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„Frikadellenkrieg“ in Randers : Zwang zum Schwein: Dänemark streitet über politischen Speiseplan

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Aus der Onlineredaktion

Die dänische Stadt Randers will mit obligatorischem Schweinefleisch ein Zeichen gegen Muslime setzen. Dieses „wertepolitische Spiel“ ignoriere Pragmatismus und Selbstbestimmung, sagen Kritiker.

shz.de von
erstellt am 20.Jan.2016 | 14:54 Uhr

Randers/Kopenhagen | Bevormundung, Planwirtschaft, Schikane, Zwangsideologie – Mit Unverständnis haben viele Dänen auf die Entscheidung des Stadtrates von Randers reagiert. Dieser hatte den Bildungs- und Betreuungseinrichtungen der Kommune aus Gründen der „Wahrung der dänischen Esskultur“ dazu verdonnert, obligatorisch Schweinefleisch anzubieten. Während die Vegetarier und Muslime sich in der Debatte noch relativ ruhig verhalten, kommt die öffentliche Kritik vor allem aus der Politik und aus den Reihen der direkt betroffenen Institutionen, die sich übergangen fühlen. Auch in den Reihen der rechtsliberalen Venstre-Partei, die den Vorschlag der Dansk Folkeparti mitgetragen hatte, regt sich Unbehagen.

Auch wenn die Dansk Folkeparti das in der Randers Kommune nun obligatorische Schweinefleisch als Kulturschutz deklariert, wird es als weitere Maßnahme zur Abschreckung muslimischer Einwanderer verstanden.

Anni Matthiesen – kinder- und ausbildungspolitische Sprecherin der Kopenhagener Regierungspartei – sagte, die Politik hätte nicht zu entscheiden, ob Frikadellen auf dem Menü der Kindertagesstätten im Lande stehen sollen oder nicht. „Ich stehe für Freiheit – nicht Zwang und es muss an der einzelnen Einrichtung sein, dazu Stellung zu beziehen, was die Kinder essen sollen“, so Mattiesen. Dass die Parteifreunde in Randers anderer Meinung sind, müsse sie akzeptieren, sagt sie: „Das ist ihre Entscheidung. Ich finde, so etwas sollte man vor Ort in den Einrichtungen entscheiden. Ich kann mich also nur wundern.“

Die Vorsitzende des Landesverbandes der Eltern, Dorthe Boe Danbjørg, zeigt sich erbost über den Vorstoß aus dem Stadtrat. Es sei „unerhört“, dass die Dansk Folkeparti sich in die Essenspläne der Kindertagesstätten einmischen will. „Wir haben eine Basisdemokratie mit lokalen Elternvorständen, die sich um so etwas kümmern. Wir stellen fest, dass die Menüs in den Tagesstätten jetzt zu einem Puzzlestück in einem wertepolitischen Spiel werden sollen. Doch stattdessen sollten sich die Politiker darauf konzentrieren, Normen, physische Umstände, gute Arbeitsbedingungen und die Möglichkeit zur Weiterbildung für die pädagogischen Mitarbeiter zu schaffen", so die Verbandschefin.

Es gebe durchaus Einrichtungen, wo lokal entschieden worden sei, dass kein Schweinefleisch serviert werden solle, und zwar aus „praktischen Erwäggründen“. „Dabei geht es nicht um Ideologie, sondern darum, was praktisch ist. Wenn der Großteil kein Schweinefleisch isst, dann sagt man rein vernunftsmäßig, dass wir das dort eben nicht servieren“, so Dorthe Boe Danbjørg, die darin kein Problem sieht.

Jeg håber sgu at det er med sprød svær, for ellers er det virkelig en skandale!Der røg den selvforvaltning i øvrigt ude...

Posted by Manu Sareen on  Montag, 18. Januar 2016

Der frühere Integrationsminister Manu Sareen von der sozialliberalen Partei Radikale Venstre bezichtigte die Entscheidungsträger in Randers, sie würden den Menschen eine Ideologie aufzwingen wollen – in diesem Falle den Kindern. Es sei wirklich unglaublich und ein Skandal, dass Politiker sich in die Sache der Institutionen derart einmischen würden, schrieb er auf Facebook.

Schon seit Jahren wird in Dänemark – wie auch in Deutschland – darüber diskutiert, inwieweit sich öffentliche Speisepläne an religiösen Gesichtspunkten orientieren müssen. Sareens ehemalige Chefin Helle Thorning-Schmidt (Sozialdemokraten) hatte als Ministerpräsidentin 2013 offen Kindergärten kritisiert, weil sie das Schweinefleisch von der Speisekarte gestrichen hatten. Hitzig diskutiert wurde in diesem Zusammenhang das Verhalten des Kinderhauses Jennumparken in Randers. Der dortige Schweinefleisch-Exit vor einem Jahr wurde jedoch nicht durch Druck von außen entschieden, sondern war eine Reaktion der Einrichtung auf die schwache Nachfrage. Der Anteil muslimischer Kinder in der Institution war so hoch, dass aus pragmatischen Gründen entschieden wurde, kein Schweinefleisch mehr zu servieren.

Einer Untersuchung der Boulevardzeitung „Extra Bladet“ zufolge haben 30 der 1719 Tagesstätten in Dänemark entweder Schweinefleisch aus dem Angebot genommen oder auf nach islamischen Regeln geschlachtetes Halal-Fleisch umgestellt.

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