenn man einen Angehörigen verliert. Nach einem Suizid halten sich die meisten dagegen von den Hinterbliebenen fern und wissen nicht, wie sie mit ihnen umgehen sollen.

Buttgereit: Das Thema „Suizid“ ist immer noch ein Tabu. Dabei haben sich in Deutschland 2014 laut Statistischem Bundesamt 10.209 Menschen das Leben genommen. Demzufolge starben deutlich mehr Menschen durch Suizid als durch Mord, Totschlag, Verkehrsunfälle, illegale Drogen und Aids zusammen.

Mit welchen Problemen hat die Selbsthilfegruppe zu kämpfen?

Lüders: Wir beide wollen Ende des Jahres die Leitung der Gruppe abgeben und suchen nach Nachfolgern, die diese Aufgabe übernehmen. Beim Übergang würden wir helfen.

Buttgereit: Es wäre schade, wenn sich die Gruppe auflösen würde, weil keine Leitung mehr da ist. Zumal sich in Pinneberg die einzige Selbsthilfegruppe in ganz Schleswig-Holstein befindet. Wir haben diese seit der Gründung vor sieben Jahren geleitet. Nun wird es aber Zeit aufzuhören. Ich merke, dass ich den Blick auf mich selbst verloren habe. Ich helfe eher anderen als meine eigene Geschichte zu verarbeiten. Ich habe meinen Sohn 2008 verloren und weiß immer noch nicht, wie ich die Lücke füllen soll, die er hinterlassen hat. Es ist das Schrecklichste überhaupt, wenn das eigene Kind stirbt.

Wie viele Teilnehmer hat die Gruppe?

Lüders: Zum ersten Treffen 2010 kamen bereits sieben Betroffene, aktuell sind es zwischen acht und 16. Auffällig ist, dass die Hinterbliebenen inzwischen schon kurz nach dem Suizid ihrer Angehörigen zu uns kommen. Früher warteten sie meistens mehrere Monate. Die Mehrzahl der Mitglieder in unserer Gruppe ist weiblich. Männer nehmen sich dreimal so oft wie Frauen das Leben.

Wie schwer fällt es Hinterbliebenen, mit dem Schicksalsschlag umzugehen?

Buttgereit: Ich stelle mir häufig die Frage, ob ich überhaupt richtig glücklich sein kann. Ich gehe aber davon aus, dass ich das irgendwann schaffe. Das bedeutet ja nicht, dass ich meinen Sohn vergesse.

Lüders: Nach einem Schicksalsschlag wie bei mir dem Verlust des Partners sitzt man unter einer Käseglocke und funktioniert erst einmal nur. Besonders schwierig ist es, wenn der Verstorbene nicht nur die Partner, sondern auch kleine Kinder zurücklässt. Ein Suizid lässt sich nicht prognostizieren. Die meisten Teilnehmer in der Gruppe sagen, dass sie im Vorwege keine Suizidabsicht ihres Angehörigen gespürt haben. Trotz allem fragt sich jeder, ob man Anzeichen übersehen hat und gibt sich eine eventuelle Mitschuld an dem Suizid. Es heißt, dass bei 90 Prozent der Suizid-Opfer eine psychische Erkrankung vorliegt.

Buttgereit: Das Bittere für die Hinterbliebenen ist, dass sie ihre Partner oder Kinder nicht vom Suizid abhalten konnten und auch nicht verstehen, wieso der geliebte Mensch sterben wollte. Wenn man sich an den Verstorbenen erinnert, denkt man meistens nur an den Suizid. Das vorherige Leben rückt in den Hintergrund. 

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erstellt am 09.Jul.2017 | 14:00 Uhr

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