Auf dem Stadtfeld:Deutschlands älteste psychiatrische Klinik setzte Maßstäbe für die "gewissenhafte Behandlung" der Kranken

Suadicani
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19. Dezember 2011, 03:59 Uhr

schleswig | Die Geschichte der Psychiatrie in Schleswig wird durch zwei Perioden geprägt, eine Glanz- und eine Elends-Zeit - bevor nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs die Behandlung psychisch Kranker zeitgemäß auf neue Füße gestellt wurde. Die Glanzzeit spielt zu Beginn des 19. Jahrhunderts. Und die Elends-Zeit? Das waren die Jahre der braunen Diktatur.

Doch beginnen wir von vorn. 1820 wurde die heutige Fachklinik für Psychiatrie als "Irrenanstalt bei Schleswig" auf dem Stadtfeld gegründet. Kaum bekannt, ist sie damit das erste und älteste Psychiatrische Krankenhaus im deutschsprachigen Raum.

Aufs engste mit diesem außergewöhnlichen Rang verbunden ist der Name des damaligen Schleswiger Stadtphysikus Carl Ferdinand Suadicani (1758 - 1824), an den die nach ihm benannte Straße auf dem Hesterberg erinnert. Suadicani, lange Jahre auch Leibarzt des dänischen Königs Friedrich VI., war der eigentliche Gründer der Anstalt, nachdem er zuvor bereits die Anregung zum Bau des Taubstummeninstituts, das 1809 von Kiel an die Schlei verlegt wurde, gegeben hatte.

Vor allem aber hatte er ein Konzept zur "gewissenhaften Behandlung" der "Gemüthskranken" entwickelt, das noch heute geradezu modern anmutet. Danach sollten für jeden Patienten individuelle Behandlungspläne erarbeitet werden; der Arzt, so Suadicani, habe sich "ohne Ansehen der Person mit Geduld, Liebe und Klugheit" dem Patienten zu widmen. Auch der von dem berühmten dänischen Architekten Christian Friedrich Hansen aus Kopenhagen (Bauten an der Palmaille in Hamburg, Stadtkirche in Husum) entworfene klassizistische Gebäudekomplex, der nach wie vor auf dem Stadtfeld-Gelände besteht, repräsentierte diese Philosophie eines aufgeklärten Umgangs mit den psychisch Kranken.

Eine zentrale Rolle in Suadicanis Konzept besaß der Arzt - deswegen war die Besetzung dieser Position sehr wichtig. Erst nach mehreren Anläufen gelang es Suadicani, mit dem gebürtigen Flensburger Peter Willer Jessen (1793 - 1875) eine geeignete Persönlichkeit zu finden. Der frisch Examinierte entsprach ganz der Philosophie Suadicanis, etwa in dem Verzicht auf die sonst noch üblichen brutalen Zwangsmittel. Jessen wurde darüber zu einem großen Seelenkundler. In seiner "Physiologie des menschlichen Denkens" (1871) verband er, avantgardistisch, psychologische mit naturwissenschaftlichen Erkenntnissen. Noch Sigmund Freud ruft sich mehrfach auf den Schleswiger Arzt und Psychiatrie-Reformer.

Mit dem Nationalsozialismus und spätestens ab 1933 änderte sich die Rolle der Psychiatrie schlagartig. Im biologisch-rassistischen Weltbild galten Behinderte und Kranke als Bedrohung einer vermeintlich "gesunden" Gesellschaft. 1942 wurden die Kinder und Jugendlichen von der 1852 auf dem Hesterberg gegründeten eigenständigen psychiatrischen Klinik zum Stadtfeld umgesiedelt. Am 14. September 1944 wurden 697 geistig behinderte und psychisch kranke Patienten, davon 53 Jugendliche, von dort in das Lager Meseritz-Obrawalde (im heutigen Polen) verschleppt. Fast alle wurden ermordet.

Nach dem Kriegsende hätte man eine Abrechnung erwarten können. Zwarstanden die beteiligten Schleswiger Ärzte eine Zeit lang im Fokus staatsanwaltlicher Ermittlungen. Doch es kam zu keiner Verurteilung. Mit einer Ausnahme nahmen sie ihre Position wieder ein. Dr. Carl Grabow zum Beispiel amtierte als ärztlicher Direktor von 1936 bis 1951. Das alles: ein Skandal, auch heute noch. In der nationalsozialistischen Katastrophe wurden Menschen zu "Lebensunwerten". Unter Suadicani und Jessen waren aus "Wahnsinnigen" Menschen geworden.

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