Kappeln/Lübeck : Der schnelle Orgelbauer von St. Nikolai

Innerhalb von Sekunden gießt Morris Walter das Rohmaterial für die Orgelpfeifen. Genauso schnell kühlt die Platte ab.
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Innerhalb von Sekunden gießt Morris Walter das Rohmaterial für die Orgelpfeifen. Genauso schnell kühlt die Platte ab.

Kappelner Gruppe fuhr zur Werkstatt von Reinalt Klein / In ehemaliger Kirche bei Lübeck entstehen die neuen Orgelpfeifen

shz.de von
31. Dezember 2011, 07:26 Uhr

Lübeck | Ankunft in einer Kirche. Es ist laut, die Menschen, die sich im Innern aufhalten, flitzen zwischen den einzelnen Räumen hin und her, sie rufen sich Anweisungen quer über den Flur zu, sie tragen klobige Schuhe, und sie haben schmutzige Hände. Von Ruhe und Besinnlichkeit weit und breit keine Spur. Mittendrin im Gewusel steht Reinalt Klein, schwarze Hose, brauner Rollkragenpullover, die Ärmel hat er über die Ellenbogen geschoben. Auch er sieht nach Arbeit aus. Mitten in der Kirche. Es ist seine Kirche, und es hat fast etwas Skurriles, dass der Mann, der der Orgel von Kappelns St. Nikolai wieder Leben einhauchen soll, dies ausgerechnet in einer Kirche tut. Fast. Eigentlich kann man sich nämlich kaum ein passenderes Bild vorstellen. Vor drei Jahren hat Reinalt Klein aus dieser Kirche in Stockelsdorf bei Lübeck seine Werkstatt gemacht. Seitdem entstehen dort Orgeln von höchster Qualität - und sei es nur, um seinem eigenen Anspruch gerecht zu werden. Ein Ortsbesuch.

Auf dem Treppenabsatz stapeln sich lange, dünne Platten. Silbrig glänzen sie dem Besucher entgegen. "Das werden einmal Ihre Pfeifen", sagt Reinalt Klein - seine Begrüßung für die etwa zehnköpfige Gruppe aus Kappeln, die mal eben einen Vormittag lang Kleins Werkstatt in Beschlag nimmt. Es ist eine Gruppe, deren Neugier zwar enorm ist, ihr Wissen um Funktions- und Bauweise einer Orgel allerdings wohl weniger als elementar - von einigen Ausnahmen abgesehen. Reinalt Klein stört das nicht. Er lässt sich gerne ein auf das Spiel mit seinen Besuchern: Sie fragen, er antwortet. Und Fragen kommen viele. Antworten allerdings noch mehr. Eine davon hat gleich zu Beginn das Zeug dazu, zum Leitmotiv des Tages zu werden: "Es gibt hier nichts Normales."

Erste Station: das Gießen. Thies Kölln leitet das Spektakel mit vielsagenden Worten ein. "Was wir jetzt sehen, machen die wenigsten Orgelbauer", sagt der Vorsitzende des Orgelbauvereins. Kölln weiß um das Besondere seines Orgelbauers, und davon sollen auch die anderen erfahren. In der Mitte des Raums steht eine lange, rechteckige Bank. Ihre Fläche ist aus Lehm, darüber ein Stoffbezug. An einem Ende der Bank steht Morris Walter und rührt in einer 270 Grad heißen Zinn-Blei-Mischung - sie soll erst ein wenig abkühlen. Ausgerüstet mit Schürze, Handschuhen und Gesichtsschutz kippt Walter die zähe Flüssigkeit schließlich in den Gießschlitten, öffnet zwei Ventilklappen und zieht die plötzlich auslaufende Legierung in Windeseile über die komplette Lehmbank. Am anderen Ende pladdert der flüssige und immer noch sehr heiße Rest in ein Auffangbecken. Und auf die Schuhspitzen der Besucher, die sich zu nah an die abenteuerliche Szene herangewagt haben. Morris Walter lächelt. "Es geht darum, die richtige Gießtemperatur zu erwischen und dann mit der richtigen Geschwindigkeit zu gießen", sagt der Orgelbaugeselle. "Dafür muss man ein Gefühl entwickeln." Die Besucher lächeln zurück. In ihren Augen hat Morris Walter Gefühl bewiesen.

