Depression im Leistungssport : Wenn die „Droge Sport“ fehlt: Ein junger Ex-Ruderer nimmt sich das Leben

Yannic Corinth nahm sich das Leben – und hinterließ viele offene Fragen.
Yannic Corinth nahm sich das Leben – und hinterließ viele offene Fragen.

Yannic Corinth war erst Leistungsruderer, danach aufstrebender Rennradfahrer – und nahm sich mit 26 Jahren das Leben. Erst nach seinem Suizid fügen sich die Hinweise wie Puzzle-Teile zu einer möglichen Antwort auf die Frage nach dem "Warum?".

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23. Juli 2020, 14:50 Uhr

Friedrichstadt | Yannic Corinth war immer in Bewegung. "Selbst im Urlaub hat er wie wahnsinnig Sport gemacht", erinnert sich seine Mutter Anouk Corinth-Koltermann. Einmal hatte er vor dem Ski-Urlaub einen Bänderriss, war also außer Gefecht gesetzt. "Da wussten wir schon, dass er nicht die beste Laune haben wird", sagt Corinth-Koltermann. "Aber das ist ja irgendwie auch normal."

Dennoch fragte sie sich in Situationen wie diesen, was ihr Sohn mal machen würde, wenn er den Sport nicht mehr hätte. Womit keiner gerechnet hatte: Yannic nahm sich am 6. Juni 2016 das Leben; im Alter von 26 Jahren; nach einem Trainingsunfall.

Steile Karriere

13 Jahre zuvor fing er an zu rudern. Corinth-Koltermann freute sich, dass ihr Sohn Sport machte. Sie selbst war früher gesegelt, aber das sei Yannic nicht fordernd genug gewesen. Er wollte eigentlich Rennrad fahren, doch das war ihr zu gefährlich.

Dann also Rudern. Yannic kam zur Friedrichstädter Rudergesellschaft im Norden Schleswig-Holsteins. Der Verein konzentriert sich auf den Leistungssport. "Wer hier anfängt, wird auf jeden Fall gesichtet", erklärt Corinth-Koltermann.

Ich hatte nie so den Ehrgeiz dahinter, unterband es aber auch nicht. Anouk Corinth-Koltermann


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Vincent Buß


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Vincent Buß


Von da an ging es ganz schnell. Als Yannic 14 Jahre alt war, wurde Leistungssport zum ersten Mal ein Thema. Eigentlich wollte Corinth-Koltermann mit ihren Kindern näher zur Schule ziehen. Stattdessen zogen sie zwei Jahre später nach Friedrichstadt, näher zum Sport.

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Vincent Buß


Zwischen 2005 und 2013 wurde Yannic Corinth als Leichtgewichtsruderer in verschiedenen Altersklassen insgesamt sechs Mal Deutscher Meister. Er nahm an vier Weltmeisterschaften teil und holte einmal Bronze.

Hartes Training, gute Freunde

Manchmal wirkte der Sport auf Anouk Corinth-Koltermann martialisch. Etwa, wenn sie ihren Sohn beim Training im Bootshaus besuchte: Durch den Kraftraum dröhnte Musik, Yannic machte Bankdrücken, sein Trainer stand mit der Stoppuhr daneben.

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Vincent Buß


Andererseits seien die Trainingspartner Freunde für ihren Sohn geworden. Sie gingen zusammen auf Konzerte oder fuhren in den Urlaub. "Das war für mich eine gesunde Sache", erinnert sich Corinth-Koltermann.

Ein Freund wurde auch Lars Wichert.

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Patrick Pilz


Er lernte Yannic als Konkurrenten auf Regatten kennen. "Yannic galt als sehr talentiert und als aufstrebender U-23-Athlet", erinnert sich Wichert. Als beide 2012 auf der Suche nach einem Ruderpartner waren, taten sie sich zusammen.

"Ein ruhiger, akribischer Arbeiter" – so beschreibt Wichert Yannic. Anfangs lief es jedoch noch nicht wie erhofft. Aber Yannic habe sich davon nicht aus der Ruhe bringen lassen. Beide arbeiteten an sich, bis sich die Erfolge einstellten. Ein Jahr später wurden sie Deutscher Meister und qualifizierten sich für die WM.

