Interview mit deutscher Astronautin : Insa Thiele-Eich: „Viele bezweifeln, dass Frauen das können“

Wird sie die erste Deutsche im Weltraum? Insa Thiele-Eich.

Wird sie die erste Deutsche im Weltraum? Insa Thiele-Eich.

Insa Thiele-Eich will als erste deutsche Frau ins All – als sie schwanger wurde, erhielt sie Beileidsbekundungen.

Avatar_shz von
30. März 2019, 00:01 Uhr

Insa Thiele-Eich kann Geschichte schreiben. Die 35-Jährige ist  eine von zwei  verbliebenen Kandidatinnen der privaten Initiative „Die Astronautin“, die im kommenden Jahr die erste deutsche Frau ins All bringen möchte. Warum sie das tut und welchen Vorurteilen sie begegnet, erzählt die dreifache Mutter und Tochter eines Astronauten in einem Hotel in Melle – und stillt dabei ihren Sohn.

Frau Thiele-Eich, welches Gefühl verbinden Sie mit der Aussicht, als erste deutsche Astronautin ins All zu fliegen?

Puh, geschafft! Das private Projekt ist ja unabhängig von bestehenden Raumfahrtorganisationen wie Esa oder DLR gestartet, und damit ist die Finanzierung der wackeligste Punkt. Im vergangenen Jahr sah es zeitweise nicht so gut aus, doch jetzt überschlagen sich die Ereignisse. Wir sind in der Initiative mittlerweile alle sehr optimistisch, dass es klappen wird.

Steht fest, mit welchem Vehikel Sie im Fall des Falles abheben werden?

Wir haben im vergangenen Jahr drei mögliche Anbieter identifiziert. Einer davon ist SpaceX mit Dragon, Boeing mit Starliner stellt eine andere Option dar. Und die russische Sojus gibt es natürlich auch noch. Sehr wichtig für uns war jüngst die SpaceX-Mission, die erstmals einen Dummy zur Internationalen Raumstation gebracht hat.

Welches Unternehmen wäre Ihnen am liebsten?

Allein aus Kindheitsgründen hätte ich die Präferenz, von amerikanischem Boden aus zu starten. Ich hätte zwar auch nichts gegen Star City nahe Moskau. Aber da ich selbst im texanischen Houston in der dortigen Raumfahrtgemeinde groß geworden bin, wäre ich sehr glücklich, wenn ich mich mit meiner Familie dort vorbereiten könnte.Klingt nach Nostalgie.

Aber was ist Ihr innerster Antrieb, ins All fliegen zu wollen?

Der Wunsch, Astronautin zu werden, begründet sich maßgeblich mit dem Training und dem Alltag der Astronauten. Es war nicht: Ach, wie cool wäre es im All, wie komme ich da hin? Es war der Wunsch, diesen Berufsalltag zu haben. Den Alltag, den auch mein Vater hatte, während er zwölf Jahre auf seinen ersten Flug gewartet hat.

Das hat auch Sie begeistert?

Ja, er hatte Spaß bei der Arbeit. Es war Bestandteil seines Alltags, Sport zu machen. Fliegen zu gehen, tauchen zu gehen. Sich in fremde Wissenschaftsgebiete einzuarbeiten, eine neue Sprache zu lernen. Das fand ich total toll und faszinierend. Außerdem möchte ich herausfinden, wo meine Grenzen sind. Das mache ich schon mein ganzes Leben so. Und da ist das Weltall ein ideales Ziel.Es scheint aber, als seien Sie schwer zufriedenzustellen.

Das ist leider die Kehrseite davon. Zwischendurch musste ich bereits lernen, dass ich nicht immer nur nach etwas Neuem suchen kann, nicht immer einen neuen Superlativ setzen kann, sondern auch innehalten muss.

Gibt es denn etwas, womit Sie quasi fertig sind?

Uuh, fertig? Fertig ist so ein endgültiges Wort. Fertig? Nee. Es gibt Sachen, die liegen vielleicht mal eine Zeit lang brach. Aktuell setzte ich viel Energie in den privaten Bereich mit den Kindern inklusive Mini-Baby. Was mich übrigens wahnsinnig zufrieden macht. Es erfüllt mich mit Glück, dass ich zum Beispiel dieses Interview gerade stillend geben kann. Vor zwei Jahren wäre ich mir noch nicht sicher gewesen, ob ich Familienplanung und Astronautentraining unter einen Hut kriegen kann.

Wie in Ihrem ersten Job als Meteorologin an der Uni: Sie müssen gut koordinieren können.

Für eine Astronautin ist es durchaus auch die Frage, wie es die Arbeitgeberin sieht. Gerade mit der Schwangerschaft während des Trainingszeitraums. Ich bin nicht davon ausgegangen, dass es ein Problem werden würde, als mein Mann und ich uns für ein drittes Kind entschieden haben. Aber man geht ja nicht vorher hin und fragt die Chefin: Hättest du vielleicht etwas dagegen, wenn ich jetzt schnell noch mal so Kind drei kriege? Ein Großteil meines Umfelds ist übrigens davon ausgegangen, dass meine Teilnahme an der Astronautin-Initiative damit beendet ist.

Weiterlesen: Debatte um "Spitzenvater des Jahres": Astronautin bezieht Stellung

Das hätte aber einen argen Schatten auf die Initiative geworfen.

