Aktivbus: Folk-Baltica

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14. Januar 2013, 07:56 Uhr

Manche mögen’s deftig. Und andere bevorzugen die feine Kost. Das ausverkaufte Winterkonzert als Vorgeschmack der neunten Ausgabe des Festivals Folk-Baltica im April in der Kirche St. Johannis bediente am Sonnabend jeden Geschmack. Mit plattdeutscher Poesie, sanfter Gitarre und ebensolcher Stimme schmeichelt Liedermacher und Liedersänger Jan Graf den hiesigen Ohren. Der 39-Jährige aus Buxtehude übersetzt zumindest Auszüge seiner Geschichten auf Platt über Menschen und Meer. Freddy Quinn reimt sich da auf „finden“, und Horizonte wecken Träume. Graf, der dank NDR-Aktivitäten vielen bekannt sein mag, führt charmant durchs Programm und teilt Lob aus an die, die nach ihm musizieren und mit ihm.
Altes Material und traditionelle Instrumente bringen die jungen „Riders of the lost roll“ oder in der Muttersprache „Poszukiwacze Zaginionego Rulonu“ aus Polen mit. Marcin Drabik und Olena Yeremenko fideln wie verrückt; Malgorzata Makowska spielt das polnische Pedalharmonium und auch den Folk-Bass; Jacek Mazurkiewicz hält den Kontrabass und Pawel Nowicki scheppert mit der polnischen Rahmentrommel oder der Baraban-Trommel. Den mitunter eintönigen, weil repetitiven Charakter der Tänze erklärt das vor einem Jahr gegründete Quintett damit, dass Musikanten auf Hochzeitsfesten von mehreren Tagen nur auf dieser Grundlage durchhalten, gewissermaßen im Schlaf musizieren konnten. Highlights sind die beiden Frauen-Stimmen, die aus dem archaisch wirkenden Klangwust empor streben.
Dass Hochzeitsmusik auch wie Hochmusik klingen kann, zeigen in schroffem Kontrast die drei Schweden der Band „Nordic“. Die in Stockholm studierten Folker erreichen Variation auf vielfältige Art: von A wie anschlagstechnisch bis Z wie zauberhaft. Schwedens „Folk-Band des Jahres 2011“ überwältigt mit grandiosen und überraschenden Melodien und Harmonien, virtuosem Spiel und einfallsreichem Genre-Klau. Magnus Zetterlund (Mandoline), Cellist Anders Löfberg und Erik Rydvall (Nyckelharpa) haben ein Händchen für ihre vielen eigenen Kompositionen wie für ihre Instrumente. Herausragend bearbeitet Rydvall die im Deutschen genannte Schlüsselfidel, die mal gläsern klingt, wie ein Echo widerhallt, die Schreie einer Elster imitiert. Als schwedisch-schottischen Reggae kündigt Rydvall den Song zum Vogel an: „Skatan“. Auch Blues und Jazz schwingen mit; mitunter wähnt man sich als Hörer einer Verfolgungsjagd in einem Kriminalfilm – so rasant, so spannend klingt der Nordic-Stoff. Bei einem weiteren Reggae „The Lochs of Dread“ verschwimmen die Grenzen der Genres erneut. Ehrenwerten Respekt vor ihrem Publikum zollen sämtliche Musiker beim Finale mit dem Nachschlag „Dat du min Leevsten büst“ und dem verwandten schwedischen Volkslied.
Folk-Baltica soll nicht nur einmal stattfinden, begründet der hungrige Harald Haugaard die Ausrichtung dreier Winterkonzerte. Sie machen Appetit auf das Gesamt-Menu.

Antje Walther
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