Ein drastischer Schritt

Doch das Ergebnis dort war nicht gut genug für Qualifikation zu den folgenden Olympischen Spiele.

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picture alliance/dpa/EPA/Jeon Heon-Kyun


Yannic ging einen drastischen Schritt: Er beendete seine Ruder-Karriere mit 23 Jahren. Und fing sofort an, Rennrad zu fahren.

Seine Mutter glaubt, dass das Ende vom Rudern gar nicht so schlimm für Yannic gewesen sei. "Nun konnte er Vollgas geben für den Radsport." Es blieb semi-professionell: "Davon leben konnte man nicht, aber zumindest den Sport finanzieren."

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Neben seiner Karriere studierte Yannic, auch dabei ging es um Sport. Nach seinem Bachelor in Sportwissenschaft an der Universität Hamburg zog er für sein Masterstudium mit dem Schwerpunkt Trainingswissenschaften nach Freiburg. Seine Abschlussarbeit schrieb er über die Frauen-Nationalmannschaft der Cross-Country-Mountainbiker. Eine Freundin sagte daraufhin zu Corinth-Koltermann: "Jetzt hast du ja das erste Kind durch."

Und tatsächlich: Yannic hatte Job-Zusagen, unter anderem von der Uni. Es wäre sogar genug Zeit für den Sport geblieben.

Etwas stimmt nicht

Wenige Tage nach Abgabe der Masterarbeit kam Yannic nach Friedrichstadt zum 50. Geburtstag seiner Mutter. Doch die Familie bemerkte schnell, dass etwas nicht stimmte. Seiner Mutter gegenüber zweifelte er an seiner Masterarbeit, sie beruhigte ihn. Auffälliger war jedoch etwas anderes: Yannic machte keinen Sport.

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Vincent Buß


Am Morgen ihres Geburtstags fuhr Corinth-Koltermann in die Schule, sie ist Lehrerin. Der Gedanke in ihrem Kopf: "Wenn ich nach Hause komme, muss ich gucken, wie es Yannic geht." Nach einem gemeinsamen Frühstück machte Stiefvater Lars Koltermann, der auch sein erster Rudertrainer gewesen war, für ihn noch einen Termin mit einem Sportpsychologen aus.

Mittags kam Yannics 13-jährige Halbschwester von der Schule nach Hause. Ganz unruhig sei Yannic gewesen, ums Haus herumgelaufen, kaum ansprechbar. Seine andere Halbschwester sah später, wie er das Haus verließ in Sportschuhen, kurzer Hose, T-Shirt. "Ich gehe spazieren", habe Yannic gesagt.

Später schickte ihm seine Mutter eine Nachricht, es gab Abendessen. Keine Reaktion. Sie dachte, er wäre bei Freunden. Als er um halb Zehn abends immer noch nicht geantwortet hatte, rief sie die Polizei. Noch in der Nacht begann die Suche. Doch da lebte Yannic wohl schon nicht mehr. Gefunden wurde er am nächsten Tag, nicht weit entfernt von zuhause.

Die Puzzle-Teile

Als ihn die Nachricht von Yannics Tod erreichte, war sein ehemaliger Traingspartner Lars Wichert gerade im Supermarkt. "Es hat mir den Boden unter den Füßen weggezogen", erinnert er sich. "Wie kann das sein?", habe er sich damals gefragt. "Jemand, der so im Leben steht." Familienrückhalt, Masterarbeit fertig, ...

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Patrick Pilz


Seine Mutter fand bereits am Morgen nach dem Suizid erste Antworten auf diese Fragen. In Yannics Portemonnaie entdeckte sie einen Terminzettel mit Rezept von einer psychiatrischen Notfallambulanz. Ihrem Sohn war unmittelbar vor Abgabe seiner Masterarbeit eine schwere depressive Episode attestiert worden. Er hatte Schlafmittel und Anti-Depressiva bekommen. Nebenwirkung der Anti-Depressiva: Suizid-Gefahr. Sechs Tabletten fehlten. Yannics nächster Termin wäre drei Tage nach seinem Tod gewesen.

Ein möglicher Grund für die psychischen Probleme: Drei Monate vor seinem Tod hatte Yannic einen Unfall. Er wurde auf dem Rennrad von einem Auto angefahren. Damals habe Yannic sie als Erstes angerufen, erinnert sich Anouk Corinth-Koltermann. Sonst habe er sie bei Problemen nie eingeweiht, um sie zu schützen.

