Gewalt gegen Polizisten : Der Freund und Helfer als Zielscheibe

Aggression nimmt zu: Ein gewalttätiger Demonstrant schlägt im März in Lübeck einen Polizeibeamten nieder. Foto: dpa
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Aggression nimmt zu: Ein gewalttätiger Demonstrant schlägt im März in Lübeck einen Polizeibeamten nieder. Foto: dpa

Flaschenwürfe und brutale Schläge: Die Zahl der Angriffe auf Polizisten hat sich in den vergangenen Jahren fast verdoppelt. Vor allem Hooligans und Extremisten schlagen schnell zu.

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04. Januar 2012, 09:42 Uhr

kiel | Eigentlich kommen sie, um Streit zu schlichten - doch wenn sie Pech haben, wird ihnen selbst mit Glasflaschen das Gesicht zerkratzt, die Schulter ausgerenkt, oder sie kassieren Faustschläge ins Auge: Die Silvesternacht mit einer Serie von mindestens zehn schweren Fällen landesweit hat einmal mehr deutlich gemacht, dass die Gewalt gegen Einsatzkräfte in erschreckendem Ausmaß steigt. "Über Jahre schon erleben wir auch im vermeintlich idyllischen Schleswig-Holstein eine Zunahme der Übergriffe gegen Beamte", klagt der Landesvorsitzende der Gewerkschaft der Polizei, Oliver Malchow.
Hatte das Landespolizeiamt 2006 noch 484 Fälle von Gewalt gegen Einsatzkräfte registriert, so waren es 2010 bereits 805, rund 70 Prozent unter Alkoholeinfluss. Die Statistik für das gerade zu Ende gegangene Jahr liegt noch nicht vor - nach Malchows Beobachtung deutet jedoch alles darauf hin, dass sich der Trend fortsetzt. Mit Sorge registriert er, dass sich die Beispiele immer weniger auf klassische Gefahren-Situationen bei Demos oder im Umgang mit Hooligans oder extremen Randgruppen beschränken. "Zunehmend wird der normale Streifenpolizist Opfer von Gewalt", warnt der GdP-Chef. Neben Körperverletzungen nehme auch die Zahl der Beleidigungen und der Fälle zu, in denen Ordnungshüter angespuckt werden.
Mehr Polizisten pro Einsatz
Dass sich die Beamten einem größeren Risiko ausgesetzt sehen, hat bereits Folgen für die Personalplanung: "Wohin man früher mit zwei Leuten ausgerückt ist, setzt man heute einige Kollegen mehr ins Auto", schildert Malchow. Negativ-Effekt dabei: "Bei der ohnehin engen personellen Lage führt das zu noch mehr Überstunden, die sich kaum noch abbauen lassen." Malchow sieht die Entwicklung nicht allein als Problem für die betroffenen Einsatzkräfte. "Die Polizisten werden als Repräsentant des Staates angegriffen", sagt er. "Deshalb spiegelt steigende Gewalt gegen die Beamten eine wachsende Unzufriedenheit mit dem Staat wider."
Mit neun weiteren Bundesländern hat die Landesregierung das Thema vom Kriminologischen Forschungsinstitut Hannover unter die Lupe nehmen lassen. Offenbar gärt es im Norden mehr als anderswo: Aus keinem anderen Land war die Rücklaufquote der Fragebögen an Polizisten so hoch wie hier mit 37 Prozent. Die im Herbst fertiggestellte Studie hat zu Tage gefördert: Von Schleswig-Holsteins Polizisten ist bereits jeder Zehnte durch Übergriffe dienstunfähig geworden, am häufigsten im Zusammenhang mit Festnahmen oder Überprüfungen Verdächtiger. Ganz vorn liegen besonders stark mit Emotionen belastete Familienstreitigkeiten. Die Gefahr, im Dienst Zielscheibe von Gewalt zu werden, ist am Wochenende am größten. "Nachdenklich" stimmt Landespolizeidirektor Burkhard Hamm, dass bei den schleswig-holsteinischen Beamten häufiger als im Bundes-Durchschnitt ein Verdacht auf posttraumatische Belastungsstörungen vorliegt. Er verspricht deshalb in einem Rundbrief zur Studie, die Nachbereitung von Einsätzen und die psychologische Betreuung zu verstärken.
Intensiveres Training gefordert
Nicht immer sei professionelle Hilfe zwingend, meint Studien-Mitautorin Bettina Zietlow. "Wichtig ist, dass im Kollegenkreis eine Kultur der Anteilnahme geschaffen wird. Wenn die Betroffenen nicht allein gelassen werden, hilft das schon, eine längerfristige Belastung durch das Erlebte zu vermeiden." Defizite offenbarte die Untersuchung der Hannoveraner auch bei der Prävention: "Es geht da rum, Leitfäden zum Verhalten bei Gefahr nicht nur zu lesen, sondern diese Situationen intensiver in Trainingsmaßnahmen durchzuspielen", sagt Zietlow.
Innenminister Klaus Schlie (CDU) begrüßt angesichts der jüngsten Entwicklung, dass die Höchststrafe beim Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte erst im November auf drei Jahre heraufgesetzt worden ist und jetzt auch bei Übergriffen auf Feuerwehrleute und Rettungskräfte angewendet werden kann. "Ein besserer strafrechtlicher Schutz für diesen Personenkreis ist eine gesellschaftliche Wertentscheidung", betont Schlie. "Ein Polizeibeamter, der das Gewaltmonopol des Staates durchsetzt, hat Anspruch darauf, dass der Staat seine Autorität nach außen deutlich sichtbar unterstützt und stärkt."

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