Die Frau, die Buntekuh in die 1. Liga führte

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05. Dezember 2011, 08:05 Uhr

Im Oktober feierte sie ihren 50. Geburtstag - Jolanta Szynwelska. Doch eigentlich ist die jung gebliebene, gebürtige Polin den Handballfans im Norden nur als "Mela" bekannt. "Bei einem Auswärtsspiel wurde ich bei der Vorstellung der Teams von einem Hallensprecher mal als Jolanta vorgestellt", erinnert sich die Rückraumspielerin, die ihren Spitznamen einst von ihrer Nichte bekam ("Die konnte meinen Namen nicht aussprechen") noch heute mit einem Lächeln im Gesicht. "Danach fragten meine Mitspielerinnen: Haben wir hier eine Jolanta?"

Doch die im beschaulichen in Masuren gelegenen Städtchen Suwalki geborene Handballerin rückte weniger ihres Namens wegen in den Vordergrund - Szynwelska überzeugte stets auf dem Parkett. Der Höhepunkt: Unter der Regie der damals schon 42-jährigen Allrounderin gelang mit dem SC Buntekuh Lübeck der Aufstieg (2003) ins Oberhaus Deutschlands. "Das war wie in einem Traum", erinnert sich Mela. "Wir hatten es in zehn Jahren geschafft, von der Kreisliga bis in die Bundesliga durchzumarschieren. Und zudem hatten wir immer davon geträumt, einmal vor ähnlich großer Kulisse wie der Nachbar vom VfL Bad Schwartau zu spielen." Der Wunsch wurde erfüllt: Zuschauerzahlen von 1500 in der Lübecker Hansehalle wurden fast zur Normalität. Beim Nordderby gegen Buxtehude durfte sich das Team um Mela Szynwelska, Barbara Smyka, Marlis Welzer, Katja Dührkop, Renate Zienkiewicz oder Torfrau Andrea Junk sogar über 1800 Fans freuen. "Das war schon einmalig", so Szynwelska. "Wir hatten sogar einen eigenen Fan-Club, der uns immer lautstark unterstützt hat. So etwas vergisst man nicht." Dass am Ende die "Bunten Kühe" sang- und klanglos mit 3:41 Punkten und einem Torverhältnis von 478:621 sofort wieder aus der Eliteklasse absteigen mussten, geriet eigentlich in den Hintergrund. "Wenn man ehrlich ist, wussten wir damals alle, dass die 1. Liga eigentlich nur ein Abenteuer, ein zusätzliches Erlebnis, darstellt", so die 50-Jährige. "Uns fehlte einfach die Qualität und das notwendige Geld, um konkurrenzfähig zu sein." So bejubelten die Lübeckerinnen einzig beim 25:21-Heimsieg (6. März 2004) gegen den TuS Weibern und beim 18:18-Remis beim TV Mainzlar Punktgewinne. "Natürlich war das vor allem für die jungen Spielerinnen nicht leicht", weiß Szynwelska. "Immer zu verlieren ist nicht schön. Da war es doch logisch, dass die Köpfe hingen. Doch trotz des Abstiegs war es eine tolle Saison. Wir haben in großen Hallen, wie in Leipzig, vor vielen Zuschauern gespielt. Das sind Eindrücke die man in Erinnerung behält."

Mit den Handballspielen selbst begann die Polin erst recht spät. Mit zehn Jahren schloss sie sich ihrem Heimatclub AUF AZS Polytechnika Köslin an, landete allerdings als "Kleinste" ("Hey Spargel, geh du ins Tor") zunächst zwischen den Pfosten. So dauerte es knapp zwei Jahre, bis sich "Klein-Mela" auch für das Feld empfahl und als überall einsetzbare Allrounderin schlussendlich ihre Position im Rückraum (Mitte) fand. Der Start einer bis noch heute andauernden Karriere. Alle Jugendteams durchlaufend spielte Szynwelska mit Kösslin schlussendlich in der zweithöchsten polnischen Spielklasse, blieb dem Verein zehn Jahre lang treu. Erst 1981 und nach ihrem Abitur am Wirtschaftsgymnasium verschlug es Mela nach Danzig, um dort ihr Sportstudium aufzunehmen und später erfolgreich abzuschließen. Doch auch dort ging es natürlich nicht ohne das runde, kleine Leder. Unter dem heutigen Trainer des Bundesligisten VfL Oldenburg, Leszek Krowicki, ging die Rückraumspielerin für Start Danzig auf Torjagd und erreichte dritte Plätze mit ihrem Team in der polnischen Liga. Doch nach zehn Jahren in Danzig und über Kontakte nach Deutschland (VfL-Außen Wojcik Cieselski) lockte nach dem Mauerfall der Westen.

