Biogasanlagen : Der Maiskrieg

Rohstoff geerntet: Immer mehr Landwirte nutzen den Maisanbau zur Energieerzeugung.  Foto: dpa
Rohstoff geerntet: Immer mehr Landwirte nutzen den Maisanbau zur Energieerzeugung. Foto: dpa

Es ist ein Thema, das für Ärger sorgt: Biogasanlagen. Sie sprießen aus dem Boden wie der Mais, der in ihnen vergoren wird. Kluge Investition oder fehlgeleitete Energiepolitik?

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30. Dezember 2011, 10:51 Uhr

Tielen/Kiel | Die Anlage des Anstoßes soll einmal nördlich von den Hofgebäuden auf der anderen Straßenseite stehen. Bauer Ingmar Heyn (33) hat alles sorgsam durchgerechnet. 250 Kilowattstunden soll der Biogas-Reaktor einmal produzieren und über satte Einspeisevergütungen einmal mit zur Zukunftssicherung von Betrieb und Familie beitragen.
Eigentlich hätte längst mit dem Bau begonnen werden sollen. Wenn da nur nicht Heyns Nachbarn wären - und eine über den Konflikt um die Biogasanlage inzwischen pulverisierte Gemeindevertretung. Friedliches Dorfleben in Tielen, das war einmal. Das 300-Seelen-Nest an der Flussniederung der Eider in der äußersten Ecke des Kreises Schleswig-Flensburg ist tief gespalten. Vom 2008 gewählten Gemeinderat, der die Pläne geschlossen ablehnte, sind nur noch zwei Vertreter übrig geblieben. Sieben haben im Streit um die Anlage das Handtuch geworfen. Nur zwei Nachrücker ließen sich finden.
"Ein Dorf wird kaputt gemacht"
Tielen ist ein Musterbeispiel für gut gemeinte Politik, die längst zur Plage auf dem platten Land geworden ist. Hier sei zu besichtigen, "wie ein Dorf kaputt gemacht wird", sagt Thomas Claussen von der örtlichen Bürgerinitiative gegen die Biogasanlage. Gut die Hälfte der Einwohner Tielens steht hinter der Bürgerinitiative. Der Rest der einstigen Dorfgemeinschaft schweige entweder oder stehe an der Seite Heyns.
Verantwortlich für diese Entwicklung macht Claussen "eine entgleiste Biogaspolitik." Der seit knapp zehn Jahren zu beobachtende Anlagenboom hat nicht nur das Gesicht der deutschen Landwirtschaft verändert. Nachwachsende Rohstoffe sollten für saubere Energie sorgen. Doch selbst einst glühende Befürworter des von der rot-grünen Bundesregierung eingeleiteten Kurses sind längst ins Lager der Kritiker gewechselt. Die Folgen der regierungsamtlichen Biogas-Propaganda sind offenkundig. Zwischen 2003 und 2011 hat sich die Maisanbaufläche in Schleswig-Holstein auf 194.000 Hektar verdoppelt. Allein in diesem Jahr kamen knapp 19.000 Hektar dazu. Etwa die Hälfte wird zu Energie vergoren, der Rest verfüttert.
Die Natur leidet unter dem Flächenumbruch
Um Flächen für Mais frei zu machen, wurde in großem Umfang Grünland umbrochen - mit negativen Folgen etwa für Wiesenvögel. Versuche des Landes, den Grünlandumbruch zunächst mit Förderprogrammen, später mit restriktiven Erlassen auszuhebeln, stießen beim Bauernverband auf massiven Widerstand. Und mit dem Fachverband Biogas beharrt der Bauernverband darauf, dass auf dem Weg zur Energiewende auf Maisanbau nicht verzichtet werden könne. Die Landwirte erfüllten lediglich politische Vorgaben im Kontext der proklamierten Energiewende.
