Reisetipp: Masuren : Die Entdeckung der Langsamkeit

Unübersehbarer Wegweiser: Die Marine der Kuhnle-Boote liegt in einem Radler-Ressort. Foto: Sopha
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Unübersehbarer Wegweiser: Die Marine der Kuhnle-Boote liegt in einem Radler-Ressort. Foto: Sopha

Mit dem Hausboot über die Masurischen Seen: In der Vor- und Nachsaison ist es ruhig auf den Gewässern. Einen Fernseher gibt es nicht, den ersetzt das Fernglas.

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19. Oktober 2012, 04:17 Uhr

Es ist still. Das Wasser gluckst leise am Stahlrumpf des Hausbootes. Ab und zu schreit eine Möwe. Und plötzlich ist er da. Ein weißer Fleck im grün-gelben Schilf. Wir greifen sofort nach den Ferngläsern: Ein stolzer Fischreiher steht regungslos am Seeufer. Schneeweiß ist er. Der nächste Griff gilt dem Bestimmungsbuch: Wir haben einen Silberreiher entdeckt.

Urlaub in Masuren - das ist eine Zeitreise. Zum einen, weil in einigen Winkeln die Moderne nur zögernd Einzug hält. Holzhäuser und Pferdepflug gibt es noch immer. Ebenso wie ungepflasterte Zufahrtswege zu Ferienzentren. Die letzten Meter zu unserer Zeitmaschine sind sehr holprig. In Piaski warten an einem kleinen Steg fünf Kuhnle-Hausboote auf Paare oder Familien. Ein "Kormoran 1140" mit sechs Betten wird für uns Zwei eine Woche lang unser schwimmendes Zuhause sein. Dusche, Kombüse mit Kühlschrank und Backofen, Heizung - auf Komfort müssen wir nicht verzichten. Einen Fernseher gibt es nicht, den ersetzt das Fernglas.
Freie Bahn
Als erstes steuern wir die Bucht von Iznota im Jezioro (See) Beldany an, um dort zu ankern. Selbst am Wochenende sind nur noch ein paar Segler unterwegs, Kanuten sehen wir gar keine mehr. Das ist der Vorteil von Frühjahr und Herbst. Denn die Masurischen Seen sind auch für Polen ein beliebtes Ferienziel, und entsprechend lärmend kann es in den Sommerwochen zugehen. Dann sehen wir nur in der Ferne ein Licht durch die Bäume schimmern, die Stille ist für stressgeplagte Städter fast unerträglich. Aber bald haben wir uns daran gewöhnt.
Wir entdecken die Langsamkeit und unseren ganz eigenen Rhythmus. Dunkel und still: Gehen wir eben in die Koje und lassen uns sanft in den Schlaf schaukeln. Beim Frühstück beobachten wir, wie die Konturen der Schwanenfamilie langsam schärfer werden. Mittags genießen wir die Herbstsonne auf dem Oberdeck und liebäugeln mit einem Seebad mit anschließender Außendusche auf der Badeplattform. Angler könnten es jetzt den zahllosen Einheimischen gleichtun, die von Ruderbooten oder vom Ufer aus Jagd auf Hecht, Zander, Wels oder Barsch machen.
Niedrige Brücke
Wir ziehen es vor, in Zielony Gaj anzulegen, einem kleinen Hafen im Großen Ketteksee (Jezioro Kotek Wielkie), der allerdings eher winzig ist. Zur Marina gehört ein Restaurant. Die freundliche Frau hinter dem Tresen spricht kein Deutsch, wir kein Polnisch. Aber wir bringen in Erfahrung, dass es Zanderfilet gibt, mit Gurkensalat und Kartoffelmus. Keine Haute Cuisine, aber frisch und mit viel Geschmack.
Wer will, kann das Seengebiet von Nord nach Süd durchqueren. Zahlreiche Kanäle verbinden die vielen Seen miteinander. Ganz im Norden liegt Wegorzewo (Angerburg) am Jezioro Mamry (Mauersee). Der Wasserweg hierhin führt über den Jezioro Niegocin (Löwentinsee) und bei Gizycko (Lötzen) durch einen Kanal. Der stellt eine Touristenfalle dar. Die Autobrücke, die ihn in der Stadt überquert, ist so niedrig, dass die meisten Boote nicht darunter herfahren können. Also gibt es feste Öffnungszeiten. Dumm nur, wenn man das nicht weiß und mit dem Boot mitten im Kanal stoppen muss. Das ist eine Situation, die zur Meuterei führen kann (übrigens genau wie Anlegemanöver).
Biber und Fischreiher
Die Brücke in Gizycko ist in weiterer Hinsicht eine Besonderheit: Wenn die Schranken den Autoverkehr gestoppt haben, wird sie von Hand geöffnet. Eine Kurbel wird durch den Asphalt mit dem Räderwerk verbunden und ein kräftiger Kerl packt an. Nicht nur beim unfreiwilligen Stopp im Kanal, auch bei den Anlegemanövern ist es gut, wenn es einen erfahrenen Bootsführer gibt. Zwar dürfen die Stahlschiffe ohne Bootsführerschein gesteuert werden, aber es empfiehlt sich, dass einer an Bord über seemännische Erfahrung verfügt. Die Marinas sind überwiegend auf Segelboote ausgerichtet, die Boxen eng.
Eine Ausnahme: Die nagelneue EcoMarina von Gizycko, von wo aus man in wenigen Minuten zu Fuß in der Stadt und bei der Drehbrücke ist.Welche Häfen welchen Komfort bieten, verrät übrigens das Buch "Bootsurlaub in Masuren" aus der Edition Maritim, das auf jedem Kuhnle-Schiff zur Ausstattung gehört. Wo Biber und Fischreiher zu beobachten sind, dass müssen die Reisenden - genau wie die entspannende Langsamkeit - allerdings selbst entdecken.

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