Die Damen des VfL Bad Schwartau suchten 1990 erfahrene Spielerinnen für die Oberliga. "Das passte", so Szynwelska, die auch die Altersbarriere von 28, vorher durften Aktive laut Regierungsbeschluss nicht im Ausland spielen, bereits überwunden hatte. "Mich reizte das Neue, ich wollte als Trainerin arbeiten und noch ein paar Jahre selbst am Ball sein." Gleich im ersten Jahr gelang mit den Ostholsteinern der Aufstieg in die Regionalliga. Doch danach war Schluss. Nachdem zweimal hintereinander die Aufstiegsspiele zur 2. Bundesliga nicht erfolgreich gestaltet werden konnten, orientierte sich Mela um. Der Underdog aus Buntekuh (Kreisligist) streckte seine Fühler nach der damals 33-Jährigen aus. Wieder hatte ein Schwartauer-Bundesligaspieler dabei seine Finger mit im Spiel: Michael Magull. Der damalige Rückraumspieler stellte die Kontakte her. "Für mich war das eine Chance, mit guten Jugendlichen wie Kathrin Themer, Angie Geschke (aktuell beim VfL Oldenburg) oder Tina Rohde zu arbeiten", ließ sich die gebürtige Polin sofort auf den Lübecker Vorstadtclub ein. "Zudem wollte ich meine aktive Laufbahn so langsam ausklingen lassen." Doch es sollte alles anders kommen. Insgesamt 14 Jahre lang sollte das Engagement beim SCB anhalten, eine Erfolgsgeschichte sondergleichen geschrieben werden. "Das hat sich einfach so nach und nach ergeben", umschreibt Szynwelska, was nun folgte. Der SC Buntekuh kletterte Jahr für Jahr immer weiter nach oben. In der Kreisliga startend, über die Bezirksklasse und Bezirksliga, Oberliga, Regionalliga und 2. Liga (ab 2001) führte der Weg nach der eindrucksvollen Meisterschaft in der Spielzeit 2002/2003 ins Oberhaus. Die Hansehalle wurde bei der Aufstiegsfeier zum Tollhaus. "Wir sind, nach dem alles perfekt war, in einem Heimspiel als Kuh verkleidet eingelaufen", erinnert sich Mela. "Dabei war ich der Kopf mit einer Glocke, die unaufhörlich klingelte." Vielleicht die schönste Stunde. Es folgten bekanntlich der sofortige Abstieg und der "schleppende" Verfall des SCB. "Leider verließen uns dann fast alle Spielerinnen", bedauert Szynwelska, die trotzdem bis 2008 "ihrem" Verein noch die Treue hielt, allerdings parallel dazu ihren beruflichen Werdegang verfolgte. So begann sie 2004 an der Grone-Schule in Lübeck-Blankensee eine dreijährige Ausbildung zur Physiotherapeutin, die sie 2007 erfolgreich abschloss. "Der Beruf passt einfach zu meinem Sport", verrät Szynwelska ihren Beweggrund. "Ich kann mit Menschen arbeiten und ihnen helfen. Das ist doch schön." So ist die heute 50-Jährige neben ihrem Full-Time-Job (40 Stundenwoche) in der Gemeinschaftspraxis für Physiotherapie (Kiewning/Schubert/Wacker) in Lübeck, auch noch an der UNI-Klinik in der Hansestadt beim Programm/Training für übergewichtige Kinder involviert. Aber überdies auch noch weiterhin dem Handball verbunden. Seit 2008 trainiert sie den Nachwuchs von Lübeck 1876 (WA-/WB-Jugend) und spielt immer noch aktiv in der 1. Damenmannschaft (4. Liga) unter ihrem Ehemann Piotr (ehemaliger Fußballer des TSV Pansdorf und FC Dornbreite). "Es macht mir immer noch Spaß", will sich die Polin noch nicht auf ein Ende der Handballzeit festlegen. "So lange ich selbst Lust habe und fit bin, an Jugendliche meine Erfahrung weitergeben und vermitteln kann, werde ich dabeibleiben."

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