Die Bremer Stadtmusikanten im Sylter Jöölboom?

Optisch und kulturgeschichtlich stehen sich der Sylter Jöölboom und die Bremer Stadtmusikanten nah.  Foto: Holm Löffler
Optisch und kulturgeschichtlich stehen sich der Sylter Jöölboom und die Bremer Stadtmusikanten nah. Foto: Holm Löffler

Der Bremer Journalist Gerrit Reichert ist der Frage nachgegangen, ob zwischen Märchen und heidnischem Weihnachtsschmuck ein Zusammenhang besteht

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17. Dezember 2011, 07:35 Uhr

Sylt/Bremen | Jöölboom und Bremer Stadtmusikanten haben einiges gemeinsam. Essen zum Beispiel ist ganz wichtig: Am Boom hängen vier Äpfel, im Märchen sitzen die Räuber an einem satt gedeckten Tisch, am augenscheinlichsten aber sind natürlich die Tiere. Pferd, Hund und Hahn des Jöölbooms ähneln den Bremer Stadtmusikanten so sehr, dass Inseltouristen schon verwundert fragten, wo denn die Katze aus dem Märchen geblieben sei? Eigens dementiert das Sylt-Marketing: "Keine Sylter Inselmusikanten, wie man vermuten könnte." Was weiß man über den Sylter Jöölboom?

Jöölboom

Die häufigste und plausibelste Herleitung des Wortes "Jööl" kommt vom nordischen "hjul", was "Rad" bedeutet. Mit Jöölboom werden also die zwei markantesten Bestandteile des Sylter Weihnachtsbaumes bezeichnet: das grüne Rad aus frischem Buchsbaumkranz und der mittige Boom, der Baum, der das Rad trägt. Tiere, Früchte, Licht und das der christlichen Bibel entlehnte Schöpfungsbild von Adam, Eva und der Schlange am Lebensbaum ergänzen das Weihnachtsensemble. Über die Bedeutung ist man sich weitgehend einig. Alt sei der Boom, sehr alt und gehe auf "germanische oder nordische Einflüsse zurück". Er symbolisiere den Sonnenlauf, der zur Wintersonnenwende erneut seine Reise durch die vier Jahreszeiten beginne. Lange vor dem Christentum hätten die Menschen mit besonderen Ritualen die Wiederkehr des Lichtes am kürzesten Tag des Jahres gefeiert. Am Jöölboom hätten sich Sonnenlauf und Fruchtbarkeit im grünen Buchsbaum, den vier Kerzen und den vier Äpfeln, symbolisch verdinglicht. Den aufsteigenden Tieren am Boom wird die Bedeutung vorchristlicher Opfergaben zugeschrieben.

Tierische Reise

Auch im Märchen der Bremer Stadtmusikanten soll gleichsam geopfert werden. Ausgangsmotiv der Geschichte ist die unmittelbar bevorstehende Tötung von Esel, Hund, Katze und Hahn. Die Ausgangs-Katastrophe ist ein konstituierendes Merkmal der zahllosen regionalen Varianten des Stoffes. Schon dem Märchen von den Bremer Stadtmusikanten lagen drei solcher Varianten aus Ostwestfalen und Nordhessen zu Grunde. Als Quellen notierten die Brüder Grimm: "Nach zwei Erzählungen aus dem Paderbörnischen (…), eine dritte Fassung aus Zwehren (…)". Hundert Jahre nach Grimm stießen Forscher überall in Europa, Nordafrika und Asien auf Varianten des Stoffes, der allein als Märchen von den Bremer Stadtmusikanten zu Weltruhm gelangte. So existieren zum Beispiel Amsterdamer- und Brüsseler Stadtmusikanten, die Geschichte der wandernden Tiere fand sich auch in Schleswig-Holstein. Hier, wo sich der Sylter Jöölboom auch entlang der friesischen Küste erhalten hat, lautet eine Variante "De Himmel de brickt", der Himmel stürzt ein. Wie im Märchen, folgt der Ausgangs-Katastrophe die tierische Reise, bei der Tiere, ein Baum, Licht und Essen eine gewichtige Rolle spielen - wie am Sylter Jöölboom. Bei den Bremer Stadtmusikanten führt diese Reise direkt zu dem grell erleuchteten Haus, in dem mutmaßliche "Räuber" an einem prall gefüllten Tisch sitzen. Das Märchen enthält zudem die an sich märchenuntypische und in der Regel unbeachtete Angabe, wann genau diese tierische Reise beginnt: Weihnachten.