Natürlich! Eine Person im Umfeld war begeistert, der Rest betroffen bis tief bestürzt. Ich habe sogar Beileidsbekundungen ausgesprochen bekommen!

Von Freunden?

Nein, nicht von Freunden. Einige von denen waren aber zumindest skeptisch, ob ich in der Initiative bleiben kann. Die begeisterte Reaktion war übrigens meine Chefin.

Claudia Kessler – die Raumfahrtingenieurin, die die Initiative „Die Astronautin“ ins Leben gerufen hat.

Weil ich sie dabei sehen wollte, habe ich die Nachricht in einer Videokonferenz mitgeteilt. Ich habe es gesagt und sie so: „Ach, super, toll. Ich freue mich total. Herzlichen Glückwunsch!“ Das war schmerzloser als gedacht. Total schön.

Im vergangenen Oktober ist Ihr Sohn geboren. Wie geht es Ihnen nun?

Bei den beiden Großen hatte ich circa sechs Monate nach den Geburten den körperlichen Tiefpunkt. Auch jetzt bin ich alles andere als ausgeschlafen, das Stillen zehrt, und ich bin einfach noch k. o. von der Schwangerschaft. Zum Glück ist das ja alles nur eine Phase. Ich muss daran arbeiten, Pflichttermine als Spaß  zu verkaufen. Zum Beispiel die Flugstunde  am Ende  eines  Zwölfstundentags.Derweil geht die Astronautenausbildung weiter.

Was fordert Sie am meisten?

Das Vereinbaren von 70 Prozent Uni-Job, 50 Prozent Astronautinnenjob und Familie. Und dabei noch halbwegs fröhlich bleiben. Die Wörter Hobby und Freizeit sind aktuell nicht existent. Ich muss manchmal auch daran arbeiten, mir Pflichttermine als Spaß und Freizeit zu verkaufen. Zum Beispiel die Flugstunde am Ende eines Zwölfstundentags.

Sie wirken immer sehr kontrolliert.

Fragen Sie mal meine Kinder … (lacht)

Was lässt Sie Ihre Fassung verlieren?

Zum Astronautendasein gehört es dazu, dass man selbst seine wunden Punkte kennt. Aber so kontrolliert ich erscheine, so emotional bin ich auch manchmal. Ich bin in vielen Dingen sehr grundentspannt, was mich indes wahnsinnig aufregt, ist Unfairness. Wenn man mich ärgern möchte, möge man mir eine unfaire Situation bieten.

Welche unfaire Situation haben Sie selbst zuletzt erlebt?

Es gab eine Medienanfrage. Es war fürchterlich dringend, es musste unbedingt dieser Termin sein, ganz wichtig. Unser Team hat fast stündlich drängende Anrufe erhalten. Also habe ich dafür extra einen anderen Termin abgesagt und meine Mutter als Babysitterin engagiert. Dann jedoch zog man den Termin kurzfristig zurück mit der Begründung, man habe nun doch eine richtige Astronautin genommen. Nein, einen richtigen Astronauten. Das war noch schlimmer. Und das war dann Matthias Maurer. Ich mag Matthias total gerne, wir kennen uns auch. Aber…

…im All war der neben Gerst zweite deutsche Esa-Astronaut auch noch nicht.

Richtig, Punkt eins. Punkt zwei: Wenn man mich unter Druck setzt, Telefonterror betreibt und wir alles machen, weil so gebettelt wurde, und dann wird abgesagt mit diesem Grund – das treibt mich auf die Palme. Da werde ich jetzt sogar wieder sauer. So etwas finde ich wahnsinnig unfair. Weil auch die Zeit meines Teams wertvoll ist, weil ich genauso richtig, genauso echt bin wie Matthias Maurer. Bedingt auch durch meinen Vater und seine Definition des Wortes Astronaut, sehe ich mich auch jetzt schon als Astronautin, auch wenn ich noch nicht im All war.

Ist Ihr Vater ein Vorbild für Sie?

Nee, mein Papa ist mein Papa (lacht). Vorbilder sind eher die Nasa-Astronautinnen, die auch Mütter sind: Heidi Piper und Laura Clark. Auf deren Kinder habe ich als Jugendliche aufgepasst. Bei denen habe ich erkannt, dass der Beruf der Astronautin und die Rolle als Mutter gut zu vereinbaren sind. Dann kam ich nach Deutschland und habe gemerkt, wie wenig weibliche Vorbilder es gibt.

Jetzt sind Sie selbst eines.

Als ich mich beworben habe, hatte ich nicht die altruistische Motivation, wow, ich kann als erste deutsche Frau im All ein Vorbild sein. Ich wollte erst einmal Astronautin werden. Nach der offiziellen Bekanntmachung im April 2017 habe ich erst gemerkt, wie viele Leute das anzweifeln, dass Frauen das überhaupt können. Dass ich das kann. Dass Mütter das können. Dass man so etwas als Frau will, sorgt für Irritationen beim Gegenüber. Ich war absolut desillusioniert, in was für Zeiten wir überhaupt leben. Ich hatte gar nicht damit gerechnet, dass es für so viel Aufregung sorgt, wie es gesorgt hat. Und jetzt auch noch jeden Tag tut.

Gerhard Thiele, Insa Thiele-Eich: „Astronauten: Eine Familiengeschichte“, Verlag Komplett Media 2018. ISBN 978-3831204724

thiele_astronauten_2d_cmyk.JPG
zur Startseite

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen