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"Ich habe sie geliebt" : Zwei Blicke auf den Seitensprung

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Die neue Liebe oder die bewährte Ehe? Anna Gavalda entwirft in "Ich habe sie geliebt" zwei Versionen vom Fremdgehen: Ein stilles Plädoyer für die Liebe.

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erstellt am 08.Jul.2009 | 01:45 Uhr

Eine einsame Hütte im Wald, eine lange Nacht mit viel Wein und langen Diskussionen - das Hörspiel "Ich habe sie geliebt" kommt wie ein Kammerspiel daher, verzichtet auf große Szenen und weit schweifende Erklärungen. Da sind nur die zwei: Die gerade verlassene Chloé und ihr mürrischer Schwiegervater Pierre. Sie mögen sich nicht. Chloé hat in ihrer Ehe mit Adrien kaum mit dessen kauzigem Vater gesprochen.
Doch jetzt ist es aus gerechnet Pierre, der seine Schwiegertochter wieder aufpäppelt. Er ist mit ihr und den Kindern allein in das Landhaus gefahren. Hätte er dies getan, während Chloé noch mit Adrien zusammen war? Sicher nicht. Will er den Fehler seines Sohnes wieder ausbügeln? Chloé ist skeptisch.
Wortkarg und distanziert
Trotzdem setzen sie sich zu einem Wein zusammen, als die Kinder im Bett sind. Pierre betont, dass sie auch weiterhin in das Ferienhaus kommen soll. Chloé bleibt skeptisch. Der Abend droht so wortkarg und distanziert zu werden, wie die gesamten Jahre zuvor. Doch dann bricht Pierre sein Schweigen und berichtet, warum er den Entschluss seines Sohnes, Chloé für eine andere Frau zu verlassen gutheißt.
Zum ersten Mal öffnet er sich seiner Schwiegertochter und erzählt von seiner großen Liebe. Eine Dolmetscherin aus Hongkong hatte ihm einst den Kopf verdreht. Über Jahre hinweg trafen sich der damals 40-Jährige und die junge Mathilde an verschiedenen Orten. Doch er entscheidet sich letztendlich nicht für seinen Seitensprung, der seiner Ansicht nach die wahre Liebe seines Lebens war. Er bleibt - anders als sein Sohn - bei seiner Frau und den Kindern. Heimlich bewundert er daher Adrien für dessen Entschlusskraft, dass er die Ehrlichkeit zu sich selbst vor gesellschaftliche Akzeptanz stellt.
Reduziert auf das Gespräch
Der Roman der französischen Schriftstellerin Anna Gavalda wurde im Hörspiel (Regie: Angeli Backhausen) auf ein Kammerspiel reduziert. Durch Erinnerungen und Rückblicke werden knapp die Ehe Chloés und Adriens besprochen, ausführlich die Liebe Pierres zur geheimnisvollen Mathilde. Adrien kommt nicht zu Wort. Man erfährt nichts über seine neue Liebe.
Die Reduktion des Romans auf den schnörkellosen nächtlichen Dialog verdeutlicht die beiden unterschiedlichen Entwürfe der zweiten großen Liebe: Auf der einen Seite der Vater, der aus Angst vor Gesichtsverlust bei seiner Frau bleibt. Auf der anderen Seite der Sohn, der der neuen Liebe nachgibt. Und so schafft es der mürrische Alte mit seiner Version der Seitensprung-Geschichte, Chloé über ihr eigenes Verlassensein hinwegzuhelfen.
Kühle Atmosphäre
Die Atmosphäre zwischen den ungleichen Protagonisten bleibt, trotz der Tiefe ihrer Unterhaltung, kühl, teils melancholisch. Unterstrichen wird das vom sentimentalen Akkordeonspiel Marc Perronnes. Die Stimme Chloés (Jele Brückner), erinnert zeitweise mit ihrer Kühle und Ruhe an die herb-nüchterne Synchronstimme Jodie Fosters (Hansi Jochmann).
Wie auch in Gavaldas großem Erfolg "Zusammen ist man weniger allein" treffen höchst unterschiedliche Charaktere aufeinander, die zunächst eine Art Zwangsgemeinschaft bilden. Streckenweise herrscht sogar Antipathie. Das Hörspiel hinterlässt den Hörer bedrückt und melancholisch - und doch mit dem beruhigenden Gewissen, dass es in der Liebe kein Richtig und Falsch gibt.

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