"Kannst du jemals wieder ohne Angst Radfahren? Kannst du überhaupt wieder Radfahren?" Diese Fragen habe sie ihrem Sohn gestellt, sagt Corinth-Koltermann. Und er habe sie bejaht.

Eigentlich hat er immer uns geholfen. Anouk Corinth-Koltermann


Noch bei den Geburtstagsvorbereitungen habe er sie beruhigt: "Mama, mir geht es gerade auch nicht so gut, aber gemeinsam schaffen wir das schon."

Doch gegenüber seinem Großvater, den er kurz vor dem Suizid zum Mittagessen traf, hatte Yannic seiner Mutter zufolge mehr offenbart: Dass er vom Unfall so starke Schmerzen habe, dass er nicht mehr schlafen könne.

Vor Yannics Tod sah sein ehemaliger Trainingspartner Lars Wichert auf einer Online-Plattform, auf der Sportler ihre Aktivitäten eintragen können, dass Yannic nicht mehr so viel Rennrad fuhr. "Aber mit Blick auf die Masterarbeit war das ja auch nachvollziehbar." Doch dies könne eben auch ein weiteres Indiz für Yannics schlechten Zustand gewesen sein, glaubt Wichert heute.

Die Droge

Sonst ging Yannic den Sport nämlich sehr diszipliniert an. Als Ruderer trainierte er vier bis fünf Stunden täglich, als Radfahrer auch noch mindestens genauso viel. Als Ruderer aß er keine Schokolade, nicht einmal Ostern. Und obwohl er als Radfahrer sein Gewicht nicht mehr halten musste, nahm er aufgrund des Trainings kaum zu.

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Patrick Pilz


Sport könne eben auch eine Droge sein, erklärt Wichert. Er selbst kenne das: Wenn er selbst einmal nicht trainierte, habe er sofort das Gefühl gehabt, schlechter zu werden.

Andererseits könne Sport auch positiv auf die psychische Gesundheit wirken, erklärt Anouk Corinth-Koltermann: Beim Training sei es möglich, Stress abzubauen und Probleme zu bewältigen. Dieser Mechanismus fiel für Yannic durch den Unfall jedoch weg, vermutet seine Mutter.

Experte: "Sport kann auch ein Suchtmittel sein"

Antonios Lipka, psychologischer Psychotherapeut, betreut in seiner Osnabrücker Praxis Athleten, die unter psychischen Erkrankungen leiden oder ihre Leistungen verbessern wollen.
Herr Lipka, ist Sport eher hinderlich oder förderlich für die psychische Gesundheit?
Erst einmal ist Sport grundsätzlich gesund. Nach dem Training fühlt man sich meistens besser und der Umgang mit Problemen wird leichter. Andererseits kann Training auch dazu benutzt werden, Probleme zu verdrängen. Werden diese dann größer, muss ich die Dosis – also das Training – erhöhen. Somit kann Sport auch ein Suchtmittel sein.
Außerdem kommen zu den Effekten durch den Sport selbst auch die Auswirkungen durch die Sportwelt dazu: Wettkampfangst, viel Druck – auch von außen, etwa durch Medien. Und vor allem Sportarten, die nach Gewichtsklassen unterteilt sind, können Essstörungen auslösen.
Wenn ein Leistungssportler keinen Sport mehr macht, besteht dann die Gefahr, in ein Loch zu fallen?
Das Karriere-Ende muss geplant werden. Es ist ein Wendepunkt für Leistungssportler: Es kann gelingen, kann aber auch zu einer Krise werden. Vieles fällt nämlich weg, zum Beispiel Dinge, über die Sportler vorher ihren Selbstwert definierten: Leistung, Anerkennung, öffentliche Aufmerksamkeit. Das muss man erst einmal bewältigen, wenn man vorher vielleicht ein Star war.
Zudem ändert sich der Bekanntenkreis, was auch Probleme bereiten kann. Denn Sportler-Kollegen strukturierten den Alltag: Sie hatten den gleichen Tagesablauf und deswegen Zeit für gemeinsame Aktivitäten. Manche Sportler wissen nach ihrer Karriere nichts mehr mit ihrer Zeit anzufangen und entwickeln Suchtkrankheiten.
Macht es einen Unterschied, ob die Laufbahn durch nachlassende Leistungen oder aber eine Verletzung beendet wurde?
Beides hat prinzipiell erst einmal die gleiche Auswirkung: Die Karriere ist vorbei. Aber Verletzungen können ein besonders plötzliches und dadurch hartes Aus bedeuten. Andererseits können sie sogar als eine Art Rechtfertigung benutzt werden, nach dem Motto „Ich konnte ja gar nicht mehr weitermachen.“ So können sie das Karriere-Ende sogar erleichtern.
Für die psychische Gesundheit ist es auf jeden Fall von Bedeutung, wie Verletzungen bewältigt werden – auch emotional und mental. Giovane Élber (ehemaliger brasilianischer Fußballprofi, Anm. d. Red.) sagte mal, dass nach einer Verletzung der Sport erst anfängt; dass sich da zeigt, wer ein Profi ist.
Was kann dabei helfen, mit dem Karriere-Ende umzugehen?
Ein zweites Standbein oder zumindest einen Plan für die Zeit nach der Karriere zu haben, kann helfen. Es ist gut, wenn man nicht vom sportlichen Erfolg abhängig ist. Denn ein Karriere-Ende kann auch finanzielle Probleme bereiten.