"Mit mehr als einem Viertel, regional sogar bis 60 Prozent Maisanteil in einigen Regionen Schleswig-Holsteins ist das verträgliche Maß überschritten", urteilt der Grünen-Agrarexperte im Landtag, Bernd Voß. Um die Vermaisung der Landschaft zu stoppen verständigten sich Agrarverbände und Landesregierung in diesem Jahr auf einen Katalog freiwilliger Empfehlungen. Doch die werden, "so sinnvoll sie auch sind, überhaupt nichts bringen", ist sich Voß sicher. Nötig seien verbindliche Grenzen für Monokulturen. Die aber sind nicht zu erwarten.
Gute Idee - schlechte Umsetzung
Biogasanlagen funktionieren ähnlich wie die Verdauung einer Kuh. Wenn organische Stoffe mit Hilfe spezieller Bakterien vergären, wird methanhaltiges Gas frei. Damit können Strom und Wärme erzeugt werden. 420 Anlagen mit zusammen 182,2 Megawatt elektrischer Leistung gibt es landesweit bisher. Nicht nur Mais können die Meiler vergären, auch Gülle, Stallmist oder Nahrungsmittelreste sind als "Futter" möglich.
Allein: Die allermeisten Anlagen laufen mit Mais - nicht nur, weil die Energieausbeute hier höher ist als bei anderen Stoffen; Kritiker prangern vor allem falsche Förderanreize für Strom aus Biomasse an. So belohnt das Erneuerbare Energie-Gesetz Strom aus Biogas mit umgerechnet 3000 Euro je Hektar. Das ist nach Berechnungen der Umweltorganisation WWF fast das Zehnfache dessen, was Bauern sonst pro Hektar durchschnittlich an EU-Förderungen erhalten.
Die Folge: Investoren pachten oder kaufen in großem Stil Ackerflächen und bauen Energie-Mais an. Für sie ist es ein äußerst lukratives Geschäft, das die Pachtpreise in die Höhe treibt und ganze Landstriche in Mais-Monokulturen verwandelt hat. Allein die Debatte um den Bau der Anlage in Tielen habe die Pachten in der Region verdoppelt, klagt Landwirt Jan Stolley.
Kaum finanzielle Risiken
Der Betrieb einer Biogasanlage ist ein Investment ohne große finanzielle Risiken. Der Agrarstrom bringt dem Betreiber derzeit eine Grundvergütung von 9,18 Cent je Kilowattstunde. Dazu kommen ein Bonus etwa für die Verwertung nachwachsender Rohstoffe von sieben Cent je Kilowattstunde sowie diverse weitere Boni - etwa wenn die Anlage auch verwertbare Wärme produziert. Ein Bioreaktor mit einer Leistung von 200 Kilowattstunden "erbrütet" damit bei 8000 Betriebsstunden im Jahr einen Umsatz von bis zu 320 000 Euro. Dagegen stehen Rohstoffkosten von rund 120.000 und Investitionen von gut einer Million Euro.
Wie viele Bio-Reaktoren noch im Bau oder beantragt sind, weiß auch das Kieler Landwirtschaftsministerium nicht. Zuständig dafür sind die Baubehörden der Kreise. Die aber können Anträge oft nur abnicken. Nach dem Baugesetz sind Biogasanlagen "privilegierte" Vorhaben. Da hilft es auch nichts, wenn sich - wie im Fall Tielen - eine Gemeindevertretung und das halbe Dorf gegen den Bau aussprechen, nicht zuletzt weil sie um die Ruhe im Dorf und einen Wertverlust ihrer Immobilien fürchten.
Ein weiterer Zuwachs an Maisflächen zwischen Nord- und Ostsee dürfte gleichwohl erst einmal ausgebremst werden, hofft zumindest ein Sprecher des Landwirtschaftsministeriums. Mit diesem Jahr tritt ein neues EEG mit deutlich geringeren Einspeisevergütungen für regenerativen Strom in Kraft. Das allerdings gilt nur für neue Anlagen.

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