Karsten Redlefsen : Der Mann mit den Reißverschluss-Würstchen

Er brachte die Vakuumverpackung für Aufschnitt nach Deutschland: Karsten Redleffsen. Foto: Dewanger
Er brachte die Vakuumverpackung für Aufschnitt nach Deutschland: Karsten Redleffsen. Foto: Dewanger

Karsten Redlefsen ist heute 76. Mit 20 Jahren ging er in die USA und kam mit einer Idee zurück, die das Familienunternehmen in Satrup zum deutschen Pionier machte: abgepackte Wurst.

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15. Oktober 2011, 11:15 Uhr

Flensburg | Mitte der 50er Jahre kam Karsten Redlefsen, damals ein junger Mann von 20 Jahren, zu einem Importeur des väterlichen Unternehmens in die USA. Er sollte sich, so der Wunsch des Vaters, "Wind um die Nase wehen lassen", um mit neuen Ideen für den Betrieb nach Hause zu kommen.
In New York machte er seinen Führerschein und fuhr unter anderem, belächelt von vielen, mit einem VW-Käfer nach Chicago. Dort arbeitete er in einem Supermarkt, füllte Regale auf und ließ sich viel von der dortigen Verkaufspraxis erzählen. Denn die kannte man hierzulande noch nicht: In Deutschland gab es zu dieser Zeit nur Tante-Emma-Läden.
Redlefsen wollte in den USA bleiben
Die Reise ging weiter nach Miami, wo Karsten bei einem Niederlassungsleiter des Importeurs aus New York wohnte. Der nahm ihn eines Tages mit zu einem Kunden - und dort sollte seine Erfolgsgeschichte ihren Lauf nehmen. Karsten Redlefsen besah sich die Aufschnitt-Linie des Kunden, informierte sich über Kalkulationsgrundlagen und machte ihm schließlich ein alternatives Angebot zum bisher gekauften polnischen Kochschinken. Die Rechnung ging auf.
Mit Fingerspitzengefühl - und einer Portion jugendlicher Unverfrorenheit - brachte Redlefsen das Geschäft in Gang. Die Firma des Importeurs erhielt einen Dauerauftrag zur Belieferung mit Kochschinken. Und Karsten Redlefsen, der junge Mann aus Norddeutschland, ein Angebot, zu bleiben. Der nahm gerne an und brachte, um die Familie daheim zu informieren, eine Postkarte auf den Weg nach Satrup.
Vater beorderte ihn per Telegramm nach Hause
Doch der Vater war ganz und gar nicht mit diesen Plänen einverstanden. Ein Telegramm kam mit der unmissverständlichen Aufforderung, sofort nach Hause zu kommen: "Come home immediately!".
Der damals 22-Jährige packte notgedrungen seine Sachen, verkaufte das Auto und flog zurück. Karsten Redlefsen sollte Ideen in der Welt sammeln, Innovationen liefern - das wünschte sich die Familie -, nicht Regale füllen oder dem amerikanischen Importeur zur Hand gehen.
Ideen aus Amerika aufgegriffen
Mit seinem Freund Heinz Kumm, der später Geschäftsführer im Betrieb wurde, begann Redlefsen nach seiner Rückkehr, die Ideen aus Amerika aufzugreifen und umzusetzen. Wurst wurde versuchsweise aufgeschnitten, Vakuum verpackt und beschriftet. In Testfilialen erprobte man die noch völlig unbekannte Selbstbedienung und verfeinerte die Verkaufsstrategie. Zu der Zeit gab es diese Vertriebsform noch nicht, alles war neu.
Redlefsen erinnert sich an eine enorme organisatorische und logistische Anstrengung: "Es gab keinerlei Erfahrungswerte, wie lange sich vakuumverpackte Wurst hält, bei welcher Temperatur die Ware geliefert werden muss, wie Qualitätsstandards gehalten werden können oder wie das Angebot in Deutschland angenommen werden würde." Viele Maschinen, die es in der gewünschten Form noch nicht in Deutschland gab, mussten bestellt, vorhandenes Gerät umfunktioniert werden. Wie wir heute wissen, ging das Konzept auf.

Risikobereitschaft lohnte sich
Die Kunden waren begeistert, die Anfangsinvestitionen für Maschinen amortisierten sich. Die Risikobereitschaft der Familie lohnte sich. Ein Fleisch- und Wurstwarenbetrieb in Deutschland ging - ohne Not - das Risiko ein, eine für das Land völlig neue Vertriebsoption zu erproben. Und das, weil der Sohn in den Vereinigten Staaten andere Verkaufsstrategien kennen lernt und davon überzeugt ist, die Entwicklung "schwappe" ins eigene Land herüber.
Die jungen Männer gingen noch einen Schritt weiter. Es gab bereits Würstchen im Glas und Würstchen in der Dose - doch in Folie gab es sie nicht. Sie begannen, auch diese zu nutzen.

Über die Bedenken des Vaters hinweg gesetzt
Doch Redlefsen Senior war strikt dagegen. Er befürchtete, die Würstchen würden verderben und der gute Namen des Unternehmens könnte leiden. Doch sein Sohn hatte zusammen mit Heinz Kumm bereits ein Verfahren ausgetüftelt, die Haltbarkeit der Würstchen sicherzustellen. Sie setzten sich über das Verbot hinweg. Das war die Wiege für das erste Markenprodukt in der Branche: "Das Würstchen mit dem Reißverschluss".
Für den jungen Redlefsen war diese Zeit kein Zuckerschlecken. Ungehorsam dem Vater gegenüber wurde schwerlich toleriert. Zu viele Ideen bedeuteten auch ein nicht abschätzbares Risiko und die Gefahr, zu scheitern - Eigenschaften und Ansichten, die nicht allerorts mit offenen Armen aufgenommen wurden. Hinzu kam ein enormer Erwartungsdruck, da Karsten Redlefsen als ältester Sohn bereits von Geburt an als Nachfolger feststand.

Zufrieden mit dem, was er erreicht hat
Aus heutiger Sicht ist Redlefsen zufrieden mit dem, was er erreicht hat - auch wenn der Weg mitunter steinig und beschwerlich war.
Für die Verbraucher heute, die fast täglich verpackte Wurst- und Fleischwaren ganz selbstverständlich kaufen, ist diese Lebenserinnerung ein Beispiel dafür, was daraus werden kann, wenn man an seinen Ideen festhält und Ziele hat - so abstrus sie auch anfangs scheinen mögen.


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