Wie man so offen über den Suizid reden kann

All das erzählt Corinth-Koltermann frei heraus, nur selten scheint sie innehalten zu müssen. Manchmal werde sie gefragt, wie sie so offen über die Depression und den Suizid sprechen könne, sagt sie. Sie sieht genau das jedoch als ihre Pflicht an. "Jeder muss die Gefahren kennen." So könne man einerseits auf andere Menschen aufpassen. Andererseits hätten Athleten die eigene psychische Gesundheit so möglicherweise besser im Blick.

Deswegen haben Anouk Corinth-Koltermann, Lars Wichert und weitere Freunde von Yannic einen Verein gegründet: "Wirfueryannic". Mittlerweile hat er 250 Mitglieder – Freizeit- und Leistungssportler, ehemalige und aktive. Sie nehmen zum Beispiel an Wettkämpfen teil und tragen dabei auffällige orange-gelbe Trikots mit dem Vereinsnamen.



"Wer ist denn Yannic?" Das werde oft gefragt, berichtet Wichert. Dann erzählen die Mitglieder Yannics Geschichte und die des Vereins. Und klären so über Depression auf.

Platzierungen sind den Teams nicht so wichtig, es geht eher um die Gemeinschaft. Also genau das, was vielen Sportlern nach ihrer Karriere fehlt. Denn mit dem Abschied aus dem Sport fallen auch viele soziale Kontakte weg, wie Wichert aus eigener Erfahrung weiß.

Angst, in ein Loch zu fallen

Er selbst beendete seine Ruder-Karriere im März 2019 und hatte Angst, in ein Loch zu fallen. "Ich musste dann erst einmal meinen Alltag neu strukturieren", sagt er. Der 33-Jährige hat mittlerweile zwei Kinder und schreibt seine Masterarbeit zu Ende. Er weiß aber auch: So viel Leidenschaft wie der Sport wird ein Beruf nie in ihm wecken können.

Trotzdem hält er es für wichtig, nach der Sport-Karriere nicht "vor dem Nichts zu stehen", sondern schon eine Ausbildung oder einen Studienabschluss zu haben. Optimal wäre es, findet Wichert, wenn Athleten ein Jahr lang weiter betreut würden. Um zu sehen, wie es ihnen geht. "Das ist für die Verbände aber schwer."

Schuld an Yannics Tod gibt Anouk Corinth-Koltermann niemandem. Sie hofft einfach, dass ähnliche Schicksale verhindert werden dank Aufklärungsarbeit, auch durch den Verein. Yannic wäre dort auch Mitglied, da ist sich seine Mutter sicher.

Sollten Sie selbst von Selbsttötungsgedanken betroffen sein, suchen Sie sich bitte umgehend Hilfe. Bei der Telefonseelsorge finden Sie rund um die Uhr Ansprechpartner, auch anonym. Telefonnummern der Telefonseelsorge: 0800/111 0 111 und 0800/111 0 222. Kontakt übers Internet (Chat- oder Mailberatung): www.telefonseelsorge.de


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