Ohnehin ist an diesem Tag immer wieder von Gefühl und Erfahrung die Rede. Etwa wenn Reinalt Klein erklärt, dass eine Platte umso dicker gegossen werden muss je größer die Pfeife ist, die daraus entstehen soll. Aber: "Ein Gesetz gibt es dafür nicht", schiebt der Orgelbaumeister schnell hinterher. "Das sind Erfahrungswerte." Genau die haben ihn auch kalkulieren lassen, dass er insgesamt geschätzte 900 Kilogramm Zinn und 1,3 Tonnen Bleilegierung benötigen wird, um die Pfeifen für St. Nikolai zu bauen. Und: Je zinnhaltiger eine Pfeife ist, desto heller klingt sie. Je bleihaltiger, desto dunkler. Auch die Entscheidung, auf Lehm zu gießen, ist Kleins Wissen um die Vergangenheit der Orgelbaukunst zu verdanken. "Material, das auf Lehm gegossen wird, kühlt schneller ab", weiß der Experte. "Auf diese Weise bleiben die Moleküle in einer chaotischen Anordnung. Und chaotische Systeme sind stabiler als andere." Aus diesem Grund habe man vom 15. bis zum 17. Jahrhundert auf Sand gegossen, der den gleichen Effekt hatte wie eine Lehmgrundlage. "Und unser Ziel ist es ja, der alten Qualität so nah wie möglich zu kommen."

Dabei hilft ihm auch sein Freund und Kollege Amadeus Junker. Der Orgelbaumeister aus Gifhorn in Niedersachsen sitzt auf einem Hocker im Raum gegenüber, vor ihm ein kleines Arsenal an halbfertigen Pfeifen. Junker ist dabei, das Unterlabium anzulöten. Dazu muss er an der Pfeife so geduldig und so sorgfältig feilen, bis das Labium, es handelt sich hier bei um den abgeflachten Teil der Orgelpfeife, in die Ausbuchtung hineinpasst. "Das passiert nach Augenmaß", sagt Junker - eben auch ein Mann mit Erfahrung. Und ein strenger Verfechter der historischen Bauweise des Instruments. "Deshalb", sagt Junker mit Blick auf sein Lübecker Pendant und lacht, "passen wir auch so gut zusammen".

Passend zur neuen Orgel werden die Profis auch eine neue Windanlage bauen, ein Teil der Bälge lehnt bereits so gut wie fertig an der Wand im Flur. 180 Kilogramm wiegt eines der wuchtigen Stücke aus Kiefernholz, sechs Paare sollen am Ende auf dem Dachboden von St. Nikolai stehen. Reinalt Klein nennt sie "die Lunge" des Instruments. "Und genauso funktioniert es auch", sagt er. "Einatmen, ausatmen."

Eine Etage höher: das Holzlager. Reinalt Klein kreist einmal mit dem Arm quer durch den Raum. "Das ist voll mit Holz für Kappeln", sagt er dann und lacht. Es gibt Menschen, die beim Anblick dieses gewaltigen Materials in Qualität und Menge zuerst die Arbeit sehen, die ansteht, soll all dies tatsächlich verbaut werden. In Reinalt Kleins Gesicht steht die Freude geschrieben, darüber, dass er genau das tun darf. Das zumindest ist zu lesen in seinen Augen hinter der unscheinbaren Brille. Und auch zu hören in der Stimme mit unverkennbar badischem Akzent. Eine tiefe Begeisterung für sein Tun, eine positive Unruhe, ein innerer Trieb, dieses Instrument, diese Orgel zu vollenden. Sie mit einem Klang auszustatten, den er vermutlich schon seit Langem im Stillen hört. Es ist ein Handwerk, das er ausübt. Allerdings eines, das er mit einem künstlerischen Anspruch anreichert. Und das ihm so leicht von der Hand zu gehen scheint.

Hier in seiner Werkstatt ist er zu Hause, hier kann er zu jedem kleinsten Orgel-Teil, das in seinen Räumen liegt, etwas erzählen. Auch zu denen, die jetzt nicht mehr dort sind. Morris Walter nämlich hat sich breitschlagen lassen: Er hat aus den Resten seines "Pfeifen-Aufgusses" für die Besucher von der Schlei kleine, vielleicht vier mal zwei Zentimeter große Plättchen abgetrennt. Amadeus Junker hat daraus Hohlkörper geformt. Für die Gruppe aus Kappeln ist der Lübeck-Ausflug so zu etwas wie einer Exkursion mit exklusivem Souvenir geworden. Oder wie es einer aus dem Tross hinterher formulierte: "Ich fühl’ mich wie auf einer Klassenfahrt." Überall Neues zu entdecken, alles anfassen, und am Ende auch noch etwas mitnehmen. Reinalt Klein wird es mit Gelassenheit registriert haben. Normalität war heute sowieso nicht gefragt. Es ist das Außergewöhnliche, das für Klein zählt. Und dazu gehört wohl auch ein kleines Stück Orgelpfeife aus einer Lübecker Werkstatt, das künftig am Hals eines Kappelners baumeln wird.

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