Erbitterter Streit : Grausam oder sinnvoll: Muss sich die Jagd in Deutschland verändern?

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Jagd und Wildhege - junge Jägerin mit der Hand am geöffneten Lauf ihres Jagdgewehres.

Tierschützer wollen die Jagd am liebsten direkt verbieten, Jäger pochen auf ihren Beitrag zum Natur- und Tierschutz. Wie schlimm ist Jagen wirklich? Eine Bestandsaufnahme.

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20. Januar 2022, 14:00 Uhr

Tierschützer wollen die Jagd am liebsten direkt verbieten, Jäger pochen auf ihren Beitrag zum Natur- und Tierschutz. Wie schlimm ist Jagen wirklich? Eine Bestandsaufnahme.

Durch das Unterholz streifen knapp ein Dutzend Treiber in neonfarbenen Westen, sie machen Lärm, scheuen das Wild auf. Am Rand des Waldgebietes stehen die Jäger in Position, warten darauf, Reh oder Damwild schießen zu können. Es ist Saison der Treibjagden, die derzeit in ganz Norddeutschland stattfinden – noch bis Ende Januar. Ausschließlich um sich und die Seinen zu ernähren, geht allerdings heutzutage wohl niemand mehr auf die Jagd– jedenfalls hierzulande. Aber warum dann? Und ist die Jagd auf Wildschweine und Wasservögel, auf Rehe, Hirsche und andere noch zeitgemäß?

Genau darüber gehen die Meinungen stark auseinander, insbesondere zwischen der Jägerschaft und vielen Tierschützern. Und in der jüngeren Vergangenheit bot die Absicht der vorherigen Bundesregierung, das Bundesjagdgesetz zu novellieren, Anlass zum erneuten Schlagabtausch. So warf der Deutsche Tierschutzbund in seinem Magazin „Du und das Tier“ unter dem Titel „Ohne vernünftigen Grund erbarmungslos gejagt“ der Jägerschaft vor, „unter dem Deckmantel der Liebe zur Natur“ in Deutschland pro Jahr mehr als vier Millionen Wildtiere zu töten, „in nicht unbeträchtlicher Zahl auf grausame Art und Weise“.

Tierschutzbund und Jagdverband streiten erbittert

Der Präsident des Tierschutzbundes, Thomas Schröder, meint: „Das Jagdwesen in Deutschland wird insgesamt wichtigen Grundsätzen des Tierschutzes nicht gerecht.“

Thomas Schröder
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Thomas Schröder

Dem entgegnet Volker Böhning, Präsident des Deutschen Jagdverbandes (DJV) und des Landesjagdverbands Mecklenburg-Vorpommern: „Die Jagd ist angewandter Tierschutz.“ Der DJV vertritt den Angaben zufolge rund zwei Drittel der Jagdscheininhaber in Deutschland und meldete vor wenigen Tagen für 2021 ein „Rekordniveau“ hinsichtlich der angemeldeten Jägerprüfungen sowie der Zahl der aktiven Jäger deutschlandweit (403.420, das sind 6006 mehr als im Jahr davor).

Volker Böhning
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Volker Böhning

Das sind die Standpunkte der Streitenden

Die Kontroverse ist nicht neu und wird nicht nur zwischen den beiden Verbänden ausgetragen. Tierrechtler etwa lehnen die Jagd generell und kategorisch ab. Sie sei „unnötig, kontraproduktiv und grausam“, heißt es zum Beispiel bei der Tierrechtsorganisation Peta.

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Und dann ist da noch der Ökologische Jagdverband (ÖJV), der laut Leitlinien eine Jagd vertritt, „die von der Achtung gegenüber den Wildtieren als Mitgeschöpfe einerseits sowie dem Respekt vor den Belangen des Grundeigentums und der Gesellschaft andererseits getragen ist“.

Warum wird man Jäger?

„Wie kann man Tiere töten?“ Diese Frage hat sich auch Bettina Krohn aus dem Kreis Segeberg gestellt – bevor sie durch eine „tolle Ausbildung“ und viel Beobachtung von Praktikern selbst zur Jägerin wurde. Die 47-Jährige ist eine aus dem wachsenden Kreis von Frauen in der Jägerschaft. Im DJV sind es den Angaben zufolge derzeit sieben Prozent – Tendenz steigend.

Jägerin Bettina Krohn
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Jägerin Bettina Krohn

„Jagd ist kein Hobby, sondern eine Lebenseinstellung“, sagt Krohn. Und: „Jagd ist Tierschutz, das ist für mich eine wichtige Antriebsfeder.“ Im industrialisierten und urbanisierten Deutschland gebe es nun einmal kaum Raum für große Beutegreifer wie Bär und Wolf. Darum sei es sinnvoll, dass der Mensch die Bestände einiger Wildarten reguliert. Ansonsten drohten starke Verbissschäden in Wald und landwirtschaftlichen Kulturen, eine große Zahl von Wildunfällen auf den Straßen sowie Seuchen und Parasiten, die sich bei Überbevölkerung beim Wild zwangsläufig einstellten und die Tiere leiden ließen. Dabei sieht Krohn einige Jagdpraktiken sehr wohl kritisch: „Ich gebe jedem Recht der sagt, dass Treibjagden auf Niederwild wie Feldhase, Fasan und Fuchs nicht sein müssen.”

