zur Navigation springen

Nagars Netzwelt : Die Beschwörung der Blockchain

vom
Aus der Onlineredaktion

Hinter Bitcoins stecken kühle, logische Rechenkonstrukte. Und bester Stoff für Geschichten.

Man könnte sich die Story als Comic vorstellen. Da ist dieser rätselhafte Superheld, der sein Gesicht nicht zeigt und unter einem kryptischen japanischen Namen auftritt. Satoshi Nakamoto. Ein Held? Ein Bösewicht? Ein hintertriebenes Genie oder doch nur ein schüchterner Australier? Jedenfalls jemand, der das Finanzwesen völlig umkrempeln könnte. Denn der stille Internet-Pionier schuf die Blockchain – die Grundlage für Kryptowährungen wie Bitcoin. Und damit schuf er, womöglich unbeabsichtigt, comic-taugliche Szenarien von Strukturen des Bösen, die damit Drogen, Menschen und Waffen handeln, Terror finanzieren, in den Tiefen des dunklen Netzes. Ein digitales Gotham City, nur dass es leider real ist – und die ganze Welt umspannt.

Doch welcher Comic funktioniert ohne Widersacher? Die EU diskutiert seit einiger Zeit, dem virtuellen Unwesen einen Riegel vorzuschieben und Bitcoin-Nutzer aus der Anonymität zu holen: „Umtausch-Plattformen für virtuelle Währungen und Anbieter elektronischer Geldbörsen müssen Kundenkontrollen durchführen“, forderte der Europäische Rat vergangene Woche. Ist die EU also der eigentliche Superheld, Bewahrer des Guten?

Anders als in einem guten Comic gibt es in Offline-City leider mal wieder keine einfachen Antworten. Die Argumente gegen die Kryptowährungen ähneln teils jenen gegen große Bargeldsummen. Man möchte den Terror austrocknen, das ist natürlich wünschenswert. Doch damit schnibbelt man auch kräftig an der Freiheit. Die Blockchain ist nicht per se böse, ebenso wenig wie Menschen, die einen Handel ohne staatliche Überwachung wünschen.

Die Basis der Bitcoins ist so etwas wie das Produkt des schrägen Comic-Tüftlers, der begeistert seine abgedrehten Apparaturen zeigt, die sonst niemand versteht. Man kennt das: Wirre Rohre, Knöpfe, Kolben, Zylinder und irgendwo ist auch immer eine Dampfpfeife. Mit absurd komplizierten Rechenmodellen, dem „Mining“, können neue Bitcoins geschaffen werden. Anders als bei Zentralbanken funktioniert das dezentral. Das Vertrauen in die Kryptowährungen liegt also nicht in der Kompetenz eines Super-Mario (Draghi), sondern in netzartigen Protokollen. Die Entwicklung einer Kryptowährung obliegt nicht der Politik, sondern der Mathematik. Blockchain-Fans grübeln darüber nach, ob durch diesen dampfenden Wunderapparat nicht gar ein besseres Finanzsystem entsteht, als es die EZB liefert – und mutmaßen, dass allein deswegen die EU das System auf dem Kieker hat.

Und so zerfasert unser so vielversprechender Comic im Diffusen. Die Linien verschwimmen und statt mit einem stilsicheren „Pow!“ wird die Geschichte eher weitergehen wie ein Justizkrimi von John Grisham. Oder wie bei George Orwell.

zur Startseite

von
erstellt am 27.Dez.2016 | 18:00 Uhr

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen