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Konfliktmineralien : Das Krisenland Kongo und der Fluch des Reichtums

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Smartphones und Laptops können ohne Bodenschätze aus dem Kongo nicht hergestellt werden. Das befeuert Gewaltorgien.

shz.de von
erstellt am 21.Apr.2017 | 16:33 Uhr

Als Serge 15 Jahre alt war, hat er seinen Onkel und neun weitere Menschen hingerichtet. Der Junge ist ein früherer Kindersoldat aus dem Ost-Kongo. Wenn er die Geiseln seiner Miliz nicht mit der Kalaschnikow niedergemäht hätte, hätte sein Peiniger ihn zu Tode gefoltert. Mit dieser Drohung nötigte der erwachsene Kämpfer das Kind zum Morden.

In Elektronik-Geräten kommen Mineralien und seltene Erden zum Einsatz, viele davon werden im Kongo gefördert. Dieser Reichtum lockt Milizen an, die die Bevölkerung terrorisieren und das Land ausbeuten. Wenige Hersteller und Verbraucher denken nachhaltig.

Wie Tausenden anderen Kongolesen wurden Serge die Bodenschätze der Region zum Verhängnis: Gold, Diamanten, Kobalt, Coltan und andere Erze ziehen Milizen an. Die Banden beuten die Menschen aus. Mit ihren Einnahmen kaufen sie Waffen, um weitere Gebiete zu erobern. Jeden Tag vergewaltigen Bewaffnete im Ost-Kongo Dutzende Frauen. Dorfbewohner werden versklavt oder getötet, Kinder werden von Milizen zu Mittätern gemacht. Doch trotz dieser Menschenrechtsverletzungen wandern weiter viele Mineralien aus dem Land in Zentralafrika in Laptops und Smartphones. Und damit auch zu uns nach Deutschland. Benutzt werden sie etwa für den Vibrationsalarm und in Akkus.

Ein in Masse produziertes Handy, das ohne diese Bodenschätze aus vielen Ländern auskommt, gibt es nicht. In einem Smartphone stecken jeweils wenige Gramm von Dutzenden Mineralien. Die Telefone sollen handlich klein sein und trotzdem möglichst viel leisten. Dafür brauchen die Hersteller Stoffe wie Kobalt und das weniger bekannte Coltan. Die Mineralien sind das Doping der Mobiltelefone.

Etwa die Hälfte der weltweiten Produktion der beiden Stoffe kommt aus Zentralafrika. Kobalt wird meist nach Asien exportiert, Coltan geht auch nach Deutschland, weil hier ein führender Verarbeitungsbetrieb sitzt. Aus dem Erz lässt sich das grau-glänzende, seltene Metall Tantal gewinnen.

Coltan: Der Weg von der Mine in der Republik Kongo ins Smartphone
Foto: dpa
 

Der Ex-Kindersoldat Serge war zwölf Jahre alt, als er in der Provinz Nord-Kivu von Kämpfern einer örtlichen Miliz, der Mai Mai Cheka, entführt wurde. „Das erste Mal habe ich zwei Tage nach meiner Ankunft im Lager getötet“, erinnert sich Serge. Das hat Methode: Die Banden zwingen Kinder zum Töten, damit sie sich nicht nach Hause trauen.

Kongolesen graben mit bloßen Händen nach Coltan

Die Cheka-Miliz hat es auf die Minen abgesehen. „Sie nutzen die Mineralien, um neue Waffen zu kaufen“, erzählt der heute 17-Jährige. Serge heißt in Wahrheit anders. Er spricht ruhig, aber teilnahmslos.

<p>Serge, ein ehemaliger Kindersoldat für die Miliz Mai Mai Cheka. </p>

Serge, ein ehemaliger Kindersoldat für die Miliz Mai Mai Cheka.

Foto: dpa

Die Miliz habe in den Dörfern Arbeiter zwangsrekrutiert, darunter auch Kinder. Sie mussten Gold, Diamanten und Coltan fördern. „Wenn die Leute nicht gut gearbeitet haben, dann haben wir sie erschossen.“ 2016 gelang Serge während eines Gefechts die Flucht. Jetzt lebt der Teenager in der Stadt Minova in der Provinz Süd-Kivu in einem Traumazentrum der Caritas. Es wird vom katholischen Hilfswerk Missio unterstützt.

Minova liegt auf einer Anhöhe am malerisch schönen Kivusee, der etwa fünf Mal so groß ist wie der Bodensee. Die Hügel leuchten saftgrün, die Erde ist fruchtbar im Ost-Kongo. Doch die Idylle trügt. Gerade die Provinzen Nord- und Süd-Kivu sind das Zentrum der Gewalt im Kongo. Und das trotz einer der größten UN-Friedensmissionen mit etwa 20.000 Blauhelmsoldaten. Der Staat ist schwach und korrupt, die Justiz eine Farce. Die Menschen sind den Konflikten ausgeliefert.

Befeuert wird die Gewalt von der Gier nach den Bodenschätzen. Man muss vielerorts nur in Flussbetten suchen oder etwas graben. Eine Mine besteht im Ost-Kongo oft nur aus einem Loch im Boden oder im Fels. Die Menschen buddeln dann einfach mit der Hand.

Polizei patrouilliert im Dorf mit Panzerfaust

Die weniger Armen nehmen Schaufel oder Hammer zur Hilfe, Maschinen sucht man hier vergeblich. Mushamuka Mweze ist ein solcher „Creuseur“, abgeleitet vom französischen Wort „ausgraben“. „Ich komme seit 16 Jahren in die Mine“, sagt der 25-Jährige. Mit Hammer und Meißel bearbeitet Mweze die Felsen in der Zola-Zola-Mine rund drei Stunden westlich der Stadt Bukavu.

<p>Minenarbeiter Mushamua Mweze.</p>

Minenarbeiter Mushamua Mweze.

Foto: dpa

Zola-Zola ist für kongolesische Verhältnisse ein guter Arbeitsplatz, denn in der Mine ist der Abbau des Zinnerzes Kassiterit und von Coltan legal. Die Sicherheitskräfte versuchen, die Anlagen vor den Milizen zu schützen, im Dorf wird sogar mit Panzerfaust patrouilliert.

<p>Ein Dorfpolizist patrouilliert im Minen-Ort Nzibira in der ostkongolesischen Provinz Süd-Kivu mit einer Panzerfaust. </p>

Ein Dorfpolizist patrouilliert im Minen-Ort Nzibira in der ostkongolesischen Provinz Süd-Kivu mit einer Panzerfaust.

Foto: dpa
 

Im Kongo verdienen nach einer Schätzung des geologischen Dienstes der USA - kurz USGS - bis zu zwei Millionen Menschen ihr Geld mit dem Abbau von Mineralien. Wegen der Konflikte gibt es im Ost-Kongo kaum industrielle Minen. Experten des belgischen Instituts Ipsi haben in der Region mehr als 2000 kleine Minen wie jene in Zola-Zola gezählt.

Etwa jede zweite wird demnach von einer Miliz oder von Soldaten kontrolliert. Die meisten Abbaustätten sind illegal, was bewaffneten Gruppen die Ausbeutung erleichtert. Arbeiter müssen dort bei vorgehaltener Kalaschnikow für gefundene Mineralien „Steuern“ zahlen.

Auch sexuelle Gewalt wird im Ost-Kongo von Milizen als Kriegswaffe eingesetzt. Eine UN-Studie ging für das Jahr 2012 für Nord- und Süd-Kivu von 12.000 Vergewaltigungen aus. So erging es auch Espérance Furaha. Sie war 14 Jahre alt, als Rebellen ihr Dorf angriffen. „Es war schrecklich. Neun Männer haben mich vergewaltigt.“

Trump könnte bewaffnete Gruppen wieder stärken

Seit Jahren gibt es Bemühungen, die Verbreitung sogenannter Konfliktmineralien zu stoppen, um Menschenrechtsverletzungen einen Riegel vorzuschieben. Auch in Europa. Der Kongo steht besonders im Fokus. Am weitesten geht eine US-Regelung im sogenannten Dodd-Frank-Gesetzespaket für Finanzreformen. Sie zwingt in den USA börsennotierte Firmen seit einigen Jahren offenzulegen, woher sie Gold, Tantal, Zinn und Wolfram beziehen. Sie haben die Pflicht nachzuweisen, dass sie den Konflikt im Ost-Kongo nicht anheizen.

Seither müssen Mineralien wie Coltan in Säcke verpackt werden, die verplombt und beschriftet werden. Das soll die Herkunft aus legalen, „konfliktfrei“ genannten Minen beweisen. Doch das System hat Lücken.

Hunderte ungenehmigte Minen sind davon gar nicht erfasst. Das zwingt die „Creuseurs“ entweder zum Verkauf auf dem Schwarzmarkt oder sie schmuggeln ihre Ware in eine legale Mine, um sie dort ordnungsgemäß verpacken zu lassen. Zudem gibt es die Verplombungen zu kaufen.

Trotzdem sind sich die meisten Fachleute einig, dass sich dank der Dodd-Frank-Regelung vieles im Ost-Kongo verbessert hat. Doch nun droht eine Rolle rückwärts: US-Präsident Donald Trump will das bei der Industrie unbeliebte Gesetz aussetzen.

Kirchenvertreter und Menschenrechtler protestieren. „Dodd-Frank hilft, zu verhindern, dass sich brutale Kriegsherren im Kongo an den Mineralien bereichern“, betont Arvind Ganesan von Human Rights Watch. Auch wenn sich der Weg zum Weltmarkt für belastete Ware bisher nicht voll abdichten lässt. Experten gehen davon aus, dass große Mengen des Coltan-Erzes aus Nord- und Süd-Kivu nach Ruanda geschmuggelt werden und dort als konfliktfrei auftauchen.

Deutsche Firma dabei in Coltan-Verarbeitung

Der Weg des Rohstoffes führt häufig auch nach Deutschland. Der Chemie- und Metallspezialist H.C. Starck kauft Coltan im Kongo und bringt es zum Beispiel über den tansanischen Hafen Daressalam in seine Schmelzen, entweder nach Thailand oder zum Firmensitz im niedersächsischen Goslar. Dort wird Coltan in seine Hauptbestandteile gespalten: Tantal und Niob. Nach der Verarbeitung verkauft Starck das Tantal etwa an Kondensator-Hersteller in Asien. Diese beliefern dann Endgeräte-Produzenten wie Samsung, Apple oder Lenovo.

Starcks Schmelzen sind seit Jahren als konfliktfrei zertifiziert. Die Firma setzt sich auch für nachhaltige Rohstoffbeschaffung ein. Davon weiche man „keinen Millimeter ab“, heißt es. Experten sehen Starck als eines der führenden Unternehmen im Tantal-Geschäft.

Bei Apple sind nach eigenen Angaben seit Ende 2015 alle Schmelzen und sonstigen Mineralienzulieferer für die Geräte als konfliktfrei zertifiziert. Doch der iPhone-Hersteller ist realistisch: Trotzdem sei es voreilig, die gesamte Lieferkette konfliktfrei zu nennen. „Apple ist der Überzeugung, dass wir noch mehr Arbeit vor uns haben“, heißt es auf der Firmenwebseite. Langfristig peilt der US-Konzern an, auf die Förderung neuer Rohstoffe zu verzichten. Es solle etwa Material aus alten Handys wiederverwendet werden.

Apple will langfristig auf Recycling setzen

Apple hat sich das Langzeitziel gesetzt, in seiner Produktionskette komplett auf die Förderung neuer Rohstoffe zu verzichten. Der iPhone-Konzern nannte in seinem aktuellen Umweltbericht am Donnerstag allerdings keinen konkreten Zeitrahmen dafür, sondern erklärte nur, die Abhängigkeit von der Rohstoffförderung solle „eines Tages“ ganz enden. Man strebe eine geschlossene Lieferkette an, in der Produkte nur mit erneuerbaren Ressourcen oder Materialien aus dem Recycling produziert würden.

Apple setzt seit mehreren Jahren auch auf erneuerbare Energie.

Apple ist das erste Technologieunternehmen, das ein solches Ziel öffentlich ausruft. Vor allem die rasant gewachsene Smartphone-Industrie - allein im vergangenen Jahr wurden rund 1,5 Milliarden Computer-Handys verkauft - wurde von Umweltschützern dafür kritisiert, dass sie Nutzer schon nach wenigen Jahren zum Kauf neuer Geräte verleitet.

Apple und andere große Hersteller verpflichteten sich, nur verantwortungsvoll produzierte Rohstoffe einzusetzen. Kritiker erklären aber, der Weg der Materialien sei zum Teil schwer zu verfolgen.

Die kleine Initiative Fairphone versucht ebenfalls zu beweisen, dass ein Smartphone mit guten Arbeitsbedingungen von der Mine bis zum Hersteller möglich ist. Die Niederländer schlüsseln die Zulieferer auf, bis hin zu einzelnen Minen. Seit 2013 hat Fairphone nach eigenen Angaben 100.000 Handys verkauft - ein Bruchteil von dem, was Anbieter wie Apple und Samsung absetzen.

Bei Kaffee oder Tee sind Verbraucher in Europa oft bereit, für fair gehandelte Produkte etwas mehr zu zahlen. Wenn es nach dem Willen von Vertretern der katholischen Kirche ginge, sollte das auch für Handys gelten. „Es ist schrecklich, dass diese Erze mitunter mit dem Blut der Mitmenschen erkauft sind“, sagt der Erzbischof von Bukavu, Francois-Xavier Maroy. Ein Umdenken sei nötig, fordert er in einem Aufruf der Hilfsorganisation Missio. Denn für Coltan werde bisweilen „eine ganze Dorfgemeinschaft niedergemetzelt“.

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