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17. Oktober 2017 | 00:58 Uhr

Kommentar : Der schwarze Peter ist schuld

vom

Michael Stitz, Chefredakteur des Medienhauses Sylt macht sich Gedanken zum (vorläufigen?) Scheitern der Geburtshilfe auf Sylt.

shz.de von
erstellt am 30.Dez.2013 | 10:37 Uhr

Ist jetzt das letzte Wort gesprochen, die letzte Chance vertan? Das Drama um den Erhalt der Geburtshilfe auf Sylt hat mit der Absage der Hebammen, sich an dem Konzept „Kreißsaal Sylt“ zu beteiligen, einen weiteren Höhepunkt in diesem an Höhepunkten reichem Konflikt zwischen Nordseeklinik und Geburtshelferinnen erreicht. Das Publikum ist erneut verwirrt, denn die Hebammen brechen die gerade begonnenen Kieler Gespräche mit dem Hinweis ab, dass „sämtliche Risiken bei uns Hebammen gelegen!“,  hätten. Wenn das so ist, war der Abbruch der Gespräche konsequent. Aber mit welchen Vorstellungen und Ansprüchen waren denn die Hebammen in die Verhandlung mit dem Gesundheitsministerium und der Asklepios-Klinik gegangen? Welche ihrer Forderungen wurden nicht in dem Konzept berücksichtigt? Ministerium und Klinik zeigen sich gleichermaßen erstaunt und verunsichert. Ohne die Hebammen, das ist allen klar, wird es keine Lösung zum Erhalt der Geburtshilfe auf Sylt geben.Klar ist auch, dass ihre Bedenken und Befürchtungen sehr ernst zu nehmen und entsprechend auszuräumen sind. Ebenso klar muss allerdings auch langsam allen sein, dass die Sylter Situation kein Ausnahmefall darstellt, dass andernorts viel schneller Geburtshilfestationen geschlossen werden, wenn sie nicht die Fallzahlen erbringen, die die klinische Qualitäten gewährleisten, die heute Standard sind. Die Situation verbessert sich nicht dadurch, die Nordseeklinik an den Pranger zu stellen, in der Klinik nur das Profitorientierte Asklepios-Unternehmen zu sehen, das sich von einer wenig profitablen Abteilung verabschieden will. Warum fällt es so schwer, den Verantwortlichen der Klinik zu glauben, dass sie einem hohen  Qualitätsanspruch verpflichtet sind?

Sicher hat die Klinik Fehler in der Kommunikation ihrer „schlechten Nachrichten“ gemacht, hat wenig Gespür für die Insel und ihre besondere Reizbarkeit in Fragen der Geburtshilfe gezeigt. Doch der Rückgang an Geburten, die Zunahme an Risikoschwangerschaften, die mit jedem Fehlgriff bei Geburten drohenden extremen Schadensersatz-Forderungen an Ärzte und Hebammen, die Ansprüche an eine in jeder Beziehung optimale medizinische Betreuung und Versorgung von Schwangeren und Neugeborenen sind Ausdruck einer gesamtgesellschaftlichen Entwicklung. Wir wollen alle nur das Beste - vor allem für uns selbst. Auf Sylt wird diese Haltung noch dadurch verstärkt, weil hier doch sonst alles möglich und bezahlbar erscheint. Da scheint der Wunsch nach dem Erhalt einer Geburtshilfe auf der Insel das Mindeste, seine Nichterfüllung als ein Skandal. Aufgeladen wird die Situation noch dadurch, dass sich bei der Frage der Realisierung eines Sylter Kreißsaals oder anderer Modelle immer wieder eine andere Frage stellt, wer kann es sich als Arzt oder Hebamme eigentlich erlauben, auf Sylt zu wohnen? Eine Fehlentwicklung bleibt selten ohne Folgen...

Das Thema Sylter Geburtshilfe hat mittlerweile ein Emotionslevel erreicht, das nur noch Freund und Feind kennt. Die nüchterne Analyse ist (vor allem in der Politik) nicht erkennbar. Angesichts der aktuellen Entwicklung darf man zweifeln, ob sie überhaupt noch zu leisten ist. Notwendig wäre sie mehr denn je. Denn mit dem Verlust der Geburtshilfe auf Sylt droht ein Imageverlust, kleistern doch  schon jetzt einige Insel-Geister und andere wohlmeinende Ratgeber an dem Bild des kinderfeindlichen Eilands. Man kann vehement für den Erhalt der Geburtshilfe auf Sylt sein und doch zu der Erkenntnis kommen, dass sie nicht mehr realisierbar ist. Es sei denn, man verpflichtet Klinik und/oder Hebammen, unkalkulierbare Risiken einzugehen.

 

 

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