Allein im Kampf mit den Buchstaben

Viel zu selten nach Ansicht schleswig-holsteinischer Sozialdemokraten im Bundestag: Schreib- und Lesekurse für Erwachsene.  Foto: dpa
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Viel zu selten nach Ansicht schleswig-holsteinischer Sozialdemokraten im Bundestag: Schreib- und Lesekurse für Erwachsene. Foto: dpa

Jeder siebte Erwachsene in Schleswig-Holstein kann kaum lesen und schreiben - die SPD will von Bund und Land mehr Geld für Förderkurse

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23. Januar 2012, 08:43 Uhr

kiel | In diesem Jahr geht die "Alphabetisierungsdekade" der Vereinten Nationen zu Ende - doch in Deutschland tun weder der Bund noch das Land Schleswig-Holstein genug, um erwachsenen Menschen das Lesen und Schreiben beizubringen. Das bemängelt der bildungspolitische Sprecher und schleswig-holsteinische Landesgruppenchef der SPD im Bundestag, Ernst Dieter Rossmann, gegenüber unserer Zeitung. "In Schleswig-Holstein nehmen jedes Jahr nur 600 Menschen an Maßnahmen zur Alphabetisierung teil - so dauert es bis ins nächste Jahrhundert, bis allen geholfen wäre", sagt Rossmann.

Tatsächlich leben nach Schätzung des Kieler Bildungsministers Ekkehard Klug (FDP) 73 000 Erwachsene im Land, die keinen Satz lesen oder schreiben können. Hinzu kommen rund 180 000 "funktionale" Analphabeten - das sind Menschen im erwerbsfähigen Alter, die zwar einzelne Sätze, aber keine zusammenhängenden Texte lesen und daher wenig am Gesellschaftsleben teilhaben können. Bundesweit gibt es siebeneinhalb Millionen, die kaum oder gar nicht lesen können, hat eine wegweisende Studie der Uni Hamburg letztes Jahr enthüllt. Das ist wie in Schleswig-Holstein jeder siebte Erwachsene.

Rossmanns Vorstoß für ein stärkeres Engagement von Bund und Ländern ist zwar nicht ganz uneigennützig, denn der Elmshorner ist auch Vorsitzender des Deutschen Volkshochschulverbands - und es sind meist die Volkshochschulen, die Schreib- und Lesekurse für Erwachsene anbieten. Doch dass dringender Handlungsbedarf besteht, sieht Bundesbildungsministerin Annette Schavan (CDU) genauso. Sie hat sich daher jetzt mit den zuständigen Ländern auf acht Punkte für eine Strategie zur Verringerung der Analphabetenzahl verständigt. "Wir sind uns des Ausmaßes des funktionalen Analphabetismus und seiner negativen Folgen bewusst", sagt ein Sprecher von Schleswig-Holsteins Minister Klug. "Und wir werden uns für einen Rückgang einsetzen."

Auch Klug hat daher unter anderem zugesagt, die Öffentlichkeitsarbeit für das Thema zu verstärken - denn die geringen Teilnehmerzahlen der Schreib- und Lesekurse liegen nicht zuletzt an fehlender Information und Motivation der Betroffenen. Zudem wollen die Länder das Thema in die Lehramtsstudiengänge aufnehmen. Und Schavan will ein Forschungsprogramm für 20 Millionen Euro auflegen, mit dem Chancen zur Alphabetisierung am Arbeitsplatz untersucht werden sollen - immerhin 57 Prozent der Betroffenen sind trotz ihres Handicaps berufstätig.

Dem SPD-Experten Rossmann reichen all die Pläne allerdings nicht. Vielmehr müssten Bund, Länder und Kommunen erheblich mehr Geld in die Hand nehmen. "100 bis 120 Millionen Euro zusätzlich", wünscht er sich - wenn auch nicht sofort: "Man kann das schrittweise ausbauen." Bisher zahlt der Staat nach Rossmanns Schätzung 30 bis 40 Millionen Euro jährlich. Offizielle Zahlen gibt es nicht.

Für einen solchen Kraftakt sehen die Kultusminister jedoch keine Chance: Eine spürbare Reduktion des Analphabetismus wäre "eine Anstrengung, die die Möglichkeiten der Haushalte bei weitem übersteigt", erklären sie gemeinsam. Rossmann meint dagegen, der Spielraum für eine klare Steigerung sei vorhanden: "Frau Schavan weiß ja gar nicht, wofür sie das Geld in ihrem Etat ausgeben soll." Und bei mehr Landesmitteln gehe es ja "nicht um zweistellige Millionenbeträge", sagt er: "Einen gewissen Anteil kann auch Schleswig-Holstein leisten." Bisher zahlt das Land 225 000 Euro, davon sind 123 000 Euro aus dem Europäischen Sozialfonds. Schließlich soll nach Rossmanns Plänen auch die Bundesagentur für Arbeit (BA) Jobsuchern, wenn nötig, Lesen beibringen. Die jedoch hält nichts davon: "Die Bekämpfung des Analphabetismus ist nicht unsere originäre Aufgabe", sagt ein Sprecher der BA-Regionaldirektion Nord. Vielmehr sei "das allgemeine Bildungssystem hier erster Adressat".

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