Rücktritt nach Affäre : Abgang unter Tränen

Als  Christian  von Boetticher (CDU) seinen Rücktritt erklärte, liefen ihm die Tränen übers Gesicht.  Foto: pt
Als Christian von Boetticher (CDU) seinen Rücktritt erklärte, liefen ihm die Tränen übers Gesicht. Foto: pt

Die frühere Beziehung zu einer Minderjährigen hat Christian von Boettichers Traum vom Ministerpräsidenten-Posten zunichte gemacht. Er musste Jost de Jager Platz machen.

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30. Dezember 2011, 09:13 Uhr

Kiel | Nein, unglücklich wirkt er nicht, dieser Christian von Boetticher. Eher befreit von einer Bürde. Der Nord-CDU war er Vorsitzender. In den Wahlkampf sollte er die Union führen. Sollte natürlich gewinnen, seine Partei an der Macht halten und Nachfolger von Peter Harry Carstensen als Ministerpräsident werden.
Wenn am 6. Mai 2012 ein neuer Landtag gewählt ist, wird von Boetticher, der an Heiligabend 42 Jahre alt wurde, nicht mehr dabei sein. Die frühere Beziehung zu einer Minderjährigen hat den einstigen Shooting-Star der schleswig-holsteinischen CDU aus der politischen Bahn katapultiert.
Der Druck war zu groß geworden
Das war im August. Rücktritt, Ende, Aus. Erst als Parteivorsitzender und Spitzenkandidat, dann auch als Fraktionschef im Landtag. Der Druck aus der eigenen Partei und der Öffentlichkeit war zu groß geworden. Unter Tränen gestand der Hüne, der immer noch irgendwie jungenhaft daherkommt, die Beziehung, die vor allem Konservative in seiner Partei schwer erträglich fanden: "Es war schlichtweg Liebe."
Von Boettichers Fall ist ein Beispiel dafür, wie das Private politisch werden kann. Es sei ja nicht so, dass niemand in der Union oder selbst Medienvertreter nichts gewusst hätten von der Liaison, berichtet von Boetticher. Selbst Details seien bekannt gewesen. Doch das Private von Politikern - in Deutschland redet man nicht öffentlich darüber.
Er hat einen Schlussstrich gezogen
Doch irgendwann sei "das Tor aufgewesen", sei das "Persönliche zum innerparteilichen Thema geworden", sei "die Macht der Masse dagewesen", blickt von Boetticher zurück. Ob die Kenntnisse von der Beziehung aus den eigenen Reihen gegen ihn instrumentalisiert worden seien, darüber will er nicht reden. "Die Frage müssen sich andere stellen." Er habe für sich einen Schlussstrich gezogen.
Kritik hatte es immer wieder gegeben am damaligen Frontmann der Union. Eben auch aus den eigenen Reihen. Von Boetticher kommuniziere zu wenig, setze keine politischen Akzente, wisse nicht wirklich, was er mit seiner Macht als Partei- und Fraktionsvorsitzender anfangen wolle. Hinter vorgehaltener Hand kamen solche Sätze. Nie öffentlich und mit Namen. Lieber blieben die Kritiker in Deckung und erleichterten sich bei Parteifreunden oder Journalisten.
Jetzt soll es Jost de Jager richten
87 Prozent der Delegierten eines Parteitags hatten von Boetticher im Mai zum Spitzenkandidaten gewählt. Manch einer hat das "mit der Faust in der Tasche" getan. Schon damals war als mögliche personelle Alternative zu von Boetticher immer wieder der Name Jost de Jager gefallen. Der Wirtschaftsminister gehört ohne Frage zu den Leistungsträgern im Kabinett. Jetzt soll es de Jager für die Union richten. Viele in der Partei haben den Personalwechsel als personalpolitischen Befreiungsschlag empfunden.
Im Leben von Boettichers hat sich seither vieles geändert. In der Rückschau auf die wahrscheinlich schwierigsten Wochen seines Lebens fällt von Boetticher als erstes ein Satz seines Vaters ein: "Wer weiß, Junge, wozu das gut war?"
Kein Dienstwagen mehr für von Boetticher
Im Landtag, wo er die CDU-Fraktion führte, wechselte er auf eine der hinteren Bänke. Einen Dienstwagen gibt es nicht mehr. Seine Termine muss er heute selbst notieren und organisieren. 80 Stunden und mehr hatten seine Arbeitswochen früher. Das werde "irgendwann so normal, dass man Lebensqualität nicht einmal mehr vermisst".
Lebensqualität, das sind für von Boetticher der Besuch bei Freunden, der Kinobesuch oder die Lektüre eines guten Buchs - "eben das, was ein ganz normaler Mensch auch gern tut". Zeit dafür gab es früher nicht.
Er hat schon Pläne für die Zeit nach der Wahlperiode
Bis zum letzten Tag dieser Wahlperiode will von Boetticher an Bord bleiben. Und danach? Job-Angebote hat er schon. Entweder zu einem Verband, zu einem größeren Unternehmen oder in eine Anwalts- und Beratungssozietät will von Boetticher wechseln. Seinen vorerst letzten Termin auf bedeutendem politischen Parkett hatte von Boetticher als Delegierter beim CDU-Bundesparteitag in Leipzig. Er scherzte dort mit anderen ehemaligen CDU-Größen wie Ex-Bundestagsfraktionschef Friedrich Merz, den Boetticher schulterklopfend "zum Ehemaligentreffen" begrüßte.
Trotz der Turbulenzen um seine Person wollte Boetticher nicht kneifen: "Ich bin als schleswig-holsteinischer Delegierter gewählt worden und sehe keinen Grund, warum ich meine Pflicht hier nicht wahrnehmen soll."
Ganz verabschieden wird von Boetticher sich nicht
Sein politischer Weggefährte und Freund Ole Schröder bestärkt ihn darin, bis zum Ausscheiden aus der Politik im Mai selbstbewusst weiterzumachen. Schröder kommt wie Boetticher aus dem Kreis Pinneberg, ist CDU-Landesgruppenchef im Bundestag und Staatssekretär im Bundesinnenministerium. Auch er will keine schmutzige Wäsche waschen, obwohl Boetticher und sein Umfeld auf manche Parteifreunde nicht gut zu sprechen sind.
Dass Boetticher seine Ämter nach Bekanntwerden der Affäre aufgab, sei vernünftig gewesen, meint Schröder: "Angesichts der Umstände war der Rücktritt richtig - nur so konnte er sein Privatleben schützen." Ein späteres Comeback seines Freundes hält Schröder aber für möglich: "Natürlich kann Christian von Boetticher wieder in die Politik zurückkehren - aber er hat ja deutlich gemacht, dass er jetzt erst mal etwas anderes machen will."
Ganz verabschieden aus dem politischen Geschäft wird sich von Boetticher nicht. Kurz nach seiner Demission als Parteivorsitzender haben ihn seine Parteifreunde in Pinneberg wieder in den Kreisvorstand gewählt. Als stellvertretenden Vorsitzenden.



Christian von Boettichers Rücktrittsrede dauerte knapp fünf Minuten:
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