Streiks bei der NOB : "Das Verhältnis ist angespannt"

'Dieser Betrieb wird bestreikt' und 'Nicht einsteigen' - Diese Kombination sahen Fahrgäste an Zügen der NOB 107 Tage lang. Foto: dpa
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"Dieser Betrieb wird bestreikt" und "Nicht einsteigen" - Diese Kombination sahen Fahrgäste an Zügen der NOB 107 Tage lang. Foto: dpa

Länger als die NOB ist in Deutschland noch kein Bahnunternehmen bestreikt worden: Über 100 Tage ging - fast - nichts. Bis zum 31. Januar haben die Parteien jetzt Friedenspflicht.

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30. Dezember 2011, 09:15 Uhr

Husum/Kiel | Es waren 107 Tage, die zahlreichen Pendlern die Nerven raubten. Es waren zuletzt noch 15 Menschen, die dafür gesorgt haben. Als am 22. Februar die Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer (GDL) zu ihrem ersten Streik aufrief, ahnten weder Beteiligte noch Fahrgäste, dass die Nord-Ostsee-Bahn (NOB) deutschlandweit einen Rekord aufstellen würde: Kein Bahnunternehmen wurde so lange bestreikt. Wochenlang fuhren die Züge nach "Basisfahrplänen". Anfang November willigte die Geschäftsführung der NOB dann in eine Schlichtung mit der GDL ein. Das Verfahren läuft bis Ende Januar.
In dieser Zeit will sich NOB-Geschäftsführerin Martina Sandow nicht zu den Streiks äußern - um kein neues Öl ins Feuer zu gießen. Denn nicht selten wurde der Arbeitskampf auch über die Medien geführt. Die Gewerkschaft brachte - aus NOB-Sicht - betriebsinterne Aktionen an die Öffentlichkeit. Die Bahngesellschaft reagierte mit barschen Worten gegen die Gewerkschaft.
Wochenlang ging gar nichts
Umso mehr begrüßt NOB-Lokführer Frank Martens (34) die aktuelle Situation. "Der Druck von außen wurde wohl zu groß", schätzt der Husumer. Letztlich hatte sich auch Verkehrsminister Jost de Jager eingeschaltet - als wochenlang nichts mehr ging. Vor allem Sylt bekam die Ausstände zu spüren. Nur alle zwei Stunden fuhr ein Zug - meistens mit hunderten Pendlern überfüllt.
Martens ist seit seiner Ausbildung 2006 bei der NOB und eines der GDL-Mitglieder, die bis zum 107. Tag jedem Streikaufruf der Gewerkschaft folgten. Anfangs taten das noch 50 Lokführer. Nach und nach bröckelte zwar die Bereitschaft, aber es fielen immer noch viele Züge aus. Ein Grund waren 100 Euro Bonus pro Tag von der Nord-Ostsee-Bahn für jeden Mitarbeiter, der den Arbeitskämpfern den Rücken kehrte. "Es ist schade, dass einige so kurzfristig das Dollarzeichen in den Augen hatten und nicht verstanden haben, worum es eigentlich geht", sagt Martens.
Der Haussegen hängt noch immer etwas schief
Auch das Betriebsklima habe in diesem Jahr extrem gelitten. Diejenigen, die sich vehement für ihre Ziele eingesetzt haben, waren nicht nur der Wut der Fahrgäste ausgesetzt, sondern wurden auch von Kollegen angegangen. Es soll sogar Durchsagen in Zügen gegeben haben, in denen die streikenden GDL-Mitglieder bei den Fahrgästen schlecht gemacht wurden, erzählt Martens. Bis der Frieden im Unternehmen wieder hergestellt ist, wird es noch lange dauern. Martens Konsequenz: "Ich wäge genau ab, wem ich was erzähle. Und manche Kollegen werden eben gemieden." Er vertrat und vertritt konsequent seine Einstellung. Denn: "Letztlich wollen wir alle das gleiche: Unseren Job behalten." Und den aufgebauten Lebensstandard. Martens will nicht bei einem neuen Unternehmen wieder auf der niedrigsten Gehaltsstufe anfangen, wenn alle zehn Jahre die Bahnstrecken neu ausgeschrieben werden. Sein Haus, in dem er mit seiner Frau und zwei Kindern wohnt, könnte er nicht mehr halten. "Und immer wieder umziehen möchte man ja auch nicht", sagt er frei heraus.
Weshalb die NOB so lange stur blieb, darüber können die GDL-Mitglieder nur spekulieren. Die Deutsche Bahn hat den Konflikt am 15. April beendet und einen neuen Tarifvertrag mit der Gewerkschaft geschlossen. Vertreter der sechs großen Privatbahnunternehmen in Deutschland haben ihre gemeinsamen Gespräche mit der GDL wenig später beendet.
Friedenspflicht bis zum 31. Januar 2012
Der Job als Lokführer ist anspruchsvoll. Lange im Voraus planen kann Martens nicht, denn jede Woche gibt es einen neuen Schichtplan. Und jeden Tag hat er andere Fahrzeiten. "Heute um zwei Uhr aufstehen, morgen um vier oder Uhr. Das sind Extrem-Schichten." Nicht selten bekommt er seine Familie dabei mehrere Tage in Folge nicht zu Gesicht - obwohl alle unter einem Dach leben. Und doch macht er es mit - weil er seinen Job liebt.
Bis zum 31. Januar 2012 haben NOB und GDL eine Friedenspflicht vereinbart - und Stillschweigen. Über die Schlichtungsgespräche gelangt nichts nach außen. Was ist, wenn die NOB oder die GDL am Ende den Schlichterspruch nicht akzeptiert? "Das möchte ich mir gar nicht ausmalen. Darüber denke ich lieber nicht nach", sagt Lokführer Martens.



Am 14. April besuchte GDL-Chef Claus Weselsky die Nord-Ostsee-Bahn in Husum. Das Video dazu:
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