Brisantes Fax im THW-Prozess

Oberstaatsanwalt sorgt für Überraschung / Schwenker belastet / Vorsitzender Richter rüffelt EHF

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17. Dezember 2011, 03:59 Uhr

Kiel | In den ersten Stunden hatte sich der Angeklagte Uwe Schwenker im Saal 232 des Landgerichts Kiel gewohnt selbstsicher präsentiert. Einmal hatte der Ex-Manager des THW Kiel, der als Angeklagter im Kieler Handballprozess schweigt, gar den Vorsitzenden Richter Matthias Wardeck mit einem Lächeln korrigiert. Die Pose machte deutlich: Der 52-Jährige erwartet einen Freispruch. Doch das Dokument, was Oberstaatsanwalt Axel Goos am Ende des 14. Verhandlungstages überraschend präsentierte, machte Schwenker sichtbar fassungslos: Sein Gesicht lief rot an.

Das Fax-Schreiben vom 28. Februar 2003, das Goos in den Strafprozess einführte, hat es in sich. Darin übermittelte der THW Kiel dem Kroaten Nenad Volarevic ("Dear Nenad") die Kontaktdaten der beiden Schiedsrichterpaare, die für das Champions League-Viertelfinale zwischen dem THW und Prule 67 Ljubljana 2003 angesetzt waren. "As promised, we send you the informations about the referees", heißt es darin. Unterzeichner: Schwenker.

Das Schreiben belastet Schwenker schwer. Denn die Staatsanwaltschaft sieht in Volarevic den Mittelsmann, der im Auftrag Schwenkers und des Ex-THW-Coach Noka Serdarusic die polnischen Schiedsrichter des Champions League-Finales von 2007 bestochen haben soll. 92 000 Euro aus dem THW-Vereinsvermögen waren 2007 auf das Konto des Kroaten geflossen. Beide Angeklagten und auch die Schiedsrichter bestreiten die Vorwürfe. Schwenker hatte stets erklärt, Volarevic habe dem THW ausschließlich als Scout auf dem Balkan gedient.

Das Schreiben setzt auch die jetzige THW-Geschäftsführerin Sabine Holdorf-Schust unter Druck. Denn ausweislich des Namenskürzels "HSCH" hatte Holdorf-Schust das Schreiben im Auftrag Schwenkers verfasst. Auf die bohrende Frage des Staatsanwalts, was Volarevic mit Schiedsrichtern zu tun habe, sagte sie: "Da kann ich Ihnen keine Antwort darauf geben." Sie habe damals mit Sportlichem nichts zu tun gehabt: "Uwe hat immer gesagt: Frauen haben keine Ahnung von Handball." Sie stritt nicht ab, das Schreiben verfasst zu haben: "Ich habe das geschrieben. Ich weiß aber nicht, warum." An anderer Stelle hatte sie erklärt, viele Vorgänge seien zu lange her, um sich präzise zu erinnern.

Andere Details dieses Viertelfinal-Duells waren der Zeugin indes noch präsent. So berichtete sie, dass das Rückspiel gegen Ljubljana (26:28) "ein richtiger Frusttag" gewesen sei, weil sich der damalige THW-Profi Demetrio Lozano dabei schwer verletzt habe. Hinzu kam das Ausscheiden aus dem Wettbewerb gegen einen "eigentlich nicht schwierigen Gegner" (Holdorf-Schust); das Hinspiel war 33:33 ausgegangen. Sollte das Fax-Dokument also ein Bestechungsversuch gewesen sein, wie es den Anschein erweckt, wäre dieser Versuch grandios gescheitert. Das Hinspiel hatten die Slowaken Rancik/Beno gepfiffen, das Rückspiel die ungarischen Brüder Kekes/Kekes.

Bei der Vernehmung der Justiziarin der Europäische Handball-Föderation (EHF), Monika Flixeder, hatte der Vorsitzende Richter Matthias Wardeck zuvor den Dachverband für seine fehlende Aufklärungsbereitschaft getadelt. Die EHF habe die Anfragen des Gerichts nur schleppend beantwortet. "Da fragt man sich, warum so spät? Da stutzt man ein bisschen", sagte der Vorsitzende Richter. Es mache große Mühe, derlei Informationen zu beschaffen, verteidigte sich Flixeder. Weiterführende Unterlagen zum Finale von 2000 zwischen dem THW Kiel und dem FC Barcelona, welche das Gericht angefordert hatte, konnte Flixeder nicht beibringen. Diese Unterlagen seien vernichtet worden, erklärte sie.

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