Betreiben Jäger wirklich Artenschutz?

Jetzt, Ende Januar, geht bundesweit die Hauptjagdzeit auf Schalenwild, also die zu den Paarhufern gehörenden Arten wie unter anderem Rot-, Dam-, Rehwild und Wildschweine, zu Ende. Insgesamt würden in Deutschland rund 100 Wildarten bejagt, „darunter auch bedrohte Tiere“, so der Vorwurf des Tierschutzbundes; explizit genannt werden Iltis, Baummarder, Feldhase und Rebhuhn.

Bei der angegebenen Zahl könne es nur um Arten gehen, die dem Jagdrecht unterliegen, aber in vielen Fällen ganzjährig geschützt sind, stellt Torsten Reinwald klar. Denn „jagdbar“ nach Jagdrecht bedeute nicht, dass die Tiere tatsächlich bejagt werden. Als Beispiele nennt der DJV-Pressesprecher Seehund und Seeadler: „Hier ergibt sich eine Hegeverpflichtung für Jäger.“

Das Bundesjagdgesetz

Das Bundesjagdgesetz

Das heutige Bundesjagdgesetz geht zurück auf den Sozialdemokraten Otto Braun als Minister (1918-1921) im preußischen Ministerium für Landwirtschaft, Domänen und Forsten; seine Grundlagen wurden in das Reichsjagdgesetz von 1934 übernommen. Aus diesem basiert wiederum das 1952 in Kraft getretene und 1976 sowie 2011 überarbeitete Bundesjagdgesetz weitgehend. Das Gesetz definiert die jagdbaren Tierarten, enthält Vorschriften zur Jagdausübung und regelt, wer wann was wo und wie jagen darf. Ganz allgemein formuliert, ist das Jagdrecht weitgehend an den Grundbesitz gebunden, Jäger sind Eigentümer oder Pächter der Flächen. Voraussetzung für die Jagdberechtigung sind eine bestandene Jägerprüfung und ein gültiger Jagdschein, der nach Vorlage der Prüfung bei der Behörde beantragt werden kann. Die vergangene Bundesregierung hatte hierzu eine Novelle auf den Weg gebracht, derzeit ruht das Verfahren. Ein bereits erarbeiteter Entwurf wurde in den vergangenen Monaten kontrovers diskutiert und von zahlreichen Stellungnahmen begleitet. Während etwa der Deutsche Jagdverband diesen in wesentlichen Teilen begrüßt, fordert der Deutsche Tierschutzbund „eine grundlegende Reform“.

Tatsächlich spiele die Jagd gerade für den Artenschutz „eine ganz besonders wichtige Rolle“, betont DJV-Präsident Böhning mit Hinweis etwa auf invasive Tierarten, die „unser heimisches Ökosystem stören und zerstören“. Für Mecklenburg-Vorpommern nennt der dortige Landesverband als Beispiel den nun ins Jagdrecht aufgenommenen Nandu. Knapp 600 Tiere sollen im Grenzbereich Mecklenburg-Vorpommerns und Schleswig-Holsteins leben. Ihre Population geht zurück auf einen Ausbruch weniger Tiere aus einem Gehege nahe Lübecks im Jahr 2000.

Ein Nandu stolziert am Sonnabend (13.04.2019) unweit von Schattin (Landkreis Nordwestmecklenburg)über eine Ackerfläche. Der Großvogel hat sich in den letzten Jahren in Mecklenburg Vorpommern in freier Wildbahn rasant vermehrt und ist mittlerweile für zahlreiche Landwirte und Verkehrsteilnehmer zum Problem geworden. Diesbezüglich informiert der Minister für Landwirtschaft und Umwelt des Landes Mecklenburg Vorpommern Dr. Till Backhaus am Montag (15.04.2019) im Ort bei einem Pressegespräch über die Situation der Nandus im Land und stellt die Ergebnisse der Nandu-Frühjahrszählung im Biosphärenreservat Schaalsee-Elbe vor. *** On Saturday 13 04 2019 not far from Schattin, a Nandu struts across an arable land in the North-West Mecklenburg district of Schattin The large bird has increased rapidly in recent years in the wild in Mecklenburg-Vorpom
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Ein Nandu stolziert am Sonnabend (13.04.2019) unweit von Schattin (Landkreis Nordwestmecklenburg)über eine Ackerfläche. Der Großvogel hat sich in den letzten Jahren in Mecklenburg Vorpommern in freier Wildbahn rasant vermehrt und ist mittlerweile für zahlreiche Landwirte und Verkehrsteilnehmer zum Problem geworden. Diesbezüglich informiert der Minister für Landwirtschaft und Umwelt des Landes Mecklenburg Vorpommern Dr. Till Backhaus am Montag (15.04.2019) im Ort bei einem Pressegespräch über die Situation der Nandus im Land und stellt die Ergebnisse der Nandu-Frühjahrszählung im Biosphärenreservat Schaalsee-Elbe vor. *** On Saturday 13 04 2019 not far from Schattin, a Nandu struts across an arable land in the North-West Mecklenburg district of Schattin The large bird has increased rapidly in recent years in the wild in Mecklenburg-Vorpom

