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Energiewende : Zu viel Wind und Sonne: Wer Strom braucht, kriegt Geld drauf

vom
Aus der Onlineredaktion

87 Prozent des Strombedarfs wurden am Sonntag durch regenerative Energien gedeckt. Das war zu viel.

shz.de von
erstellt am 11.Mai.2016 | 13:07 Uhr

Sonntag, 8. Mai, Muttertag: Es windet ordentlich und die Sonne scheint kräftig. Perfektes Wetter für die Stromgewinnung. Die Solar-, Wind,- Wasser und Biomasse-Kraftwerke des Landes produzieren zu dem Zeitpunkt beinahe 55 Gigawatt und decken damit nach einer Auswertung der Berliner Energiewende-Denkfabrik Agora 87 Prozent des bundesweiten Verbrauchs ab. Das ist aber zu viel des Guten. Die konventionellen Kraftwerke lassen sich nicht mehr ausreichend herunterregeln, um den Überschuss zu drosseln und die Marktmechanismen an der Energiebörse greifen zu träge. Zwischen 10 und 17 Uhr wird es dann so kurios, dass auch die US-Wirtschaftsplattform „Quartz“ darüber berichtet: Der Strompreis fällt ins Negative. Kommerzielle Abnehmer erhalten eine Prämie von bis zu 130 Euro pro Megawattstunde, wenn sie Strom aus dem Netz abziehen.

Noch nie ist in Deutschland so viel Energie aus Wind und Sonne genutzt worden wie am 8. Mai. Das wirft Zukunftsträume auf, doch zeigt auch, dass die ehrgeizigen Ziele im bestehenden System nicht erreicht werden können. Weder die Netze, noch die wirtschaftlichen Mechanismen sind gerüstet.


 

Vor allem die Solar-Anlagen sorgen für den Schub, aber auch der Wind. An einem durchschnittlich sonnigen Tag mit ein bisschen Wind werde ein Wert um die 60 bis 70 Prozent erreicht, heißt es von Agora. Wegen des Feier- und Brückentags sei der Stromverbrauch außerdem niedriger als sonst unter der Woche gewesen, wenngleich höher als an gewöhnlichen Wochenenden. Im vergangenen Jahr deckten erneuerbare Energien maximal 83 Prozent des Strombedarfs.

Foto: https://www.agora-energiewende.de

Leidtragende unter dem negativen Strompreis sind konventionelle Stromerzeuger, die anders als die EEG-Einspeiser keine Preisgarantie erhalten. Weil sich Kernkraftwerke und Kohlekraftwerke nicht einfach ausschalten lassen, mussten sie zweitweise 13 Cent pro Kilowattstunde zahlen, um ihren Strom irgendwie an der Energiebörse loszuwerden. Das habe es zuletzt Weihnachten 2012 gegeben. Dankbare Hauptabnehmer des überflüssigen Stroms waren vor allem Österreich, die Niederlande und Frankreich. Für die stromintensive Industrie wäre so eine Konstellation an einem Werktag ein gefundenes Fressen.

Die Muttertags-Stromspitze macht zwar Hoffnung für die Zukunft, wirft aber auch Fragen auf. Kritiker der Energiewende betonen immer wieder, dass die täglichen Spitzen und Flauten bei Sonne und Wind eine Versorgungssicherheit unmöglich machen. Besonders die Stromzwischenspeicherung und „New 4.0-Lösungen“ sind ein viel diskutiertes Thema in Wissenschaft und Politik. Pumpspeicherwerke in Norwegen sollen in Zukunft dafür sorgen, dass der volatile Strom bei Bedarf verfügbar sein wird. Zudem wird erwogen, den Strom im Norden generell billiger zu machen, auch um Anreize in Süddeutschland zu schaffen, mehr auf Erneuerbare zu setzen.

Deutschland will im Jahr 2050 100 Prozent seines Strombedarfs durch erneuerbare Energien generieren. Rein rechnerisch könnte Schleswig-Holstein das jetzt schon. In Dänemark reichen zu bestimmten Zeitpunkten bereits die aus Windenergie gewonnen Stromstärken aus, um den Bedarf zu decken. Die Überschüsse werden nach Deutschland, Norwegen und Schweden exportiert.

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