Weihnachten

Vor Einführung des Gregorianischen Kalenders im 16. Jahrhundert waren die Wintersonnenwende und Weihnachten zeitlich identisch, heute liegen sie wenige Tage hintereinander. Der Stoff der Bremer Stadtmusikanten lässt sich bis in die vorchristliche Zeit hinein verfolgen, über mehr als zwei Jahrtausende. Die Rückkehr des Lichtes, die Rückkehr der Sonne und mithin die Rückkehr des Lebens standen im Zentrum der archaischen Gemeinschaften weltweit. Die herausragende Bedeutung der Wintersonnenwende blieb im Christentum erhalten: Der Legende nach wurde Jesus in der Christnacht geboren, der ursprünglichen Winter-Sonnenwende. Es ist genau jene tiefschwarze Nacht, in die hinein sich Esel, Hund, Katze und Hahn begeben. Am Hoftor, dem Grenzpunkt zwischen Hier und Fort, sagt der Hahn zum Esel: "Weil unserer lieben Frauen Tag ist, wo sie dem Christkindlein die Hemdchen gewaschen hat (…)". Zwischen dem Auszug von Esel, Hund, Katze und Hahn aus der Ausgangs-Katastrophe ihrer Beinahe-Schlachtung und dem nachfolgenden "Sonntag", dem Sonnen-Tag, liegt jene Nacht, die das tragische Schicksal der vier Tiere in ihr genaues Gegenteil verwandeln wird. Es ist die geweihte Nacht, es ist die Weih-Nacht.

Verwandlung

Ende der 1980er-Jahre untersuchte der renommierte italienische Historiker Carlo Ginzburg Inquisitionsakten des 14. bis 17. Jahrhunderts. Er stieß auf Schilderungen, in denen Tiere in stockfinsterer Nacht zu seltsamen Orten mit grell erleuchteten Hütten reisen, wo Kämpfe mit bösen Dämonen um Essen und Trinken auf sie warten. Vorzugsweise fanden diese Kämpfe zu Weihnachten statt. Ginzburg interpretierte die nächtlichen Kämpfe als rituelle Kämpfe um Fruchtbarkeit, in denen sich der Kampf zwischen Sommer und Winter, zwischen Leben und Tod spiegele. Exakt auf der Nahtstelle jener herausragenden Nacht, in der zum ersten Mal wieder die Sonne länger scheinen würde, sei auf der rituellen Bahn einer uralten Tradition der Kampf um Tod oder Leben stellvertretend geführt worden. Nur, wenn der Kampf gewonnen würde, wenn Licht und Essen von den "Räubern" des Lebens zurückerobert würden, würden die vier Jahreszeiten für ein weiteres Jahr gesichert, so der Glaube. Würde der Kampf hingegen auch nur ein einziges Mal verloren, träte die ganzheitliche Katastrophe ein und der Himmel stürzte auf alle Zeit zusammen, "De Himmel de brickt". Ginzburg schlussfolgerte, dass es sich bei diesen Schilderungen und solchen, die Jahrhunderte später zur Kunstform Märchen wurden, um ein und denselben Ritualstoff handele. Der Ritus wurde am zentralen und heiligsten Ort der vorchristlichen Gemeinschaften vollzogen, an einem Baum. An ihm vollzieht sich auch in pechschwarzer Nacht der Wechsel von Esel, Hund, Katze und Hahn zum grellen Licht des Räuberhauses - an einem Baum steigen die Tiere des Sylter Jöölboomes auf.

Verwandte

Sylter Jöölboom und Bremer Stadtmusikanten stehen sich nicht nur optisch nah, sie sind es offenbar auch kulturgeschichtlich. Mutmaßlich hat sich in beiden ein uraltes, vorchristliches Ritual der Winter-Sonnenwende bewahrt, von dem man glaubte, dass es alleine für die Verwandlung von Tod zu Leben sorgt. Der Glaube ist fort, doch das Ritual ist geblieben. Unbewusst pflegen wir es ohne Unterbrechung, indem wir zu Heilig Abend den Baum aufstellen, das Licht in seine Spitze setzen, ihn mit Obstgaben behängen und das Knusperhaus davor stellen.

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