Gesundheit : Arbeitsdruck macht Seele krank

Klinik für Psychiatrie in Schleswig: Hier wird die Mutter, die ihre fünf Söhne tötete, behandelt. Foto: Filz
Klinik für Psychiatrie in Schleswig: Hier wird die Mutter, die ihre fünf Söhne tötete, behandelt. Foto: Filz

Das Entsetzen über die psychisch kranke Mutter in Darry (Kreis Plön) ist groß. Doch unabhängig von der Familientragödie steigt die Zahl psychisch Kranker. Dabei gibt es in keinem anderen Bundesland mehr Betten für psychiatrische Patienten als im Norden.

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09. Dezember 2007, 06:42 Uhr

Eine aktuelle Auswertung der Landesvertretung der Techniker Krankenkasse (TK) brachte in dieser Woche einen alarmierenden Trend zu Tage. Die Zahl der eingewiesenen Patienten stieg bei der TK allein unter ihren Versicherten in Schleswig-Holstein zwischen 2003 und 2006 um 34 Prozent. Im selben Zeitraum kletterten die Ausgaben der Krankenkasse für psychiatrische Krankenhausbehandlungen um 25 Prozent auf 13,9 Millionen Euro.
Auch die anderen Krankenkassen in Schleswig-Holstein verzeichnen einen Anstieg. Oliver Grieve, Sprecher des Ersatzkassenverbände im Land: "Die Zahl von Patienten mit schweren Depressionen oder Angststörungen nimmt zu, wobei immer häufiger eine stationäre Behandlung notwendig ist."
Steigende Ausgaben der Krankenkassen
Für die gesetzlichen Krankenkassen im nördlichsten Bundesland nannte der Verbandschef der Angestellten- und Ersatzkassen in Schleswig-Holstein, Dietmar Katzer, diese Zahlen: Beliefen sich die Ausgaben der gesetzlichen Krankenkassen im Norden für die stationäre Psychiatrie 1990 auf rund 80 Millionen Euro, waren es 2006 210 Millionen. Im selben Zeitraum stieg die Zahl der Patienten von 10000 auf 32444.
Für das Kieler Sozialministerium spiegelt sich in diesem Anstieg nicht nur die zunehmende Belastung vieler Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer am Arbeitsplatz und die wachsende materielle Not sozial schwacher Familien wider. Auch der Ausbau der psychiatrischen Versorgungsangebote im Land habe zu der Entwicklung beigetragen. "Das größere Angebot führt zu einer verbesserten Diagnose früher häufig nicht erkannter psychischer Erkrankungen", schränkt das Ministerium ein.
Land strebt den Ausbau präventiver Maßnahmen an
Tatsächlich ist Schleswig-Holstein bei der psychiatrischen Bettenzahl bundesweit Spitze. Liegt der sogenannte Versorgungsindex im Norden bei rund 98 Prozent, sind es im Bundesdurchnitt nur 75 Prozent. Insgesamt stehen in der stationären psychiatrischen Versorgung 27 Einrichtungen zur Verfügung, davon 22 für den Bereich der Erwachsenenpsychiatrie und fünf für die Kinder- und Jugendpsychiatrie. Hinzu kommen 13 Einrichtungen für die Psychosomatik, in der im vergangenen Jahr 3227 Patienten stationär behandelt wurden.
Gegenüber Schleswig-Holstein am Sonntag kündigte die Kieler Sozialministerin Gitta Trauernicht zusätzliche Anstrengungen an, um dem Anstieg psychiatrischer Erkrankungen aufzufangen. Mehr Prävention solle es geben, und vor allem sollen die integrierten Versorgungsangebote ausgebaut werden, bei denen Patienten sowohl stationär als auch tagesklinisch und ambulant behandelt werden.
Vorzeigeprojekt im Kreis Steinburg
Musterbeispiel für diese integrierte Versorgung ist das Projekt "Regionales Psychiatriebudget Kreis Steinburg". Die Krankenkassen stellen dem Kreis jährlich ein Budget von sieben Millionen Euro zur Verfügung, mit dem Patienten der Region in der Psychiatrie, der Psychotherapie und der Psychosomatik versorgt werden. "Dieses Modell spart den Kassen jährlich eine halbe Million Euro, weil die Versorgung flexibler und vernetzter erfolgt und stärker dem Bedarf angepasst ist", sagt Ersatzkassensprecher Grieve. Sozialministerin Trauernicht hofft, dass das Modellprojekt in anderen Regionen Schule macht.
Ein Problem löst die Versorgung allerdings nicht. Immer häufiger - und in einem immer jüngeren Alter - müssen Menschen mit seelischen Leiden vorzeitig aus dem Berufsleben ausscheiden. Volker Clasen von der TK: "Psychische Krankheiten machten 2006 knapp 36 Prozent aller Frührenten aus. 2001 waren es 26 Prozent. Zugleich sank das Durchschnittsalter der Betroffenen auf 46 Jahre."
"Der Termin- und Leistungsdruck steigt. Viele Berufstätige arbeiten an ihrer Belastungsgrenze", warnt Clasen. Sein Kollege Oliver Grieve ergänzt: "Wenn die Zahl der Krankenstände in den Betrieben sinkt, ist das nicht immer ein Grund zur Freude. Viele schleppen sich zur Arbeit und werden dabei seelisch krank."

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