Wollen Jäger nur Trophäen sammeln?

Nicht selten wird zudem kritisiert, dass es Jägern vor allem um Trophäen ginge. Die Forschungsgruppe zur Psychologie der Jagd am Institut für Rechtspsychologie der Universität Bremen hat in einer Studie schon vor etwa 15 Jahren die Motive von Jägerinnen und Jägern erfragt und vier Hauptaspekte beleuchtet: Status/soziale Anerkennung, Hege, Gegensatz zum Alltag und Gewinnung von Wildbret.

Auffällig dabei: Während bei den männlichen Jägern alle vier Faktoren als etwa gleichbedeutend bewertet wurden, spielte bei den Jägerinnen der Faktor Status eine geringe, Hege dagegen eine besonders große Rolle. Allgemeines Fazit der Forschergruppe: „Der reine Trophäenjäger oder „Töter“, der das öffentliche Jägerbild am deutlichsten zu prägen scheint, kommt in der Realität nur selten vor.“ Ein Ergebnis, das sich im Wesentlichen mit den Ergebnissen einer DJV-Befragung aus dem Jahre 2017 decke, berichtet Reinwald.

Halten sich Jäger wirklich immer an die Regeln?

Aber was nutzt diese Erkenntnis in einer Debatte, in der auch Emotionen hochkochen und Behauptungen sich konträr gegenüberstehen? Ein Beispiel für Letzteres ist die Jagd auf Wasservögel mit Schrot. Dabei feuerten oft mehrere Jäger gleichzeitig mit einer großen Menge Schrotkugeln auf eine vorbeifliegende Vogelgruppe, heißt es in dem Du-und-das-Tier-Beitrag. „Da sich die Kugeln mit der Entfernung trichterförmig zerstreuen, wird mitunter ein Teil der Tiere nicht tödlich getroffen, sondern nur verletzt und verstümmelt“, sagt der Leiter der Abteilung Artenschutz beim Deutschen Tierschutzbund James Brückner.

„Stimmt so nicht“, kontert der Sprecher der Landesjägerschaft Niedersachsen Florian Rölfing. Ob Wasserwild oder andere Arten – es werde stets nur ein einzelnes Wildtier gejagt. Dieser Grundsatz sei auch Bestandteil der staatlichen Zunahme der Entfernung, ergänzt der Präsident des Landesjagdverbandes Schleswig-Holstein, Wolfgang Heins.

Aber entspricht die im Jägeralltag geübte Praxis immer den Ausbildungsgrundsätzen? Tierschutzbundpräsident Schröder hat da so seine Zweifel: Wasservögel seien in der Regel nicht allein unterwegs; auch er verweist zudem auf die trichterförmige Erweiterung der abgeschossenen Schrotkugeln.

Gemeinsamkeiten von Jägern und Tierschützern

Vielleicht aber gibt es doch eine (wenn auch kleine) Schnittmenge zwischen erklärten Tierschützern und Jägern, und die hängt mit dem veränderten Bewusstsein für den Umgang mit dem Mitgeschöpf Tier sowie für gesunde Ernährung zusammen. Der Deutsche Tierschutzbund mit seinen rund 800.000 Mitgliedern wirbt für eine vegane Lebensweise – und unter den Jägern gibt es eine offenbar wachsende Zahl von Vegetariern und Veganern. Ein Widerspruch? Nicht für die, die sich „Wildtarier“ oder „Wilganer” nennen.

Bei ihnen, die ansonsten ohne Fleisch oder ganz ohne tierische Produkte leben, kommt sehr wohl hin und wieder ein Stück Wildbret auf den Tisch – häufig welches, das sie selbst erlegt haben, hat Walter Mahnert von der Wildnisschule Clanwissen in Großenaspe beoboachtet. Ähnlich halten es auch Bettina Krohn und ihre Familie: Fleisch aus sogenannter Massentierhaltung? Gebe es bei ihnen so gut wie nie.

Die Art des Tötens – beim Wild im besten Fall ein Schuss mitten aus dem Alltag im angestammten Lebensraum – spielt dabei ebenso eine Rolle wie der Aspekt gesunde Ernährung. Mahnert: „Das ist ein riesengroßes Thema, auch für Jäger.“

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